Prüfen die Corona-Viruslast im Abwasser: Die Verantwortlichen
Prüfen die Corona-Viruslast im Abwasser: Kläranlagen-Chef Karl-Heinz Schröder (links) mit Evelyn Klassen und Dr. Alexander Kolch von der Abteilung Hygiene, Trinkwasser und Umwelt des Kreisgesundheitsamtes
© Stadt Gütersloh

Coronabekämpfung

So werden Corona-Viren im Abwasser aufgespürt

In der Corona-Pandemie sollten noch mehr Kommunen das Abwasser auf Corona-Viren überprüfen, fordern die Amtsärzte. Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte vor dem Hintergrund steigender Corona-Zahlen an, noch stärker auf das Abwassermonitoring zu setzen. Wie Köln und Gütersloh das Abwassermonitoring bereits konkret praktizieren, fasst KOMMUNAL für Sie zusammen.

Der Mann spricht aus Erfahrung, wenn er fordert, dass sich noch mehr Städte und Gemeinden dazu entschließen sollten, Abwasser auf Corona-Viren zu analysieren. Johannes Nießen ist nicht nur Vorsitzender des Bundesverbandes der Ärzte des Öffentlichen Dienstes und gehört dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung an. Nießen ist auch Leiter des Gesundheitsamtes Köln. Und Köln hat im Februar dieses Jahres den Zuschlag als einer von 20 Pilotstandorten für die systematische Überwachung von Corona-Viren im Abwasser bekommen. In dem von der EU geförderten Projekt setzen die Stadtentwässerungsbetriebe Köln und das dortige Gesundheitsamt auf die Abwasser-Überwachung.

Corona-Pandemie über Abwasseranalyse einschätzen

"Die Abwasseranalyse ist ein hervorragendes Instrument für die Pandemiekontrolle", sagte Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, jetzt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Bislang nähmen erst 20 deutsche Städte am EU-Abwassermonitoring teil. "Optimal wäre, wenn alle Kommunen mitmachen würden", betonte Nießen.

Die Überwachung des Abwassers gilt als Früh- und Entwarnsystem für die Pandemie. Infektionsausbrüche sollen so früher erkannt und präziser vorausgesagt werden. Der große Vorteil: "Riesige Testkapazitäten und komplexe Meldevorgänge sind dafür nicht notwendig", erläutert Harald Rau, Beigeordneter für Gesundheit in Köln in einer Mitteilung. Es werde damit vor allem auch die Dunkelziffer mit bislang nicht erfassten Infektionen beleuchtet. Und es kann herausgefunden werden, welche Virusvariante  gerade vorherrschend ist.

Abwassermonitoring in Köln: Wichtigste Ergebnisse

In der Millionenstadt Köln werden im Großklärwerk Stammheim über 83 Prozent der Kölner Abwässer aus Haushalten und Wirtschaftsunternehmen gereinigt. Von Oktober vorigen Jahres bis Februar 2022 wurden über 60 Proben von dort und dem Klärwerk Langel entnommen. Das Technologiezentrum Wasser in Karlsruhe analysierte die Proben. Die drei wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Pandemieentwicklung kann im Kölner Abwasser mit einem zeitlichen Vorlauf zwischen vier und zehn Tagen abgeschätzt werden.
  • Die Untersuchungen zeigten für Stammheim und Langel vergleichbare Ergebnisse.
  • Ende Dezember vorigen Jahres konnte die Omikron-Variante damals erstmals im Kölner Abwasser festgestellt werden. Mehr Infos dazu!

Gütersloh: Tägliche Wasserprobe auf Corona-Viren

Die Stadt Gütersloh gehört auch zu den Städten, die sich an dem Abwassermonitoring beteiligen. In der städtischen Kläranlage in Putzhagen werden bis Ende März nächsten Jahres fortlaufend Proben aus dem Abwasser entnommen. Die Untersuchungen werden durch das Land, den Bund und die EU bezuschusst. Das Kreisgesundheitsamt unterstützt das Projekt fachlich. "Einige Viren werden von infizierten Personen in größerer Menge ausgeschieden und können somit im Abwasser nachgewiesen werden,“ erläuterte der technische Leiter der Anlage, Karl-Heinz Schröder, jetzt bei der Vorstellung des Vorhabens. Das Monitoring sei eine objektive und effiziente Methode, unabhängig davon, ob sich einzelne Personen testen lassen oder ob es an Sonn- oder Feiertagen zu Testunterbrechungen kommt. In Kanada, den Niederlanden und Australien wird diese Methode bereits flächendeckend eingesetzt, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Weitere Länder bauen ihre Kapazitäten für den Einsatz dieser Methode inzwischen aus. Nur wenige Kubikzentimeter einer täglichen Wasserprobe aus dem Schmutzwassereinlauf reichten aus, die Proben werden im Vertragslabor des Klärwerkes mit molekularbiologischen Methoden (PCR) untersucht und dokumentiert, erläuterte Andreas Koch, Sachgebietsleiter beim Gesundheitsamt des Kreises Gütersloh.

Viren im Abwasser nicht infektiös

„Auch wenn im Rohabwasser Erbgut von Coronaviren nachgewiesen werden, muss sich niemand vor infektiösem Abwasser fürchten,“ stellt Koch heraus.  Aktive Erreger seien im Rohwasser bisher nicht nachgewiesen worden. „Corona-Erreger reagieren äußerst instabil auf ihre Umwelt, anders als ‚unbehüllte‘ Krankheitserreger wie etwa Noroviren“, so der Experte für Hygiene, Trinkwasser und Umweltfragen. Die Klärleistung der Anlagen reduziert bis zum Auslauf die Virenkonzentration um 90 bis 99 Prozent. Und auch eine Rückverfolgung auf infizierte Personen sei über die Kläranlagen nicht möglich.

Am Pilotprojekt nehmen unter anderem auch die Berliner Wasserbetriebe,  der Entsorgungsverband Saar (EVS), der Eigenbetrieb Stadtentsorgung Neustadt an der Weinstraße (ESN), Potsdam, Stuttgart, Tübingen, Altötting, Hof, Bonn, Dinslaken, Grömitz und Jena teil. Die gewählten Standorte unterscheiden sich in der Größe ihres Einzugsgebiets und somit der Anzahl an erfassten Einwohnern.Alle Standorte sollen maximal elf Monate Abwasserproben entnehmen. Die EU-Empfehlungen dazu.

Es zeichnet sich ab, dass weitere Kommunen mit einer Förderung beim Abwassermonitoring rechnen können. Im Interview mit den Tagesthemen deutete Gesundheitsminister Lauterbach dies indirekt an.  Er nannte das Abwassermonitoring als Instrument bei der Bekämpfung von Corona. Lauterbach sieht mit Sorge auf den Herbst. Wegen der Omikrom-Subvariante BA.5 sei mit stark steigenden Corona-Fallzahlen zu rechnen, so der Minister.