Mit dieser Fachkräftekampagne punktet die Stadt Bonn
Mit einer kreativen Fachkräftekampagne punktet die Stadt Bonn. Auf diesem Plakat - hier ein Ausschnitt - sucht sie Abwassertechniker.
© Stadt Bonn

KOMMUNAL-Blitzumfrage

Corona beschert Kommunen Bewerberschub

Die schwierige Lage in der Wirtschaft beschert dem öffentlichen Dienst an vielen Stellen mehr Bewerberinnen und Bewerber. Dies sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Komba für Beamte und Angestellte in den Kommunen, Andreas Hemsing, zu KOMMUNAL. Eine Blitzumfrage ergab: In Berlin und in vielen weiteren großen und kleinen Kommunen hat sich die Bewerberzahl stark erhöht.

Kurzarbeit, Entlassungen, Einstellungsstopp: Wer einen neuen Job in der Corona-Krise sucht, tut sich schwer. Ist das die Chance für den öffentlichen Dienst, der Tausende von offenen Stellen zu besetzen hat?  "Da in der Wirtschaft momentan nicht so viel eingestellt wird, stehen dem öffentlichen Dienst tatsächlich mehr Bewerbende zur Verfügung", sagt Andreas Hemsing, Vorsitzender der Gewerkschaft Komba für Beamte und Beschäftige in Kommunen auf Anfrage von KOMMUNAL.  Eine KOMMUNAL-Umfrage unter großen und kleinen Kommunen zur Bewerberlage ergab, dass viele Kommunen einen Bewerberzuwachs melden können. Zudem fragten wir ab, ob Städte und Gemeinden in der Corona-Pandemie weiter ausbilden.

 Mehr Ingenieure und Juristen für öffentlichen Dienst

"Wir stellen fest, dass in der Corona-Krise viele offene Stellen durch Quereinsteigende besetzt werden konnten",  berichtet Hemsing. "Aufgrund von Kurzarbeit und Kündigungen in anderen Branchen lassen sich beispielsweise zumindest zurzeit leichter Personen im Ingenieurs- und Rechtsbereich akquirieren."  Doch die Ausnahmesituation durch die Krise bringt für den öffentlichen Dienst nicht nur Vorteile gegenüber der Wirtschaft:  Bei der Fachkräftesuche im IT-Bereich hat uns Corona schmerzlich zurückgeworfen", so der Gewerkschaftschef. "Die Wirtschaft stellt wegen des Digitalisierungsschubs verstärkt IT-Expertinnen und Experten ein, die auch die kommunale Welt dringend benötigt."

500.000 Beschäftigte in den Kommunen hören auf

"Der Fachkräftemangel wird eklatant, wenn in den nächsten zehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen", warnt der Gewerkschaftschef. "Dann verlassen rund 500.000 Beschäftigte die kommunale Welt."

 Starker Bewerberanstieg bei der Stadt Koblenz

Die Stadt Koblenz (Rheinland-Pfalz) verzeichnet einen Anstieg an Bewerbungen. Im vorigen Jahr gingen bei der Stadtverwaltung rund 4900 Bewerbungen ein, im Jahr davor waren es etwa 3700.  Wie ein Sprecher der Stadt weiter sagte, gab für die Stellen im Kommunalen Vollzugsdienst bei einer Ausschreibung Anfang 2020 etwa 60 Bewerbungen. Bei einer weiteren Ausschreibung in der Jahresmitte waren es 230 Bewerbungen.

"Es konnten in allen Bereichen Stellen besetzt werden: im kommunalen Vollzugsdienst, bei der Überwachung für den fließenden Verkehr, Stellen im handwerklichen Bereich sowie auch vereinzelt Ingenieursstellen und Technikerstellen. Auch Sacharbeiterstellen konnten zum Beispiel besetzt werden", sagte der Sprecher. "Allerdings ist es weiter eine Herausforderung, gutes Fachpersonal im Kitabereich einzustellen. Auch seien vereinzelt Stellen im Verwaltungsbereich oder Stellen mit EDV/IT-Bezug sowie Ingenieursstellen und Technikerpositionen offen. Die Stadt Koblenz hat insgesamt rund 2400 Beschäftigte. Nach Aussage des Sprechers konnte sie 214 offene Stellen besetzen, aktuell seien 103 vakant.

Prämien bei Weiterempfehlung für öffentlichen Dienst

Wie wirbt die Stadt um die Fachkräfte? Neben betrieblichen Zusatzleistungen gibt es ein Prämien bei Weiterempfehlung, außerdem unter anderem ein Neugeborenen-Geschenk zur Geburt des Kindes.

Die Ausbildung läuft in Koblenz unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen weitestgehend wie bisher, betonte der Sprecher. Zusätzlich besteht die Möglichkeit Homeoffice für Azubis zu nutzen.

