Das Dorf der Zukunft - mit dem Supermarkt der Zukunft
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Das Dorf der Zukunft - mit dem Supermarkt der Zukunft

Das Dorf der Zukunft

Wissenschaftler des Leibnitz-Instituts schreiben die ländlichen Räume ab – sie hätten keine Zukunft. Diese Einstellung gefährdet Demokratie und Wohlstand, meint Christian Erhardt. Und zeigt auf: Die Zukunft des Landlebens hat gerade erst begonnen!

Fördergelder sollen nach Meinung des Leibnitz Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle künftig auf Ballungszentren konzentriert werden. Was um Himmels Willen hat die Verfasser bei der Veröffentlichung dieses Gutachtens nur geritten? Der gesunde Menschenverstand kann es nicht gewesen sein. Denn die Aussage würde in der Realität bedeuten, Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern mit seinen prosperierenden Ostsee-Gemeinden völlig von der Wirtschaftsförderung abzukoppeln. Das Gutachten erinnert stark an die Diskussion um das schnelle Internet 5G. Aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen macht die Versorgung „an jeder Milchkanne“, wie es eine Ministerin abwertend formulierte, natürlich keinen Sinn. Doch Lebensqualität ist mehr als die Summe des Bruttoinlandsprodukts. Wer etwa autonomes Fahren ermöglichen will, braucht flächendeckend – ja, an jeder Milchkanne – 5G. Die Ballungszentren können also nicht ohne die ländlichen Räume und umgekehrt. 

 

Das Dorf hat keine fähigen Arbeitskräfte - so eine Ignoranz! 

 

Noch mehr geärgert hat mich beim Leibnitz-Institut nur die Aussage in dem Gutachten, Firmen würden sich in ländlichen Gebieten nicht ansiedeln, weil dort die nötigen Arbeitskräfte fehlen würden. Diese Aussage ist an Ignoranz kaum zu überbieten. Nahezu alle sogenannten „Hidden Champions“, also die geheimen Weltmarktführer in ihren Bereichen, sitzen in kleinen Orten. ACO Severin stellt im 10.000 Einwohner Dorf Bübelsdorf die erfolgreichsten Entwässerungssysteme der Welt mit einem Umsatz von über 700 Millionen Euro im Jahr her, der Weltmarktführer in Sachen Fruchtgummis, Amapharm hat seinen Sitz in einer 5300 Einwohner-Gemeinde und beschäftigt 170 Mitarbeiter, auch Adidas mit Sitz in der 23.000 Einwohner-Stadt Herzogenaurach zeugt davon. 

Fakt ist aber auch: Bei Wirtschaftsförderprogrammen werden gerne alle Kommunen „über einen Kamm geschert“. Jede Gemeinde hat aber ihre ganz eigenen Stärken und Eigenschaften. Deshalb lassen sich Förderprogramme nicht „von oben herab“ verordnen, sondern müssen individuell vor Ort angepasst und entschieden werden. Mehr Entscheidungskompetenz für die Städte und Gemeinden würde hier weiterhelfen. 

 

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann ist der Markt der Möglichkeiten fast unbegrenzt. Wenn wir die Möglichkeiten denn endlich denken!

KOMMUNAL-Chefredakteur Christian Erhardt

 

Dorf gestalten, statt Dorf abschreiben - zukunftsweisende Projekte

 

Wegweisend erscheint mir daher ein Beispiel der Hochschule Harz, genau wie das Leibnitz-Institut in Sachsen-Anhalt ansässig.Sie konzipieren gerade den Dorfladen von morgen. Hintergrund: Viele Dörfer haben keinen Supermarkt mehr, Dorfladen-Initiativen sind nicht immer erfolgreich, weil Fixkosten wie Personal, Buchführung und Miete zu hoch sind. Die Universität untersucht aktuell mit Fördergeldern, welche moderne Technik es braucht, damit sich ein personalfreier Dorfladen selbst trägt. Ein Dorfladen, der rund um die Uhr geöffnet hat, bei dem es trotzdem eine Kontrolle gibt, ob etwa Jugendliche Alkohol kaufen wollen und der auch insbesondere für ältere Menschen problemlos handhabbar ist. (KOMMUNAL BERICHTETE) Die Technik dazu wird gerade erprobt: Eine personalisierte Chipkarte gewährt Zutritt zu den Verkaufsräumen. Mit der Karte ist der Einkauf auch dann möglich, wenn große Discountmärkte geschlossen haben. Liegen die benötigten Waren im Einkaufswagen, steuert der Kunde den Ausgang an. Dort werden per RFID-Checkout-Area alle Waren ohne einen zusätzlichen Scanvorgang automatisch beim Verlassen ausgebucht. Die Bezahlung erfolgt bargeldlos über eine auf der Chipkarte hinterlegte Bankverbindung. Das ganze videoüberwacht und ergänzt um regionale Produkte kann dann mit dem Angebot der großen Ketten problemlos mithalten. Asiens Shopping Center sind sogar schon einen Schritt weiter: Dort wird der Kunde dann am Eingang persönlich begrüßt, seine Vorlieben sind den Rechnern bekannt und er kann gezielt sachkundig durch die Regale geführt werden. 

 

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Das Dorfleben der Zukunft - wir müssen es nur wollen! 
 

Während die Lösungsansätze des Leibnitz-Instituts das Gefühl vieler Menschen, „abgehängt“ zu sein noch verstärken würde, schafft die Hochschule Harz die Voraussetzungen für das Dorfleben der Zukunft.Und diese Zukunft hat gerade erst begonnen. Denn der digitale Wandel schafft enorme Chancen für ländliche Regionen. Übrigens auch für neue Arbeitsplätze, die sich heute vielleicht noch nicht lohnen. Kosten für „Mittelsmänner“ etwa beim E-Commerce fallen weg. Einzige Voraussetzung sind schnelle Leitungen für JEDES Dorf in Deutschland. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann ist der Markt der Möglichkeiten, um im Bild zu bleiben, fast unbegrenzt. Wenn wir die Möglichkeiten denn endlich denken!

 

Gedanken, Visionen und Kommentare veröffentlicht Christian Erhardt täglich aktuell bei Twitter auf seinem Account unter www.twitter.com/kommunalde Diskutieren Sie mit! 

 

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