In einem kleinen Ort in Brandenburg hat die letzte Apotheke geschlossen - die Stadt hatte daraufhin eine ungewöhnliche Idee und sprang ein
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In einem kleinen Ort in Brandenburg hat die letzte Apotheke geschlossen - die Stadt hatte daraufhin eine ungewöhnliche Idee und sprang ein

Apothekenmangel: So hat eine Kleinstadt das Problem gelöst

Die Idee ist zugegeben nicht ganz neu. Ob in Baden-Württemberg oder in NRW - Rezeptsammelstellen gibt es schon an mehreren Orten. Ein kleiner Ort in Brandenburg musste sich dafür aber erst einmal mit der Apothekenkammer anlegen - und gewann. Seit wenigen Wochen gibt es in Niemegk nun eine solche Rezeptsammelstelle - wir stellen das Modell vor!

Der Apothekenmangel in Deutschland nimmt zu, die Zahl der Apotheken in Deutschland ist seit der Jahrtausendwende von über 22.000 auf jetzt rund 19.000 gesunken. Am häufigsten betroffen: Ländliche Regionen und kleine Dörfer. Denn Apotheken rechnen damit, dass sie im Schnitt ein Einzugsgebiet von ca. 3000 bis 4000 Menschen benötigen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Und selbst wo das gegeben ist, fehlt es oft an Nachwuchs, wollen junge Apotheker nicht die Gefahr der Selbstständigkeit eingehen. Der Online-Druck mit Versandapotheken lässt zudem viele am Zukunftskonzept Apotheke zweifeln.

Leidtragende sind vor allem weniger mobile Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ihr vom Arzt ausgestelltes Rezept auch schnell gegen ein Medikament eingetauscht wird. 

So ging es auch dem kleinen Ort Niemegk mit seinen gut 2000 Einwohnern im Süden Brandenburgs. Die einzige Apotheke in dem kleinen Ort hat im Mai dieses Jahres ihre Pforten für immer geschlossen. Die Gemeinde hatte daraufhin die Idee, wie schon andere Kommunen in anderen Bundesländern, eine Rezeptsammelstelle einzurichten. Direkt am Rathaus sollten die Bürger ihre Rezepte abgeben können, die dann an eine Apothekerin im Nachbarort weitergegeben werden. Diese sollte täglich nach Niemegk fahren und die Arzneimittel am Rathaus vorbeibringen. 

Es fand sich auch schnell eine Apothekerin aus der Lutterstadt Wittenberg, die das Geschäft für sich entdeckte, trotz des zusätzlichen Aufwands der Fahrtwege. Nur die Gesetze machten die Sache mal wieder kompliziert. Denn es bedarf diverser Vorraussetzungen, damit eine Stadt oder Gemeinde eine Rezeptsammelstelle einrichten darf. Die seien nicht gegeben, meinte die Landesapothekerkammer Brandenburg und verweigerte die unbürokratische Aktion. 

Die Apothekerin aus Wittenberg reichte daraufhin Widerspruch ein und siehe da: Die Rezeptsammelstelle wurde im Juli dann doch genehmigt. Inzwischen war der Fall - die Kommune trommelte ordentlich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit - bis zum Gesundheitsministerium vorgedrungen. Die hatten zuvor zwar noch abgewiegelt, wollten zunächst im August Gespräche mit allen Beteiligten führen, doch offenbar war der Druck auf die Apothekenkammer inzwischen zu groß geworden. Der positive Bescheid kam deutlich schneller, als erwartet. Man erkenne "die regionale Besonderheit vor Ort" an, so die Begründung. Genau die muss nämlich gegeben sein, damit eine Stadt oder Gemeinde eine solche Rezeptsammelstelle einrichten darf. 

 

Wann herrscht Apothekenmangel? Wer darf eine Rezeptsammelstelle einrichten?

 

Weniger Erfolg hatte die knapp 6000 Einwohner-Gemeinde Merkenich nördlich von Köln. Hier war die Situation über Jahre hinweg problematisch. Schon im Jahr 2013 hatte die letzte Apotheke im Ort geschlossen. Auch hier wollte die Gemeinde mit einer Rezeptsammelstelle einspringen um den Apothekenmangel auf diese Weise abzumildern. Auch hier musste die Apothekenkammer zustimmen, verweigerte diese aber. Die Gemeinde zog mit einem interessierten Apotheker vor Gericht. 

 Nun befindet sich Merkenich linksrheinisch von Köln, zugegeben eine klassische Speckgürtelgemeinde, bis zum Stadtrand von Köln sind es rund fünf Kilometer. Und das war für das Gericht Grund genug, die "besondere regionale Situation" nicht anzuerkennen. Im Urteil hieß es im Jahr 2017: "Die Voraussetzungen für die Erlaubniserteilung sind nicht gegeben." Diese könne nur erteilt werden, wenn die Einrichtung einer Rezeptsammelstelle zur "ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung von abgelegenen Orten oder Ortsteilen erforderlich" sei. Das lasse sich für Merkenich nicht feststellen, weil in einer Entfernung von fünf Kilometern in den Kölner Stadtteilen meherere Apotheken vorhanden seien. Maßgeblich sei vor allem die im Vergleich mit ländlichen Regionen sehr gute Erreichbarkeit der umliegenden Apotheken mit öffentlichen Verkehrsmitteln, so das Verwaltungsgericht in Köln. (AZ: 7K 947/14)

 

Apothekenmangel und Digitalisierung - Beispiele aus Baden-Württemberg und dem Saarland 

 

In Neidlingen in Baden-Württemberg gibt es seit dem vergangenen Jahr eine digitale Rezeptsammelstelle in einem Gebäude der Gemeinde. Und zwar im gleichen Gebäude, in dem auch die örtliche Sparkasse ihren Sitz hat. Im Foyer der Bank können die Bürger der knapp 2000 Einwohner Gemeinde seither ihre Rezepte digital einem Gerät abgeben. Das Besondere hier: Die Bearbeitung und Auslieferung erfolgt nicht von einem Apotheker. 2 verschiedene Apotheken teilen sich die Arbeit, so muss jeder nur 2-3 Mal in der Woche in den Ort fahren, man wechselt sich ab. Das digitale Gerät hat der Landesapothekerverband Baden-Württemberg in Betrieb genommen. 

Neidlingen war zuvor bereits längere Zeit nicht nur von Apothekenmangel geplagt. Eine Zeit lang hatte der letzte Arzt des Ortes wichtige Medikamente noch in seiner Praxis. Doch auch der machte im Jahr 2016 seine Pforten dicht, seither mussten die Bürger so oder so in die rund 5 Kilometer entfernte Stadt Weilheim mit ihren 10.000 Einwohnern fahren. Anders als in Merkenich war hier aber die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so konfortabel.  

Auch im Saarland gibt es seit dem vergangenen Jahr eine digitale Rezeptsammelstelle in einem kleinen Ort. Das Projekt findet also immer mehr Nachahmer.

 

Apotheken verschwinden - Lösungsansätze sind bisher rar gesäht

 

 

 

 

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