Klimaschutz
Fotolia: Jürgen Fälchle

Eine Stadt als Vorreiter des Klimaschutzes

Mi, 11.09.2019

Die „Sailing City“ hat als eine der ersten die ambitionierten Ziele der UN für das Jahr 2030 unterzeichnet. Hauptziele: Klimaschutz, eine nahezu autofreie Innenstadt, eine autarke, regenerative Energiegewinnung und die Müllvermeidung.

Text: Annette Lübbers 

Frauke Wiprich ist herumgekommen in der Welt: Die studierte Politikwissenschaftlerin hat im Libanon, in Kenia und als Referentin eines Bundestagsabgeordneten in Berlin Erfahrungen gesammelt. Jetzt ist die 41-Jährige zurück in ihrer Heimatstadt Kiel und sieht ihre Stadt „im Aufbruch“. Ein Aufbruch, zu dem sie selbst nicht wenig beitragen möchte: Als städtische Mitarbeiterin besetzt Wiprich die Koordinierungsstelle Kommunale Entwicklungspolitik. Eine Stabsstelle, die von der „Global gGmbH“ gefördert und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziell unterstützt wird.

 

Die Vernetzung ist ausschlaggebend

 

Die im September 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Ziele für das Jahr 2030 können als ambitioniert gelten. Einige sind – aus deutscher Sicht – kein allzu großes Thema: etwa die Ausmerzung von Hunger und Armut. Andere beinhalten für deutsche Kommunen eine große Herausforderung: etwa die Etablierung von ressourcenschonendem Konsum oder bezahlbare und saubere Energie. Frauke Wiprich sieht sich vorrangig als Lobbyistin für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Stadt: „Grundsätzlich ist es meine Aufgabe, Grundlagen und Strukturen dafür zu schaffen, dass die Ziele der UN-Agenda auch in Kiel vorangebracht werden können. Ganz wesentlich dafür ist es, mit allen relevanten Akteuren – Bürgerschaft, Vereine, Verbände, Schulen, Unternehmen und die Wissenschaft – in Kontakt zu treten und die Vernetzung untereinander zu fördern. Gleichzeitig wollen wir mit unserer Arbeit das interdisziplinäre Denken innerhalb der Verwaltung fördern“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele zeigten sich in diesem Jahr bereits auf der berühmten Kieler Woche. Im Aktionszelt der Stadt konnten Besucher auf 17 Papphockern Platz nehmen, auf denen die UN-Ziele aufgemalt waren. Die Müllvermeidung ging jedoch noch einen Schritt weiter: Auf der Kieler Woche wurden den Besuchern Bier und Wasser in 1,5 Millionen wiederverwertbaren, extra für dieses Event designten Plastikbechern mit 2-Euro-Pfand ausgeschenkt. Das bisher größte in Deutschland für ein Event verwendete Becherpfandsystem. 

Klimaschutz Kommunen
Frauke Wiprich setzt sich für den Klimaschutz in Kiel ein

 

250 Maßnahmen gegen den Klimawandel

 

Allein in Sachen Klimaschutz hat die Stadt einen Masterplan mit 250 Einzelmaßnahmen erstellt: Dazu zählen die Stärkung des öffentlichen, ab 2040 rein elektrisch betriebenen Nahverkehrs, die Etablierung neuer Fahrradrouten, das Erreichen einer CO²-Neutralität, eine zu 100 Prozent regenerative, autarke Energiegewinnung und das Ziel, zu einer „Zero-Waste-Stadt“ zu werden. Frauke Wiprich erläutert: „Kiel macht Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit, gerade im Bereich Klimaschutz, aber es bleibt natürlich noch viel zu tun. Dazu braucht es eine Menge Überzeugungsarbeit nach innen und außen und einen sensiblen Umgang mit allen, die in anderen Ressorts Verantwortung tragen." Ganz persönlich begeistert sich die Kielerin für eine neue Fahrradstrecke, die über einen aufgegebenen Bahndamm führt und schon jetzt täglich von Tausenden Bürgern genutzt wird.   

Natürlich steht der Klimaschutz im Fokus!

