Abwanderung gefährdet eine offene Gesellschaft - weit mehr als die wirtschaftliche Situation von Menschen
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Abwanderung gefährdet eine offene Gesellschaft - weit mehr als die wirtschaftliche Situation von Menschen, so eine Studie

Studie: Abwanderung ist eine Gefahr für die Demokratie

Wenn viele Menschen eine Region verlassen, ist das bekanntlich immer schlecht für die Region. Auch Alterung und Frauenschwund sind bekanntlich wenig hilfreich für die Zukunftsaussichten. Dass diese drei Faktoren jedoch auch eine Gefahr für eine offene Gesellschaft sind, haben viele bisher zwar eher vermutet, insgesamt aber offenbar doch unterschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung in einer Untersuchung.

Intolerante Einstellungen und das Erstarkten radikaler Parteien werden oft mit der wirtschaftlichen Situation und der Höhe der Arbeitslosigkeit erklärt. Doch das reicht als Begründung nicht aus. Viel gravierender scheint zu sein, wenn eine hohe Abwanderung auf eine alternde Bevölkerung trifft. Denn dann fühlen sich Menschen auch sozial abgehängt. In Landkreisen, die von solchen Problemen betroffen sind, nehmen Demokratie-Skepsis und fremdenfeindliche Einstellungen erheblich zu, zeigt die Studie. Auffallend ist auch, dass es in allen betroffenen Landkreisen einen Überhang an Männern in heiratsfähigem Alter gibt. Die Abwanderung von Frauen ist laut den Studienmachern ebenfalls ein großes Problem. Die Forscher widerlegen damit die bisher landläufige Meinung, die wirtschaftliche Situation in einigen Regionen vor allem in Ostdeutschland sei Grund für intolerante Einstellungen. Diese anderen Faktoren sind demnach zumindest viel gravierender. 

 

Arbeitslosigkeit spielt bei Fremdenfeindlichkeit nur geringe Rolle 

 

Zwar hat die Studie "nur" sämtliche Landkreise in Thüringen untersucht, die Ergebnisse dürften sich aber auf ganz Deutschland übertragen lassen. Denn anhand der Landkreise, die besonders betroffen sind lässt sich zeigen, dass diese stellvertretend für zahlreiche andere Regionen in Deutschland stehen, nicht nur in Ostdeutschland. Greiz, Saalfeld-Rudolstadt, der Saale-Orland Kreis und Schmalkalden-Meiningen fallen in der Studie besonders auf. Was sie alle gemein haben: Hier wurden in einer Langzeitstudie über drei Jahre hinweg (von 2011 bis 2014) überdurchschnittlich stark ausgeprägte fremdenfeindliche und chauvinistische Einstellungen gemessen. Im selben Zeitraum war die Arbeitslosigkeit in diesen Landkreisen aber nur durchschnittlich hoch oder vergleichsweise gering (etwa in Sonneberg).

Dafür war in allen Landkreisen die Abwanderung auffallend hoch, ebenso sind diese Landkreise besonders vom demographischen Wandel betroffen. Abgesehen vom Landkreis Sonneberg war zudem der Männerüberhang auffallend. 

Ähnlich lässt sich die Situation in den Landkreisen auch auf Städte übertragen. In der kreisfreien Stadt Suhl Ewa fallen sogenannte ethnozentrische Einstellungen ebenfalls besonders auf, obwohl hier die Arbeitslosenquote auch durchschnittlichem Niveau liegt. Die Bevölkerung von Suhl ist aber ebenfalls deutlich gealtert, auch hier gibt es einen Überhang an Männern. 

 

Abwanderung führt zu einem Teufelskreis

Die Gründe erklären die Forscher relativ einfach. Kommt es zu einer hohen Abwanderung fallen zunächst meist Freizeitangebote weg. Bei geringem Frauenanteil fühlen sich einige Männer zudem zurückgelassen, besonders wenn die Partnersuche durch die demographische Situation zudem erschwert wird. So fühlen sich viele Männer vor allem gegenüber den Städten abgehängt und es regiert die Angst, auf die Verliererseite des Lebens zu geraten. Wohnungsleerstand und der Verfalls von Häusern tun in der Einschätzung dann ihr Übriges. So wird das "zurückgelassen fühlen" direkt sichtbar. 

Genau dieses "abgehängt fühlen" führt im nächsten Schritt zur Abgrenzung gegenüber allen anderen Menschen, allen voran Ausländern. Die einzige Chance dieser Regionen, dem Teufelskreis aus Abwanderung, wegfallenden Angeboten und fehlenden jungen Menschen zu entkommen, besteht aber in der Zuwanderung. Genau dafür, so die Studienmacher braucht es aber Offenheit gegenüber Zuwanderern. Doch je homogener die Bevölkerung in Hinblick auf Alters- und Geschlechterverteilung wird, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sich die "verbleibende Bevölkerung" offen zeigt und dass Menschen freiwillig in die Region einwandern. 

 

 

 

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