Bad Berleburg erhält den Nachhaltigkeitspreis
© Jochen Rolfes

Nachhaltigkeitsprüfung als Voraussetzung

Bad Berleburg: Die nachhaltigste Kleinstadt Deutschlands

Für ihr Leitbild 2030 hat Bad Berleburg im Wittgensteiner Land den mit 30.000 Euro dotierten Deutschen Nachhaltigkeitspreis der Allianz Umweltstiftung erhalten. Jedem Ratsbeschluss im Ort geht eine Nachhaltigkeitsprüfung voraus.

Die Basis für diese Auszeichnung haben die Bad Berleburger bereits 2010 mit der Entwicklung ihres Leitbildes 2020 gelegt. Schon damals beteiligte die Stadt, zu der neben dem Ortskern 23 Dörfer gehören, Bürger, Entscheider aus den ortsansässigen Unternehmen, Institutionen und Vereine sowie Stadtverordnete und Verwaltungsangestellte an der Ausarbeitung ihrer strategischen Ziele. Sechs Kernziele hat die Kommune damals für sich ausgemacht: Arbeit und Wirtschaft, demografischer Wandel, Bildung, Haushaltskonsolidierung, Mobilität im ländlichen Raum sowie Globale Verantwortung und Eine Welt.

Große Ziele für Wirtschaft, Infrastruktur und Bildung

2030 will Bad Berleburg eine Stadt sein, in der zufriedene mittelständische Unternehmen mit gut ausgebildeten Fachkräften die wirtschaftliche Basis der Stadt bilden. Eine starke Kernstadt und attraktive Dörfer mit guter Infrastruktur und optimaler Vernetzung sollen Neubürger in die Stadt locken und die für Studium und Ausbildung abgewanderte Jugend zurückbringen. Zugleich sollen alle jungen Menschen in Bad Berleburg Zugang zu einer „hochwertigen Bildung haben, die inklusiv, gerecht und gleichberechtigt ist und die Grundlage für ein erfolgreiches Erwerbsleben vermittelt“. Außerdem haben die an den Leitlinien Beteiligten formuliert: „Wir wollen erreichen, dass die kommunale Finanzwirtschaft auf konsolidierten Haushalten fußt, die dem Grundsatz der Generationengerechtigkeit Rechnung trägt. Nachhaltige Investitionen stehen dabei im Fokus des kommunalen Handelns.“ Auch in Sachen Mobilität hat sich die Stadt viel vorgenommen: ein weitgehend CO²-neutrale Mischung aus Individual- und öffentlichem Verkehr. Auf starken 112 Seiten hat die Kommune akribisch festgehalten, mit welchen Strategien diese Ziele erreicht werden sollen, welche operativen Ziele sich aus diesen Strategien ableiten lassen und welche Maßnahmen geeignet sind, diese operativen Ziele in den kommenden zehn Jahren zu erreichen.  

Bad Berleburg erhält den Nachhaltigkeitspreis   

Nachhaltigkeitspreis für Bad Berleburg

Wurde 2018 das Konzept der Bad Berleburger mit dem dritten Platz ausgezeichnet, landeten die Macher nun also auf dem höchsten Treppchen. Bernd Fuhrmann, seit 16 Jahren parteiloser Bürgermeister der Stadt, unterstreicht:

Seit Anfang des Jahres geht jedem Ratsbeschluss eine Nachhaltigkeitsbewertung voraus: Wie wirkt sich unsere Entscheidung wann wie auf wen und was aus? Ein derart ganzheitlicher Ansatz ist von enormer Wichtigkeit, wenn wir unsere Verantwortung für kommende Generationen gerecht werden wollen.

Bernd Fuhrmann

Bernd Fuhrmann über Nachhaltigkeit

Entscheidungen nach Solidarprinzip

Ein Ansatz, der als überzeugendes Gesamtpaket auch die Jury überzeugte. „Klimaschutz und Biodiversität, Fachkräftemangel und Bildung, eine wirtschaftliche Entwicklung und eine Haushaltskonsolidierung. Das alles zusammenzubringen und Nachhaltigkeitsstrategie zu nennen, ist auszeichnungswürdig“, erklärte Günther Bachmann als Jurypräsident. Was aber machen die Bad Berleburger nun im Einzelnen anders als andere Kommunen? Sie organisieren sich zum Beispiel gerne nach dem Solidarprinzip. Bernd Fuhrmann hat ein Beispiel: „Wir sind heute anders verfasst als noch vor Jahren. Früher wetteiferten alleine über 200 Vereine um ein Stück vom großen Kuchen. 2005 haben wir einen Jugend-Förderverein gegründet, dem mittlerweile 150 Vereine angehören. Heute landen sämtliche Einnahmen, Fördermittel und Spenden im Topf des Fördervereins. Gemeinsam wird nach dem Solidarprinzip entschieden, wer wann was wofür und wie viel bekommt. Seitdem ist festzustellen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Teamgeist der Vereinsmitglieder sich sehr positiv entwickeln haben. Für uns ist das eine beispiellose Erfolgsgeschichte.“ 