Berlin: Zahl der Bewerber im Corona-Jahr massiv gestiegen

Auch in der Hauptstadt Berlin wird die Corona-Krise zur Chance, dringend benötigtes Personal zu gewinnen. Finanzsenator Matthias Kollatz sagte KOMMUNAL auf Anfrage:  „Allein 2020 gab es insgesamt mehr als 136.000 Bewerbungseingänge, 2018 waren es noch knapp 57.500. Es ist erstaunlich, dass die Zahl ausgerechnet im ‚Corona-Jahr‘ so stark gestiegen ist."  Er zeigte sich sicher: "Diesen Prozess befördert haben aber bestimmt die guten Rahmenbedingungen und sicheren Perspektiven im Berliner Verwaltungsdienst."

Hauptstadt Berlin mit neuem Karriereportal

Hinzu käme eine wesentliche Verbesserung: "Auf dem neuen landesweiten Karriereportal sind alle Jobangebote gebündelt und Onlinebewerbungen möglich. Dadurch konnten deutlich mehr Stellen ausgeschrieben und Bewerbungsverfahren schneller abgeschlossen werden.“ Derzeit sind im unmittelbaren Landesdienst Berlins rund 127.370 Beschäftigte tätig.

Die Präsenz des Landes Berlin auf Recruitingmessen/-events wurde im Jahr 2020 erfolgreich auf digitale Formate umgestellt. Berlin war zum Beispiel  bei der Messe „Sticks&Stones“ im Juni 2020 dabei, dem „Creative Bureaucracy Festival“ im September/Oktober 2020 und im November 2020  bei der Messe „Einstieg“. Auch in diesem Jahr setze das Land Berlin auf die digitale Teilnahme an entsprechenden Messen und Recruitingevents, so eine Sprecherin. Zudem werde die behördenübergreifende Arbeitgeberkommunikation des Landes Berlin gestärkt: Die bereits etablierte landesweite Arbeitgebermarke „Hauptstadt machen“ wird im Zuge den neuen Stadtmarketings wir.berlin einer Neugestaltung unterzogen, in die landesweit Anwendung und werblich in das Bild der Stadt gebracht. 

Studiengang "Öffentliche Verwaltung" in der Hauptstadt begehrt

Das Land Berlin bildet trotz der derzeit herrschenden Covid 19-Pandemie Nachwuchskräfte aus. Im Jahr 2020 haben 2.592 junge Menschen ihre Ausbildung aufgenommen. Die Anzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse bleibe unverändert hoch. Mitte Februar endete der Bewerbungsschluss für den Studiengang "Öffentliche Verwaltung". Das Interesse scheint groß: Auf 40 Plätze kommen 799 Bewerbungen, so eine Sprecherin. Berlin mit knapp 3,77 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wächst jährlich um etwa 40.000 Menschen und mit ihr die Aufgaben an eine moderne Verwaltung. Gleichzeitig gehen in den nächsten Jahren tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ruhestand.

Bürgermeister von Eltville am Rhein: Interesse am öffentlichen Dienst steigt

Der Bürgermeister von Eltville am Rhein (Hessen), Patrick Kunkel, zeigt sich zuversichtlich: "Die Kommunen werden als Arbeitgeber attraktiver", sagte er KOMMUNAL.  "Bewerbungszahlen steigen, weil es in der freien Wirtschaft für viele schwieriger geworden ist." Was er erlebt: "Aktuell werde ich persönlich öfter darauf angesprochen, ob wir freie Stellen hätten." Auch in Eltville werde weiterhin  ausgebildet.

Die Stadt beschäftigt insgesamt rund 185 Mitarbeiter und kann seit den vergangenen Monaten unter anderem offenen Stellen im Bürgerbüro- und Bügerservice, im Bauamt, in der Friedhofsverwaltung, Strategische und Online-Kommunikation sowie diverse Stellen in der Tagespflege bestellen.

Derzeit sind laut Kunkel noch fünf Stellen offen. "Es gibt spezifische Stellen, zu denen auch weiterhin weniger qualifizierte Bewerbungen eingegangen sind: im Standesamt, in der Jugendpflege, in der Kita. Vakant ist auch noch die stellvertretende Leitung des Haupt-/Ordnungsamtes. Um noch attraktiver zu werden, bietet  Eltville am Rhein  seit 1. Februar dieses Jahres das Jobticket für Beschäftigte an. Die Kosten trägt der Arbeitgeber.

"Mein Ziel ist es ja auch, mehr Menschen für den öffentlichen Dienst zu begeistern", so Kunkel. "Ich bin sehr gespannt, wie unser Projekt „Eltville LAB“ als Lernlabor angenommen werden wird… hier wollen wir auf NEW WORK-Ebene mit einem „Gründerzentrum“ innerhalb der Verwaltung eine Verbindung schaffen zwischen Verwaltung und Hochschule."

