Schulbus-Schild
Ohne Schulbus geht auf dem Land nichts. Doch was tun gegen zu volle Busse in Corona-Zeiten?
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Kommunen schlagen Alarm

Schulbusse sind zu voll, Reisebusse stehen

Die Beschwerden über den vollen Schulbus nehmen in der Corona-Krise zu. Was erwarten Eltern, was können Kommunen tun? Der Ruf, in der Corona-Krise nicht ausgelastete Reisebusse einzusetzen, wird lauter. Der Städte- und Gemeindebund ist dafür. Welche Möglichkeiten sonst noch diskutiert werden.

Quer durch Deutschland beschweren sich immer mehr Kinder und Eltern. Auch Schulleiter und kommunale Verantwortliche sind besorgt: Ein häufiges Dauer-Ärgernis - die übervollen Schulbusse - wird in der Corona-Krise zum echten Problem. Die Kinder drängen jeden Morgen und nach Schulende in die Busse, stehen mitunter während der Fahrt oft ganz eng beieinander. Was ist mit den nötigen Abstandsregeln zum Schutz vor dem Corona-Virus? Die greifen nicht - und die ohnehin häufig gestressten Fahrer im vollen Schulbus können nicht auch noch kontrollieren, ob die Maskenpflicht eingehalten wird. Der Bundesverband der Deutschen Omnibusunternehmer (bdo) hat jetzt eine Lösung angeboten, die auch gleich die Probleme seiner Branche mindern könnte.

Omnibusunternehmer-Verband: Wir können Busse und Fahrer in Corona-Zeiten stellen

 "Aufgrund der langen Einschränkungen und der Zurückhaltung der Kunden herrscht in der Bustouristik immer noch weitgehend Stillstand", sagte Christian Wahl, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer auf Anfrage zu KOMMUNAL. "Viele Fahrzeuge sind derzeit abgemeldet und könnten bei entsprechenden Planungen einbezogen werden." Diese Reserve stehe nun zur Verfügung. Ähnlich sehe es bei Fahrern aus. "Viele Fahrer können derzeit nicht in der Reisebranche arbeiten und könnten daher im ÖPNV eingesetzt werden", hebt der Sprecher des Bundesverbandes hervor. Er betonte: "Unsere Bitte an die politisch Verantwortlichen in allen Bundesländern lautet: Stellt bitte das Geld zur Verfügung, wir wären in der Lage, Busse und Fahrer zu stellen."

Städte- und Gemeindebund: Einsatz von freien Bussen eine Alternative für überfüllte Schulbusse

Das Angebot aus der Bustouristikbranche begrüßt der Deutsche Städte- und Gemeindebund. "Wenn die Kapazitäten bei den Verkehrsunternehmen nicht ausreichen, ist der Einsatz von freien Kapazitäten der Bustouristikbranche eine mögliche Alternative", sagte Timm Fuchs, Verkehrsexperte beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, zu KOMMUNAL. Gleichzeitig betonte er: "Eine besondere Herausforderung für die Verkehrsunternehmen besteht jedoch in der Bereitstellung des zusätzlichen Fahrpersonals, das dezentral zur Verfügung stehen muss."

Bisheriges Problem: Busfahrer fehlen

Branchenverbände gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren bundesweit etwa 70.000 Busfahrer fehlen werden. Der Verband der Deutschen Verkehrsunternehmen hat bereits eine Kampagne gestartet, bei der Busfahrer gesucht werden. Im VDV sind rund 600 Unternehmen des Öffentlichen Personenverkehrs und des Schienengüterverkehrs in Deutschland organisiert.

Der Städte- und Gemeindebund verweist auf ein in Nordrhein-Westfalen und im Saarland praktiziertes Modell, dass zusätzliche Busse über einen Landespool auf Abruf bereit stehen und die Länder die Kosten übernehmen. Dies sei zu empfehlen, so Verkehrsexperte Fuchs. Er unterstrich: "Zum wirksamen Infektionsschutz und zur Entlastung der Eltern ist es wichtig, dass Schülerverkehre per Bus im ländlichen Raum sicher sind. Damit das Abstandsgebot eingehalten werden kann, müssen ausreichend Busse eingesetzt werden." 

In einem Brandbrief an die Landesregierung fordert jetzt auch der Landrat des Wetterau-Kreises, Jan Weckler, den zusätzlichen Einsatz von Reisebussen. "Rappelvoll" seien die Busse momentan, kritisierte Weckler im Gespräch mit der  "Hessenschau".  Es sei schwer nachzuvollziehen, dass in der Schule ganz viele Regeln eingehalten werden und die dann in den Bussen nicht mehr gelten." Derzeit häuften sich die Anfragen besorgter Eltern, die dafür kein Verständnis mehr hätten", so Weckler.  Er verwies auf Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die  bereits zusätzlich Reisebusse einsetzten.

Weil Schulbusse bestimmte Auflagen erfüllen müssen, muß die Landesregierung den Einsatz von Reisebussen erst genehmigen Offen sei auch, wer die Kosten für zusätzliche Fahrzeuge und Personal tragen würden.  Weckler ist der Meinung: Die ohnehin schon durch Corona angeschlagenen Nahverkehrsbetriebe könnten nicht noch für die Mehrkosten aufkommen. Das Land müsse einspringen.