Zentrum Via Adrina vereint alle Aspekte der Nachhaltigkeit

Im Kern müssen alle städtischen Projekte sowohl lokal wertvoll als auch global nachhaltig sein. Auch dafür hat der Bürgermeister ein Beispiel parat: das Zentrum Via Adrina – ein Mammutprojekt für die kleine Stadt. Der Hintergrund: Die Insolvenz einer Schuhleistenfabrik hatte im Jahr 2000 in dem kleinen Örtchen Arfeld zur Folge, dass nicht nur viele Menschen ihren Job verloren, sondern auch eine Industriebrache mitten im Ort entstand. In einer Ideenwerkstatt mit den Bürgern entstand der Plan, ein multifunktionales Gebäude zu errichten. Aber eines das – im Sinne von lokal wertvoll und global nachhaltig – auch die Klimabilanz verbessern sollte. Mit Fördermitteln der Regionale 2013 entstand ein Haus in Holzständerbauweise, für das der lokale vorhandene Rohstoff der waldreichen Gegend verwendet wurde und gleichzeitig – verglichen mit einer herkömmlichen Bauweise – 162 Tonnen CO² einspart. Außerdem sind die verwendeten Materialen zu einem großen Teil recyclefähig. Untergekommen sind in dem Gebäude ein Feuerwehrgerätehaus, ein Eisenbahnercafé, eine Theke für gesellige Dorfabende und ein Seminarraum für Unternehmen oder öffentliche und private Veranstaltungen. In den Außenanlagen werden derzeit Stellplätze für Wohnmobile, Ladesäulen für E-Bikes und Elektroautos sowie Sitzgelegenheiten installiert. Bernd Fuhrmann betont auch in diesem Fall den Einsatz und die Teamarbeitet „seiner“ Bürger: „Die Beteiligung und das Engagement der Dorfgemeinschaft, die Vereine und Ehrenamtlichen mit ihren vielen Tausend freiwilligen Arbeitsstunden und ihrer großen Liebe zum Detail haben dieses Vorzeigeprojekt erst möglich gemacht. Vorzeigeprojekt auch deshalb, weil das Zentrum beispielhaft abbildet, wie wir zukünftig Bauwerke nachhaltig errichten und gemeinschaftlich nutzen wollen.“

Nachhatigkeit im Zentrum Via Adrina     

Nachhaltige Holzvermarktung

Lokal wertvoll und global nachhaltig: Eine Maxime, der die Stadt auch an anderer Stelle treu bleibt. In der regionalen Holzvermarktung. Ein wichtiger Unternehmenszweig im Wittgensteiner Land. Borkenkäferplage und Sturmschäden haben dafür gesorgt, dass das Aufkommen hoch und die Erlöse gering sind. Ein Verkauf des Holzes nach China ist derzeit nicht nur keine Option. Diese Lösung widerspricht auch dem Kerngedanken des Bad Berleburger Leitbildes. Ein Team aus Fachleuten – darunter Waldbauern und holzverarbeitende Betriebe – setzten sich stattdessen alle an einen Tisch und beratschlagten, wie das heimische Holz für lokale Zwecke Verwendung finden könnte. Das Ergebnisse: Aus dem Käferholz entstehen drei Brücken und mehrere Hallen. „Statt geleimtes Brettschichtholz zu verwenden, machen wir uns eine alte Zimmermannskunst zunutze und bauen eine Halle als modernes Fachwerk, die zudem den Vorteil hat, Co²-neutral zu sein“, erklärt Bernd Fuhrmann begeistert.  

Teamarbeit ist der Schlüssel

Das Geheimnis des Erfolges liegt für den Bürgermeister tatsächlich in der Art und Weise, wie Verwaltung, Unternehmen, Vereine sowie Bürger „seiner“ Stadt sich in immer neuen Teams zusammenfinden und nach bestmöglichen Lösungen suchen. Letzteres musste ihr Bürgermeister auch erst lernen. Der Mann, der aus der sportlichen Jugendarbeit kommt, war als Leichtathlet eher ein Einzelkämpfer. Seine Erfahrungen aus dem Sport kommen ihm trotzdem zugute: vorangehen, Menschen begeistern, Leistung fördern, Vertrauen schenken. Bernd Fuhrmann lacht: „Heute brenne ich für Netzwerke jeder Art. Denn gemeinsam lässt sich – nicht nur im Sport – einfach mehr bewegen!“ 

Auch von Annette Lübbers