 

Jens-Peter Koopmann, Diplomphysiker und Klimaschutzkoordinator der Stadt, sieht Kiel schon jetzt auf einem guten Weg: „Wir waren eine der ersten deutschen Städte mit einem modernen Fernwärmesystem und einem Klärwerk, das mit Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet. Wir haben europaweit eine der modernsten Müllverbrennungsanlagen und schon jetzt eine Fähre, die einen Hybridmotor hat“, sagt der langjährige städtische Mitarbeiter. Und Frauke Wiprich fügt an: „Der Klimaschutz steht – natürlich – besonders im Fokus. Aber es ist auch nicht so, dass wir die anderen Ziele aus den Augen verlieren. Armut beispielsweise ist in Deutschland weit weniger existentiell als etwa in Afrika. Aber in manchen Kieler Stadtteilen ist die relative Kinderarmut durchaus ein Thema. Wir wollen diesen Kindern Möglichkeiten bieten, sich am kulturellen Leben der Stadt zu beteiligen und diesen Stadtteilen besondere Aufmerksamkeit im Rahmen der Stadtentwicklung widmen.“

Ich sehe deutlich, dass die Fridays-for-Future-Bewegung etwas in Gang gesetzt hat.

Frauke Wiprich, Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik der Stadt Kiel

In ihrer Arbeit nimmt Frauke Wiprich wahr, dass viele Kieler offen für Veränderungen sind und diese aktiv vorantreiben. „Ich sehe deutliche Anzeichen dafür, dass die Fridays-for-Future-Bewegung da etwas in Gang gesetzt hat. Besonders erleben wir das im Jungen Rat, in dem 12- bis 19-jährige Jugendliche sitzen. Initiativen aus der Zivilgesellschaft – etwa Unverpackt-Laden und Zero-Waste-Verein – haben schon dazu geführt, dass Kiel jetzt beschlossen hat, in einem partizipativen Prozess ein Zero-Waste-Konzept zu erarbeiten.“ Und Punkt 17 der Agenda kommt auch nicht zu kurz: die internationale Partnerschaftsarbeit. Eine Mitarbeiterin des Kieler Grünflächenamts hat den Start eines Baumschule-Projektes in der Partnerkommune Moshi Rural in Tansania begleitet. Die Baumschule in der Gemeinde soll Bäume für den ganzen Distrikt und gleichzeitig Arbeitsplätze produzieren. Ein Projekt, das der international erfahrenen Politologin besonders am Herzen liegt.

Es ist ein Kampf gegen starke Lobbys und wirtschaftliche Interessen

 

Widerstand und widerstreitenden Interessen müssen sich die beiden Koordinatoren dennoch stellen. Da gibt es zum Beispiel die Parkplatzlobby, die sich eine nahezu autofreie Innenstadt nicht vorstellen kann oder will. Und Beispiele für Interessenkonflikte liegen gerade am Hafenkai vor Anker: zwei Kreuzfahrtschiffe. Zwischen 2.000 und 5.000 Passagiere „spucken“ die Ungetüme in ihren Zielhäfen an Land – für Hafenstädte wie Kiel eine willkommene, aber auch eine schwierige Einnahmequelle. Denn der überwiegende Teil der „schwimmenden Kleinstädte“ sind extreme Umweltkiller: Berechnungen des NABU zufolge bläst ein Kreuzfahrtschiff täglich so viel Kohlendioxid aus wie 83.678 PKWs und so viel Feinstaub wie 1.052.885 PKWs. Dazu kommen Schwefeldioxid und Stickoxide.

 

Klimaschutz in Kiel
Klimakiller Schiffe: ein Kreuzfahrtschiff bläst täglich so viel Kohlendioxid aus wie 83.678 PKWs

 

Frauke Wiprich nickt: „Die Kreuzfahrtproblematik verdeutlicht die Zielkonflikte, die es auch innerhalb der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der UN-Agenda gibt: So ist zum Beispiel die Förderung von Arbeitsplätzen und Einkommen gewünscht, aber eben nicht auf Kosten der Umwelt und der menschlichen Gesundheit.“  

 

Mögliche konkrete Maßnahmen am Beispeil der Stadt Kiel sind:
- Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED
- Umstellung des Fuhrparks auf Elektromobilität
- Erneuerung der Heizungsanlage im Rathaus
- Sanierungsrate im Wohungsbestand erhöhen
- Stromsparberatungen
- Energieberatungspartys
- Energiesparwettbewerbe für Haushalte
- Kennzeichnung regionaler Produkte auf dem Wochenmarkt
- Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer
- Gemeinsamer Stromeinkauf mit Gewerbe und Handel
- Klimaschutz-Siegel für Unternehmen
- Gemeinsames Leihrad-System
- Elternhaltestellen einrichten
- Bereitstellung öffentlicher E-Lastenräder
- Hackaton zur Darstellung von ÖPNV-Verbindungen in Online-Diensten

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