Bewegung gibt es in Baden-Württemberg. Dort will das Land jetzt zusätzliche Schulbusse finanzieren. Die Schüler sollen nicht zu eng nebeneinander sitzen, deshalb werden zusätzliche Busse benötigt. Die Kosten für die zusätzlichen Fahrten will das Land zu 80 Prozent übernehmen, wie ein Sprecher des baden-württembergischen Verkehrsministeriums dem "SWR" bestätigte. Bis zum Jahresende sollen dafür insgesamt zehn Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Landkreis Peine kippt Idee zu Schulbus-Alternative

Die Not ist groß und macht erfinderisch: Der niedersächsische Landkreis Peine wollte etwas gegen den Missstand unternehmen - doch was gut gemeint war, kam dann doch nicht gut an:  Die Kreisverwaltung hatte den Eltern eine Pauschale von 30 Cent pro Kilometer angeboten, wenn die Kinder  im Auto zur Schule gebracht werden. So sollten volle Busse vermieden und die Ansteckungsgefahr verringert werden. Nach heftigen Protesten kassierte die Verwaltungsspitze das ungewöhnliche Angebot aber inzwischen wieder ein. Zuvor hatte der Bildungsausschuss getagt und sich klar dafür ausgesprochen.  "Wir haben uns die Kritik zu Herzen genommen" sagte der Pressesprecher des Landkreises, Fabian Laaß, auf Anfrage von KOMMUNAL. "Zuerst dachten wir, besser mehr Verkehr erzeugen als die Schule wegen Corona zu schließen, doch das war zu kurz gedacht."

Vor Elterntaxis wird gewarnt

Die Verkehrssituation sei wegen vieler Baustellen und Umleitungen ohnehin schon angespannt. Zudem wird grundsätzlich vor sogenannten Elterntaxis eindringlich gewarnt. Vor Schulen ereignen sich immer wieder schwere Unfälle, bei denen Kinder verletzt oder sogar getötet werden. Kritik kam daher von vielen Seiten, sogar vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club, dem ADAC. Vor den Schulen sei einfach zu wenig Platz, mahnte der Verkehrsverband. Der Städte- und Gemeindebund Niedersachsen warnte zudem vor einem beträchtlichen Verwaltungsaufwand.

Gestellte Anträge werden noch berücksichtigt

Dass sich mit den Elterntaxis zudem der Co2-Ausstoß erhöht, hätte der Landkreis in Kauf genommen.  Er erhoffte sich damit, die Situation zu entzerren und eine Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Dabei ist man an einer umweltfreundlichen Verkehrspolitik durchaus interessiert: Schüler, die ihre Schülersammelzeitkarte abgeben und statt mit dem Bus mit dem Fahrrad zur Schule kommen, erhalten im Landkreis Peine eine Fahrradprämie von 10 Euro pro Monat. "Wir werden jetzt", so kündigte der Sprecher an, "andere Lösungen suchen." Eine Woche lief die Testphase für die Elterntaxis, inzwischen wurde sie beendet. Die bereits gestellten Anträge auf die 30 Cent pro Kilometer werden noch berücksichtigt, sagte Laaß zu.

Der Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, Ingo Wortmann, spricht sich dafür aus, dass "die Fahrgastnachfrage  in Schüler- und Berufsverkehr vorübergehend anders organisiert wird". Dazu müsse von Fall zu Fall auch die Anfang- und Schließzeiten der Schulen gestaffelt werden und sie sollten möglichst außerhalb der Hauptverkehrszeit liegen. Der Verband verweist aber auch darauf, dass es bislang keine objektiven Anhaltspunkte für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko in Bussen und Bahnen geben.

Mit #BesserWeiter hatten Bund, Länder, Kommunen und die Verkehrsunternehmen in Deutschland im Juli eine Gemeinschaftskampagne gestartet. Ziel ist es, das Vertrauen der Menschen in Busse und Bahnen zurückzugewinnen. In Abstimmung und Zusammenarbeit mit den kommunalen Spitzenverbänden hatten das Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen eine Umfrage bei den 52 kommunalen Gesundheitsämtern des Landes gestartet, um herauszufinden, ob es Ansteckungen gibt, die im Zusammenhang mit dem öffentlichen Nahverkehrsangebot stehen.

Was sind die derzeit diskutierten Lösungen für überfüllte Schulbusse wegen Corona?

Mehr Busse zu bestellen, klingt nach der einfachsten Lösung. Doch das bedeutet auch höhere Kosten. Die Kommunen stellen sich die Frage, ob die Busse dann auch wirklich ausgelastet sind - das betrifft vor allem den ländlichen Raum. Einige der derzeit diskutierten Lösungen:

  • Zu den Stoßzeiten werden generell mehr Busse eingesetzt. Die Corona-Krise beschert den kommunalen Verkehrsunternehmen allerdings ohnehin bereits Milliardenverluste. Denn die Fahrgastzahlen sind insgesamt stark zurückgegangen.
  • Die Reiseunternehmen stellen Busse und Fahrer bereit, die wegen der Corona-Krise frei geworden sind.
  • Zusätzliche Busse stehen über einen Landespool auf Abruf bereit und die Länder übernehmen dafür die Kosten - das Modell praktizieren bereits Nordrhein-Westfalen und das Saarland.
  • Sollten mehr Busse fahren, müsste auch sicher gestellt werden dass nicht alle Kinder gleich in den ersten Bus einsteigen, der vorbei kommt. Sie müssten auf den nächsten Bus warten, damit dieser nicht fast leer fährt. Der Fahrer kann die Kontrolle darüber aber nicht leisten, also wäre zusätzliches Personal an den Bushaltestellen nötig.
  • Es gibt den Vorschlag, den Unterricht an den Schulen versetzt zu starten. Doch das hätte Folgen auf alle Buslinien, der ÖPNV müsste dann anders getaktet werden.
  • Andere schlagen vor, den Unterricht zu entzerren,  Unterricht teilweise in den  Nachmittag zu verlagern oder am Sonnabend Schule zu halten.

Wer die Diskussion um die vollen Schulbusse verfolgt, weiß: Das Thema bewegt viele. Lösungen sind daher dringend gefragt.