ländlicher Raum in Deutschland
Die Sehnsucht der Deutschen nach einem Leben auf dem Land war nie so groß, wie heute

Brauchen wir einen Land-Soli?

Die Sehnsucht der Deutschen nach einem Leben auf dem Land war noch nie so groß wie heute. Gleichzeitig werden immer mehr Regionen abgehängt, wie eine neue Studie auf dramatische Weise zeigt. Das wird sich nur ändern, wenn die Menschen endlich wieder vor Ort entscheiden dürfen, was gut für sie ist, meint Christian Erhardt.

Die Mär von der Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen West und Ost ist endgültig Geschichte. Stattdessen gibt es ein immer stärkeres Nord-Süd Gefälle. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Prognos-Studie. Das Institut hat alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland in 53 Kategorien verglichen. Die Ergebnisse sind teils verblüffend. Ein Beispiel aus Oberfranken: Wann immer ich meine Schwiegereltern in Wunsiedel besuche, erlebe ich die Auswirkungen deutlich sinkender Bevölkerungszahlen. Die jungen Menschen gehen, die Älteren bleiben. Jugendzentren und Gaststätten schließen, Seniorenheime eröffnen. Die Bahn wird durch den kleineren Bürgerbus ersetzt, im besten Falle. Jetzt zeigt das Prognos-Institut aber: Die Region wäre eigentlich auch für viele junge Menschen sehr lebenswert. Nirgends in ganz Deutschland gibt es so günstige Mieten. Erzählen Sie mal einem Münchener was von einer frisch sanierten Altbauwohnung für 3 Euro 50 Kaltmiete pro Quadratmeter. Oder von der 100 Quadratmeter Doppelhaushälfte mit kleinem Grundstück zum Kaufpreis von unter 100.000 Euro. Wer die Stellenanzeigen der Unternehmen liest, stellt zudem fest: Da wird um Fachkräfte mit Gehältern deutlich über Tarif geworben. Erfolg haben damit trotzdem nur wenige Firmen, eine Frage der Zeit, bis die Unternehmen sich andere Standorte suchen. Und so schneidet der Landkreis Wunsiedel insgesamt im Ranking des Prognos-Instituts immerhin im Mittelfeld ab.

 

Nur jeder sechste möchte in der Großstadt leben
Nur jeder sechste Deutsche möchte laut Forschungsgruppe Wahlen in der Großstadt leben

 

 

Die Mär vom abgehängten Osten 

 

Im Gesamt-Ranking der Regionen liegt die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam auf Platz 4. Hallo? Brandenburg!!! Das ist das Land, über das Rainhard Grebe singt: „In Brandenburg ist wieder einer gegen einen Baum gegurkt...was soll man auch tun mit 17, 18 in Brandenburg...nimm dir Essen mit, wir fahr´n nach Brandenburg“. Damit ist klar: Der Osten ist eben nicht das Stiefkind der Republik, der Süden ist es aber auch nicht. Denn natürlich gehen die Plätze eins bis drei und auch die Plätze fünf bis zehn ausnahmslos an Regionen in Bayern und Baden-Württemberg. Im Norden hingegen, dort wo die Landschaft immer schöner, die Besiedlung immer dünner und die nächste Großstadt immer weiter entfernt ist, sind ganze Regionen abgehängt. Vom schnellen Internet, vom öffentlichen Personennahverkehr, von Teilhabe insgesamt.

 

41 % der Deutschen wären bereit, eine zusätzliche Steuer zur Förderung von ländlichen Regionen zu bezahlen!"

 

Statt Soli für den Osten ein Soli für das Landleben? 
 

Wer behauptet, der Solidaritätszuschlag werde weiter zum Aufbau Ost gebraucht, dem sei gesagt: Wenn, dann wird er für ländliche Regionen gebraucht! Denn während die Steuerquellen von Bund und Ländern sprudeln, schleppen die Kommunen einen Investitionsrückstand von 160 Milliarden Euro mit sich herum. Und so wären laut einer repräsentativen Studie auch 41 Prozent der Deutschen bereit, eine zusätzliche Steuer zur Förderung von ländlichen Regionen zu zahlen. Keine Frage, das Geld könnte etwa für den Ausbau von schnellen Internet verwendet werden. Aber löst das wirklich das Kernproblem?

 

Christian Erhardt
Christian Erhardt fordert: Gebt den Kommunen mehr Spielräume, selbst zu gestalten! 

 

 

Damit ist klar: Der Osten ist nicht das Stiefkind der Republik. Auch in anderen Teilen Deutschlands sind ganze Regionen abgehängt!" 

 

 

ländliche Räume - hier liegt das wirkliche Problem! 
 

Seit den 1960er Jahren haben zentralistische Gebietsreformen immer größere Verwaltungseinheiten geschaffen. 20.000 Dörfern wurde im Laufe der Zeit die Eigenständigkeit genommen. Über Jahrhunderte gewachsene Strukturen der lokalen Selbstverwaltung wurden zerstört. Hunderttausende Ehrenamtliche Kommunalpolitiker wurden faktisch aufs Abstellgleis gestellt. Die Botschaft: Wir brauchen euch nicht, eure Arbeit, euer Engagement ist hier nicht mehr gefragt! Großstädte und große Verwaltungen können das besser, als ihr! Und heute? Kommunen haben immer mehr Pflichtaufgaben und immer weniger Spielräume, selbst zu gestalten. Sie wirken immer stärker fremdgesteuert und fremdbestimmt! Die großen Verwaltungseinheiten wollen dann immer alles in typisch deutscher Manier absolut perfekt machen. Alles muss zu 100 Prozent bürokratisch sauber und formell fehlerfrei passieren. Und überall in gleicher Qualität. Es macht aber wenig Sinn, sämtliche Vorschriften für einen Discounter in Berlin auch bei einem kleinen Dorfladen im Emsland anzuwenden. Ich bin daher überzeugt: Wichtiger als neue Steuern ist eine größere Autonomie der Kommunen vor Ort. Die wissen am besten, ob sie das Geld lieber in den Bau einer neuen Schule, eines Sportplatzes oder einer Buslinie investieren. Lasst die Menschen vor Ort endlich wieder selbst entscheiden, was gut für sie ist, was ihnen fehlt und was ihnen gut tut. Das schafft Identifikation, das schafft neues Selbstvertrauen und das gibt den Menschen ihren Stolz zurück!

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