Digitalisierung: Fluch oder Segen? Eine Kolummne über die digitale Nachrichtenflut
Digitalisierung: Fluch oder Segen? Eine Kolummne über die digitale Nachrichtenflut

Kolummne

Digitalisierung: Hilfe, mir wird die Zeit gestohlen

Die Flut an wichtigen und unwichtigen Nachrichten verändert unsere Wahrnehmung und wir stumpfen ab. Das Internet muss stärker auch seiner sozialen Verantwortung gerecht werden, meint daher Franz-Reinhard Habbel.

Aufmerksamkeit wird in einer weitgehend durchdigitalisierten Medienwelt zum höchsten Gut. Zeit ist knapp, der Kampf um Aufmerksamkeit wird immer härter. Die virtuelle Welt oder heute Metaverse genannt, erweitert vielleicht den Raum, gibt uns aber nicht mehr Zeit. Es beginnt bereits in den frühen Morgenstunden. Hunderte von Nachrichten werden als Newsletter auf die Smartphones und Tablets gespielt. Sie heißen zum Beispiel Politikbrief, Morgenlage, 100Headlines.Table, Briefing. Jeder Newsletter für sich hat seine Berechtigung, informiert kurz und prägnant. Aber es ist die Fülle und die damit verbundenen, sich oftmals wiederholenden Nachrichten, die stressen. Das kommt mir doch bekannt vor, sagt einem der eigene Kopf. Neben dem Smartphone ist es die Smartwatch die, angesichts des Minidisplays, Texte von renommierten Zeitungen in homöopathischer Dosierung ausspielt. Eine einfache Drehung des Handgelenks reicht aus und die Nachrichten ploppen auf. Der Blick in die Tageszeitung am Frühstückstisch ist fast schon überflüssig. Nicht vergessen werden dürfen die vielen Eilmeldungen, die oftmals darüber berichten, dass ein mir nicht bekannter Schauspieler oder Sänger in den USA verstarb. Fast kein Tag vergeht ohne Eilmeldung.

Digitalisierung führt zu fehlender Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem

Mit deren Fülle, sinkt allerdings die Relevanz und macht eine Eilmeldung zur normalen Nachricht. Die Meldung über einer Trainerwechsel in der Bundesliga kann man noch als wichtig betrachten. Das ein Spieler der zweiten Liga sich den Knöchel verstaucht hat, eher wohl nicht. Nicht vergessen dürfen wir die Nachrichten der etablierten Businessnetzwerke, die ebenfalls Informationen auf die Smartwatch spielen. Kritiker werden einwenden: Selbst schuld, wenn man einen Strom von Newsletter und damit Nachrichten abonniert hat. Was ärgerlich ist, dass im Laufe des Tages sich viele Meldungen als identisch herausstellen und beim Lesen noch einmal Zeit kosten. Auf der anderen Seite: Wiederholungen prägen die Erinnerung.

Digitalisierung kann auch Abstumpfung verursachen - was zu tun ist...

Wirklich nachdenklich sollte uns allerdings etwas anders machen. Das tägliche, bisweilen stündliche, Befeuern mit Kriegsmeldungen, Klimakrise, Covid19-Pandemie, Energiekrise und Lebensmittelknappheit verändert unsere Wahrnehmung und stumpft uns ab, nimmt uns die Betroffenheit. Auf der anderen Seite kann eine Überfülle an Informationen und deren dauerhafte Wiederholung auch dazu führen, dass man sich in der eigenen Blase bestätigt fühlt, Selbstreflexion und Diskursbereitschaft sich abschwächen. Menschen leiden unter dem permanenten Informationsstrom zu Krisen, Krieg und Pandemie. Das kann das Selbstvertrauen schwächen. Den Bildern oder Nachrichten auszuweichen, inaktiv zu werden, wäre sicher der falsche Weg. Es zeigt sich ein Dilemma. Das Vocer Institut für digitale Resilienz hat untersucht, welche Strategien es gegen das digitale Burnout gibt und wie sie wirken. Dort heißt es: „Digitale Resilienz“ wird daher besonders in der gegenwärtig kurzen Abfolge von Krisen, Katastrophen und Kriegen zur gefragten Querschnittskompetenz: Sie beschreibt nicht nur die Widerstandskraft der Mediennutzer gegenüber Hass, Hetze und Propaganda. Sie befasst sich ebenso mit der Frage, wie Nachrichtenmedien auch im Internet ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden können, um die Resilienz ihres Publikums zu stärken und dieses vor medialem Überdruss und einer Abkopplung vom öffentlichen Diskurs zu bewahren.“