Best Practice
So können Kommunen dem demografischen Wandel begegnen
Daseinsvorsorge sichern und Infrastruktur erhalten
Oftmals gehen mit dem Schrumpfen der Bevölkerung auch die Infrastruktur-Angebote zurück. Umso wichtiger ist es, diese im Sinne der Daseinsvorsorge zu erhalten. Dazu zählen die Nahversorgung - etwa in Form von Dorfläden oder mobilen Angeboten, außerdem die medizinische Versorgung - etwa durch den Aufbau von Gemeinschaftspraxen oder den Einsatz von Telemedizin, und der öffentliche Nahverkehr - etwa durch die Etablierung flexibler Rufbusse.
Fachkräfte anlocken
Eine funktionierende Infrastruktur trägt auch dazu bei, dass sich vermehrt junge Familien ansiedeln in der Region. Um speziell Fachkräfte anzulocken, lohnt es sich, familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Verwaltung und Wirtschaft zu fördern und mit den regionalen Betrieben, Schulen und Hochschulen zu kooperieren. Zudem sollte eine deutliche Willkommenskultur für Zuziehende gepflegt werden, etwa in Form von Programmen für Rückkehrer oder besonderen Angeboten für Neubürger.
Lebensqualität für alle Generationen stärken
Weder die älteren Bürger noch die Jüngeren dürfen aus dem Blick geraten - stattdessen ist es wichtig, Angebote für alle Generationen zu stärken oder neu zu schaffen und besonderen Wert auf gemeinschaftsfördernde Projekte zu legen. Dazu zählen zum Beispiel Treffpunkte im Zentrum, Nachbarschaftshilfen, Freizeit- und Kulturangebote und Mehrgenerationenhäuser. Während es für die Jüngeren entscheidend ist, dass Kitas, Schulen und Ganztagsangebote gesichert und modernisiert werden, geht es für die Senioren darum, altersgerechten Wohnraum und eine barrierefreie Infrastruktur zu schaffen.
Ehrenamt fördern
Damit die Gemeinschaft im Ort gut funktioniert, braucht es tragende soziale Strukturen und engagierte Bürger, die sich einbringen und mitgestalten. Zudem gilt die aktive Einbindung von älteren Bürgern in ehrenamtliche Strukturen als wirksames Mittel gegen Vereinsamung und für Stabilität. Die Kommune kann einiges dafür tun, um das ehrenamtliche Engagement zu fördern. Bewährte Ansätze in Kommunen sind etwa die Durchführung von Freiwilligenprogrammen, die Initiierung von Senioren‑ und Nachbarschaftsnetzwerken, die Förderung gemeinwohlorientierter Initiativen und niedrigschwelliger Beteiligungsangebote. Für jüngere Bürger eignen sich Formate wie Jugendparlamente, für die Älteren Gremien wie Altersräte oder Seniorenvertretungen.
Alters- und generationsgerechte Quartiers‑ und Wohnkonzepte erarbeiten
Das Thema Wohnen steht mit an erster Stelle, wenn es um die Bewältigung des demografischen Wandels geht und gerade hier lohnt es sich, bereits frühzeitig und vorausschauend zu planen. Spannende Ansätze sind unter anderem Mehrgenerationenhäuser, seniorengerechte Umbauten von bereits bestehenden Gebäuden und eine Quartiersplanung, die es älteren Menschen ermöglicht, weiterhin Teil des Ortes zu sein, auch wenn ihre Mobilität eingeschränkt sein sollte.
Vorausschauend Strategien entwickeln
Der demografische Wandel vollzieht sich sukzessive und abhängig von der jeweiligen Zu- und Abwanderung und Geburtenrate. Entsprechend wichtig ist es, die Entwicklung der Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten als Kommune wachsam im Blick zu haben und eine Demografie-Analyse nicht nur einmalig zu erstellen, sondern diese auch regelmäßig fortzuschreiben. Darauf aufbauend können dann Strategien entwickelt werden, damit die Lebensqualität in allen Altersgruppen erhalten bleibt.
Überregional zusammenarbeiten
Kooperation und Zusammenarbeit lohnen sich fast immer - und erst recht, wenn es um eine derart gewichtige Entwicklung geht wie den demografischen Wandel. Gerade kleinere Kommunen können enorm von interkommunalen Projekten profitieren, etwa wenn es um gemeinsame Versorgungsstrukturen oder gemeinsam genutzte Infrastruktur geht. Werden Ressourcen derart gebündelt, lassen sich Versorgungslücken und Finanzierungslasten deutlich besser bewältigen.

