Erst am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang Mödlareuth eröffnet. (Foto: Alfred Eiber/ Bayerische Grenzpolizei)

Das Dorf an der Grenze dreier Länder

In unserer neuen Serie stellen wir besondere Orte in Deutschland vor. Die kleinste Gemeinde Deutschlands, eine deutsche Enklave auf Schweizer Gebiet oder die flächenmäßig größte Stadt der Republik. Den Anfang macht ein Ort, der einst zwischen West und Ost geteilt war: Mödlareuth.

Einst gingen die Fotos aus Mödlareuth um die Welt: „Little Berlin“, „das kleine Berlin“ nannten die Zeitungen das Dorf, das genau an der Landesgrenze von Bayern und Thüringen liegt. Denn der Weiler war, so wie die geteilte Viersektorenstadt Berlin, von einer meterhohen Grenzmauer geteilt. Mitten im Ort, am gemächlich dahinplätschernden Tannbach, verlief die Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR, stießen die Gegner des Kalten Krieges aufeinander. Der zur DDR gehörende Teil von Mödlareuth lag im Sperrgebiet, nur mit besonderer Genehmigung durfte das Dorf betreten werden. Politisch unliebsame Bürger wurden zwangsumgesiedelt, Selbstschussanlagen und Minen verhinderten die Flucht in den Westen.

Die ehemaligen DDR-Grenzanlagen sind heute Teil eines Museums (Foto: Marcus Meissner/eleucht)

25 Jahre nach dem Mauerfall plätschert der Tannbach immer noch gemächlich durch Mödlareuth. Seine Geschichte als Grenzfluss sieht man ihm kaum noch an – doch die im 16. Jahrhundert gefallene Entscheidung, das Dorf zwischen der Markgrafschaft Bayreuth und der Grafschaft Reuß-Schleiz zu trennen, hat weiter Bestand: Heute gehört ein Teil der Siedlung zur thüringischen Stadt Gefell, der andere Teil zum bayerischen Töpen. Und ganz in der Nähe des Dorfes findet sich sogar der „Drei-Freistaaten-Stein“ - die Stelle, an der die Landesgrenzen der drei Freistaaten Sachsen, Thüringen und Bayern zusammenstoßen. Mödlareuth ist bis heute ein Dorf in Grenzlage. „Im Alltag ist die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen ausgezeichnet“, sagt der Bürgermeister von Gefell, Marcel Zapf. Wenn es in der Gemeinde Gefell brennt, und die Kameraden der Feuerwehr bereits im Einsatz sind, helfen selbstverständlich Wehren aus Bayern. Und bei einem Unfall auf der Autobahn A 9, die das Gemeindegebiet der Länge nach durchquert, kommen auch Krankenwagen aus dem fränkischen Hof zum Einsatz. „Die Leitstellen wissen darüber Bescheid“, sagt Zapf. Trotzdem ist die Grenzlage für die Mödlareuther bis heute spürbar: Das insgesamt vielleicht 100 Einwohner zählende Dorf hat zwei Telefonvorwahlen und zwei Postleitzahlen. Schüler aus dem einen Teil gehen auf die Schule in Gefell, Schüler aus dem anderen Teil auf die Schule nach Hof. Das bedeutet auch, dass der Ort regelmäßig von zwei Schulbussen angefahren wird. Und auch wenn an der Grenze in Mödlareuth heute keine Schüsse mehr fallen: Gerade im Bildungsbereich verkompliziert sie das Leben der Kommune. „Wir hatten ein Kind aus Bayern, das bei uns in die Kindertagesstätte ging“, sagt Bürgermeister Zapf. Weil die Bildungspolitik in Deutschland Länderangelegenheit ist, wurde das schwierig. Denn in Bayern sind die Zuschüsse für die Kinderbetreuung geringer als in Thüringen. Und das blieb auch so, obwohl das Kind in Thüringen betreut wurde. „Wir haben damals Miese gemacht“, sagt Zapf. Solche Erfahrungen sind typisch für eine Kommune, die an einer Grenze zweier Bundesländer liegt. Auch anderswo werden sie gemacht: Zwischen dem Stadtstaat Berlin und dem benachbarten Brandenburg gibt es immer wieder Schwierigkeiten, wenn Brandenburger Kinder in Berlin beschult werden sollen. Ein eigener Staatsvertrag wurde nötig, um die Kita-Betreuung im jeweils anderen Bundesland zu regeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich im Ort eine Grüne Grenze, bis diese 1952 durch einen hohen Bretterzaun geschlossen wurde. (Foto: Arndt R. Schaffner)

Ein anderes Thema, das regelmäßig an Landesgrenzen zur Verzweiflung führt, ist der Nahverkehr: Denn oft ist die Landesgrenze auch die Grenze des jeweiligen Verkehrsverbunds. Buslinien enden an der Landesgrenze, Bahnverbindungen werden nicht bis ins Nachbarland bestellt. Ein ganz besonders absurdes Beispiel findet sich in Hamburg: Hier verkehren im Ortsteil Schenefeld seit dem Herbst 2015 im Rahmen eines Pilotprojekts Elektrobusse. Doch ihre Fahrten enden auf Hamburger Gebiet, alle Touren, die über die Landesgrenzen fahren, werden mit Dieselwagen durchgeführt. „Das ist bei uns besser gelöst“, sagt der Mödlareuther Bürgermeister Zapf. „Wir haben eine durchgehende Buslinie von Hof nach Gefell, und in Dobrareuth, das auf unserem Gemeindegebiet liegt, sogar einen kleinen Verkehrsknotenpunkt.“ Der Bürgermeister ist stolz darauf, dass seine Kommune gut mit Bussen erreichbar ist, auch wenn die Kreisstadt im anderen Bundesland längst nicht so oft von Gefell aus angefahren wird, wie etwa das benachbarte Schleiz. Auch im Fahrplan ist die Landesgrenze sichtbar. Zapf indes betont lieber die Gemeinsamkeiten: Zusammen haben die bayerische und die thüringische Kommune in Mödlareuth ein Dorfgemeinschaftshaus errichtet, das nun den Einwohnern beider Dörfer zur Verfügung steht. Und auch für die örtliche Wirtschaft hat sich die Grenzlage längst zum Vorteil entwickelt: Denn rund 80.000 Menschen pro Jahr besuchen das deutsch-deutsche Museum in Mödlareuth. Sie fotografieren sich vor dem ehemaligen Grenzturm und gruseln sich beim Anblick der Sperranlagen. Und sie essen in der Dorfgaststätte und übernachten in den Nachbarorten – weswegen die Lage an der Grenze für die Gemeinde Gefell und ihren Ortsteil Mödlareuth wenigstens im Tourismus nach vielen hundert Jahren nun zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden ist.

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