Landkreis Prignitz: Mehr Initiativbewerbungen

Der strukturschwachen Landkreis Prignitz  unter Landrat Ralf Reinhardt im Nordwesten Brandenburgs bestätigt ebenfalls ein gestiegenes Interesse in der Corona-Krise. "Wir erhalten derzeit mehr Initiativbewerbungen", teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. "Sie passen jedoch selten auf aktuelle Ausschreibungen." Es falle aber auf, dass die Qualität der Bewerbungen zum Teil um einiges besser sei als noch vor ein paar Monaten und die Bewerber in Auswahlgesprächen besser vorbereitet seien. Sie hätten sich stärker vor dem Gespräch mit dem Arbeitgeber und den künftigen Aufgaben beschäftigt. "Zwischenzeitlich war es schwierig, für befristete Stellen zum Beispiel einer Elternzeitvertretung qualifizierte Bewerber zu finden. Hier haben wir aktuell eine bessere Situation", so der Sprecher der Landkreisverwaltung. Schwierig sei es weiterhin, Ärzte- und Sozialarbeiter-Stellen  zu besetzen.

Ende 2020 hatte der Landkreis Prignitz rund 790 Beschäftigte und 34 Auszubildende. An der Anzahl der Auszubildenen habe sich durch Corona nichts geändert. Im vorigen Jahr sei ein zusätzlicher Ausbildungsplatz als Gesundheitsaufseher eingerichtet und besetzt worden. Der Sprecher sieht die Herausforderungen noch lange nicht bewältigt. "In den nächsten zehn Jahren verlassen uns altersbedingt etwa ein Viertel der Mitarbeiter. "Wir müssen uns daher trotz Corona auch personell auf die kommenden Jahre gut vorbereiten."

Pforzheim: Leichte Tendenz zu mehr Bewerbern

Für die Stadt Pforzheim in Baden-Württemberg  stellt eine "leichte Tendenz zu mehr Bewerbern fest."  Es ergebe sich kein einheitliches Bild, so ein Sprecher. "Bei manchen Ausschreibungen sei eine Zunahme festzustellen, bei anderen nicht. Oftmals fehle es an der erforderlichen und ausgeschriebenen Qualifikation. Die Stadt Pforzheim besetze im Laufe eines Jahres über 300 Stellen. Aktuell seien 30 ausgeschrieben. "Wir besetzen im Schnitt zwischen 25 und 30 Stellen im Monat", sagte der Sprecher der Stadtverwaltung. "Eine Ausnahme ergibt sich durch den Betrieb des Kommunalen Impfzentrums. Hier haben wir in den letzten sechs Wochen knapp 45 zusätzliche befristete Stellen besetzt. Wir haben unsere Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren weiter erhöht und dies auch im Zuge von Corona nicht verändert."

Um Fachkräfte zu gewinnen,  beteiligt sich die Stadt  Pforzheim an landesweiten Werbemaßnahmen beispielsweise über den Städtetag, werben auf einschlägigen Messen, geht in Schulen und Hochschulen und ist auf social media aktiv.

In Solingen bewerben sich mehr Elektroingenieure

Solingen (Nordrhein-Westfalen) verzeichnet laut einem Sprecher im Durchschnitt nicht mehr Bewerber als in den vergangenen Jahren. Allerdings seien verstärkt Bewerbungen von Elektroingenieuren eingegangen, diese Stellen seien bisher schwer zu besetzen gewesen. Derzeit seien noch sieben offene Stellen extern ausgeschrieben, darüber hinaus diverse Stellen im internen Besetzungsverfahren. Es werde im gleichen Umfang ausgebildet wie vor Corona. Solingen hat rund 3560 Mitarbeiter. Wie die Stadt Soligen  um Fachkräfte wirbt? "Beispielsweise über Social -media-Kanäle, auf unseren Bussen und einen City-Light-Poster."

Komba-Gewerkschaftschef Hemsing: Fachkräftemangel Thema bei Tarifrunden 2022

"Damit der öffentliche Dienst sich die dringend benötigten Fachkräfte sichern kann, dürften die Kommunen nicht mehr ausschließlich auf den Faktor Sicherheit setzen", fordert Komba-Gewerkschaftschef Hemsing gegenüber KOMMUNAL. " Da der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten immer größer werde, müsse die Digitalisierung vorangebracht und mehr Flexibiltiät ermöglicht werden. Der demografische Aspekt und die notwendige Fachkräftegewinnung müsse ganz klar auf die Agenda für die Tarifverhandlungen 2022.