Barrierefreiheit
3 Kommunen auf dem Weg zur Barrierefreiheit
Gerade in kleineren oder ländlichen Kommunen ist die Umsetzung schwierig. Historische Gebäude, Kopfsteinpflaster und enge Gassen prägen das Ortsbild – und werden schnell zu Hindernissen. Dass es trotzdem geht, zeigt das Beispiel Bad Staffelstein.
Bad Staffelstein: Barrierefreiheit im Zusammenhang umsetzen

Die oberfränkische Stadt hat kürzlich einen Meilenstein erreicht: er barrierefreie Bahnhof konnte eingeweiht werden. „Wir haben als Stadt fast 30 Jahre dafür gekämpft, dass der Bahnhof in dieser Form nun hier steht“, sagt Bürgermeister Mario Schönwald. Rund um den Bahnhof wurde die Bahnhofstraße barrierefrei saniert: glatte, breite Wege für Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen, ein taktiles Leitsystem für Menschen mit Sehbehinderung. Am Ende der Straße liegt das denkmalgeschützte Rathaus – ein Schmuckstück, aber auch eine Herausforderung. „Alle beneiden uns um unser 330 Jahre altes Rathaus“, sagt Schönwald. „Aber wir beißen uns daran in Sachen Barrierefreiheit die Zähne aus.“ Als Lösung dient die barrierefreie Bürger- und Touristeninformation, die Verwaltungsdienstleistungen zugänglich macht.
So entsteht Schritt für Schritt ein barrierefreies Quartier: Bahnhof, Kurhotel, Gesundheitseinrichtungen und Bürgerinformation bilden eine durchgängige Wege- und Nutzungskette. Auch die nächste Straße soll mit barrierefreien Bushaltestellen erneuert werden. Bad Staffelstein denkt Barrierefreiheit als Bestandteil jeder Sanierung mit – auch beim Schulbau. Neben einer bereits bestehenden inklusiven Grundschule entsteht derzeit eine zweite für rund 13 Millionen Euro.
Der „Starnberger Standard“ für Barrierefreiheit
Auch Starnberg hat die Zeichen der Zeit erkannt. Als Modellkommune für barrierefreie Stadtentwicklung erhielt die Stadt Unterstützung vom Freistaat Bayern und setzte zahlreiche Maßnahmen um: Ein barrierefreies Seebad, Blindenleitsysteme, Haltestellen mit barrierefreiem Zugang, induktive Höranlagen und Aufzüge in öffentlichen Gebäuden.
Doch in der Stadt geht es nicht um Einzelmaßnahmen. Sukzessive soll Starnberg durch jede zukünftige Baumaßnahme barriereärmer werden. Dazu dient der „Starnberger Standard“. Dieses Regelwerk fasst verbindliche Vorgaben für künftige Bau- und Sanierungsmaßnahmen zusammen – entwickelt mit dem Inklusionsbeirat, der Architektenkammer und dem Landkreis. Ziel ist eine einheitliche Formensprache anstelle von Einzellösungen. Die Umsetzung erfolgt in drei Stufen: von kurzfristigen Verbesserungen bis hin zur flächendeckenden Barrierefreiheit in der Innenstadt.
Der Landkreis unterstützt mit dem Ziel, alle ÖPNV-Haltestellen barrierefrei auszubauen – eine Voraussetzung für durchgehende Barrierefreiheit über Stadtgrenzen hinweg. Starnberg zeigt, wie Standards, Kooperation und Systematik den Wandel beschleunigen.
Nürnberg: Vorreiter in Sachen barrierefreies Wohnen
Während andere Städte noch planen, hat Nürnberg längst gehandelt – und wurde dafür ausgezeichnet: Beim Access City Award 2025 der EU belegte Nürnberg den zweiten Platz der barrierefreien Städte. Grundlage ist ein Aktionsplan mit über 200 Maßnahmen, den der Stadtrat 2021 beschlossen hat. „Barrierefreiheit oder -armut ist entscheidend für ein selbstständiges Leben im Alter oder bei gesundheitlichen Einschränkungen“, sagt Martina Seel aus dem Referat Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg.

Ein Schwerpunkt liegt im Bereich barrierefreies Wohnen. Wohnungen sollen für alle nutzbar sein – mit schwellenlosen Eingängen, breiten Türen und durchdachter Raumgestaltung. Auch Barrieren für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden gezielt abgebaut. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft setzt auf inklusive Neubauten und berät zu Fördermöglichkeiten beim barrierefreien Umbau. Der Bestand der Wohnungsbaugesellschaft umfasst inzwischen 845 barrierefreie und 629 barrierearme Wohnungen.
Eine Schlüsselrolle spielt der Behindertenrat, der seit 2010 Menschen mit Behinderung aktiv in die Stadtplanung einbindet. Er berät den Stadtrat zu Bauvorhaben, öffentlicher Barrierefreiheit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Sichtbarkeit schafft Teilhabe
Alle drei Kommunen – Bad Staffelstein, Starnberg und Nürnberg – zeigen, dass Barrierefreiheit kommunal gedacht werden kann. Sie machen ihre Angebote sichtbar – mit Broschüren, Flyern und barrierefreien Webauftritten. Ob ÖPNV, öffentliche Gebäude, Freizeitangebote oder Geschäfte: Nur wer weiß, dass ein Angebot barrierefrei ist, nutzt es auch.
Fünf Lehren für mehr Barrierefreiheit in Kommunen
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Standard statt Einzelfall: Eigene Gestaltungsstandards wie der „Starnberger Standard“ sparen Diskussionen und sichern Qualität – vom Bordstein bis zum Leitsystem.
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Wegeketten statt Inseln: Barrierefreiheit wirkt nur im Verbund – wenn Bahnhof, Haltestellen, Straßen und Einrichtungen wie in Bad Staffelstein als durchgehendes System geplant werden.
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Sichtbarkeit schafft Rückenwind: Öffentliche Fortschrittslisten oder Online-Karten mit dem Status „umgesetzt/geplant“ schaffen Transparenz, Akzeptanz – und rege Nutzung.
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Barrierefreiheit ist mehr als Beton: Auch Informationszugang, Beleuchtung oder Tarifsysteme können Barrieren sein. Direkte Einbindung von Betroffenen – wie in Nürnberg – ist hier der Schlüssel.
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Priorisieren nach Wirkung: Maßnahmen, die viele Menschen betreffen und große Hürden abbauen, gehören ganz oben auf die Agenda.