Der Landkreis Tirschenreuth - eine demografiefeste Kommune
Im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz ist bereits jetzt zu spüren, wie sich der demografische Wandel auswirken kann. Im Zeitraum von 2011 bis 2021 ist die Einwohnerzahl insgesamt um 4 Prozent gesunken und bei der Gruppe der 18- bis 65-Jährigen sogar um 5 Prozent geschrumpft, während die Gruppe der über 65-Jährigen gleichzeitig um 6 Prozent gewachsen ist. „Die Grundsituation ist bei uns klar: Die Bevölkerungszahl geht stark zurück und das wird man auch nicht ganz aufhalten können“, sagt Linda Wunderlich, die im Landkreis für die Kreisentwicklung, die Wirtschaftsförderung und das Regionalmanagement zuständig ist. Allerdings sei es das Ziel des Landkreises, den demografischen Wandel bewusst in den Blick zu nehmen und die Region möglichst gut darauf vorzubereiten. „Letztlich geht es darum, nicht tatenlos zuzuschauen, sondern der Entwicklung entgegenzuwirken und aktive Projekte zu schaffen, damit sich etwas ändert“, so Wunderlich.
Intensive Bürgerbeteiligung
Hierzu wurde im Landkreis Tirschenreuth eine „Heimat- und Demografiestrategie“ entwickelt, in der verschiedenste Themen bearbeitet und Konzepte entwickelt wurden, um die Lebensqualität für die Bürger im Landkreis aufrechtzuerhalten und gleichzeitig möglichst neue Bewohner und Fachkräfte anzuziehen. Im Vorfeld gab es laut Wunderlich verschiedene Bürgerbeteiligungsprozesse und wurde die Situation im Landkreis mit einer Stärken-Schwächen-Analyse genau unter die Lupe genommen. „Wir haben bewusst die Bevölkerung befragt, wo Bedarf ist, um aktiv zu werden“, sagt Wunderlich. Dabei ging es unter anderem um die Zukunftsfähigkeit des Kreises, um die Gesundheitsvorsorge, die soziale Gemeinschaft und die Identität der Region, aber auch um Bereiche wie Wohnen, Nahversorgung und Pflege.

Vielfältige Aktionen und Projekte
Seit Ausarbeitung der Strategie wurden im Landkreis Tirschenreuth eine Vielzahl von Aktionen und Projekten umgesetzt. So gibt es etwa gegen den Ärztemangel ein eigenes Medizinstipendium des Kreises und ein Netzwerk der ansässigen Ärzte. Im Bereich Wohnen wurde der Wettbewerb “Altbestand neu gedacht” ins Leben gerufen, der die Nachnutzung leerstehender Gebäude fördert; zur Förderung der Akquise von Fachkräften wiederum werden regelmäßig runde Tische der Unternehmer abgehalten und organisiert der Landkreis eine eigene Ausbildungsmesse. Darüber hinaus wurde im Ehrenamtssektor sehr viel in Bewegung gebracht, wie Wunderlich berichtet, und gibt es dort nun u.a. eine Ehrenamtskarte und einen Vereinsführerschein. Das Thema demografischer Wandel ist bei alledem längst auch in der Bevölkerung angekommen, nicht zuletzt auch durch einzelne Aktionen wie einen Senioren-Smartphone-Workshop, eine Demenzwoche oder die Entwicklung eines Demografie-Malbuchs für Grundschüler.

Koordination von Projekten macht Sinn
Aus Sicht von Wunderlich hat sich die Entwicklung einer übergeordneten Strategie und die Analyse der Lage im Landkreis sehr gelohnt. „Das Projekt war für uns gut, um einen Überblick zu bekommen. Es gab ohnehin schon viele verschiedene Initiativen im Kreis, aber jetzt laufen diese koordiniert und wurden konkrete Schwerpunkte herausgearbeitet, mit denen wir gut weiterarbeiten können“, sagt die Mitarbeiterin.

