Der Dorfladen kehrt zurück - rund um die Uhr geöffnet und modern
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Der Dorfladen kehrt zurück - rund um die Uhr geöffnet und modern

Der Dorfladen kehrt zurück - Als Supermarkt der Zukunft

Rein theoretisch können wir heute "nur" über einen kleinen, aber erfolgreichen Dorfladen in Sachsen-Anhalt berichten. Er läuft wirtschaftlich - im Gegensatz zu vielen anderen Projekten - gut. Aber er ist weit mehr als die Anlaufstelle einiger Dorfbewohner. Er ist nicht weniger als die große Hoffnung mindestens der Politiker in Sachsen-Anhalt. Ein Projekt macht Schule!

Der Tante-Emma Laden soll in Kürze sein Comeback erleben. Zumindest in Sachsen-Anhalt. Dort ist ein zukunftweisendes Projekt gestartet, das auch für viele andere Regionen in Deutschland extrem spannend ist. 

Doch beginnen wir ganz vorne, in einem kleinen 800 Seelen Dorf Namens Deersheim, ein Ortsteil fünf Kilometer von der eigentlichen Stadt Osterwieck entfernt im Harz. Im Jahr 2012 schloss auch hier die letzte Einkaufsmöglichkeit. Wie häufig gründeten zahlreiche Dorfbewohner (es waren sage und schreibe 120 Menschen) aus einer Bürgerinitiative heraus eine Genossenschaft. Im Jahr 2016 errichteten sie einen Dorfladen. Inzwischen hat er zahlreiche Preise gewonnen, etwa im Jahr 2016 als Leuchtturmprojekt der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, im Jahr darauf den Demografiepreis des Landes Sachsen-Anhalt. 

 

©Wolkenkratzer - eigenes Werk
Das Dorf Deersheim (Luftaufnahme) ©Wolkenkratzer - eigenes Werk

Das besondere am Dorfladen ist die Idee 

 

Der Dorfladen hat funktioniert, inzwischen sind in dem ehemaligen Kuhstall ein kleiner Imbiss und ein Café untergebracht. Der Dorfladen wird immer mehr zum Treffpunkt des Ortes. 
Der Dorfladen in Deersheim gilt der Politik im Land nun als Vorbild für ein großangelegtes und mit vielen Födergeldern hinterlegtes Projekt. Im ganzen Land sollen nämlich solche Dorfläden entstehen. Mit Hilfe digitaler Technik. Allein in diesem Jahr fließen bereits 300.000 Euro in die Vorbereitungen. Das Projekt nennt sich "DigiShop Harz" und ist an der Hochschule Harz angesiedelt. Entstehen soll der personalfreie Dorfladen, der sich durch moderne Technik selbst trägt. Die Uni untersucht aktuell mit dem Geld, welche technischen Voraussetzungen es braucht, damit das klappt - ein Dorfladen, der rund um die Uhr geöffnet hat, bei dem es trotzdem eine Kontrolle gibt, ob etwa Jugendliche Alkohol kaufen wollen und der auch und insbesondere für ältere Menschen problemlos handhabbar ist. 

 

Hier liegt bisher das Problem der Dorfläden 

 

Leider sind die Fixkosten trotz häufig enormen ehrenamtlichen Engagements zu hoch, viele Modelle rechnen sich langfristig nicht. Eine Studie der Landwirtschaftskammer NRW hat folgende Rechnung aufgemacht: In einem Dorf mit 1500 Einwohnern müssen 100 Prozent der Haushalte mitmachen und mindestens 20 Prozent ihres gesamten monatlichen Einkaufs in dem Dorfladen machen, damit die Fixkosten wie Personal, Buchführung und Miete eingespielt werden. Macht nur jeder zweite Haushalt mit, sind es schon 40 Prozent des durchschnittlichen Geldes, den ein Haushalt für Lebensmittel ausgibt.

In Sachsen-Anhalt ist die Idee daher, dass Personal nur tagsüber etwa für das Auffüllen der Lager und ähnliches gebraucht wird. Die Universität selbst beschreibt ihre Vision und ihre Technik wie folgt: 

 

Will jemand einen Einkauf während der personalfreien Zeit tätigen, erhält er über eine personalisierte Chipkarte (ggf. mit PIN) Zutritt zu den Verkaufsräumen. Mit dieser Chipkarte ist ein Einkauf auch zu Zeiten möglich, zu denen selbst große Discountmärkte geschlossen haben, d.h. sogar nach Mitternacht oder an Feiertagen – wodurch der Markt auch für mobile Anwohner interessant wird, denen zu einer ungünstigen Zeit einfällt, dass sie eigentlich noch schnell eine Besorgung tätigen müssten.

Sobald alle benötigten Waren im Einkaufswagen oder Einkaufskorb liegen, steuert die Kundin entweder die Selbstbedienungskasse (mit Barcode-Scanner wie aus den meisten Supermärkten bekannt) oder vielleicht sogar eine RFID-Checkout-Area an, in der alle mit einem RFID-Chip versehenen Waren ohne einen zusätzlichen Scanvorgang automatisch beim Verlassen ausgebucht werden. Die Bezahlung könnte etwa per VISA-Karte, über eine Geldkarte oder über eine Einzugsermächtigung erfolgen, die an die personalisierte Chipkarte der jeweiligen Kundin gebunden ist. Eine unaufdringliche aber wahrnehmbare Videoüberwachung sowie das Bewusstsein, über die Chipkarte persönlich identifizierbar (und damit bei Fehlverhalten auch aus dem Geschäft ausschließbar) zu sein, fördern ein sozialverträgliches Verhalten und verringern Verluste durch Diebstahl. Ein attraktives Warenangebot mit mindestens 1.000 Artikeln und ergänzt durch gut sichtbare Angebote aus heimischer Produktion stellt sicher, dass der „Dorfladen 2.0“ mehr bietet, als nur ein „abgespecktes Sortiment für Senioren“.

 

Dorfladen: Zukunftsmusik? NEIN, das gibt es schon...

 

In Schweden gibt es ähnliche Projekte schon seit einigen Jahren. Den Anfang machte (KOMMUNAL berichtete) im Jahr 2016 ein IT-Spezialist in Vilken, einem 4200 Seelen Dorf.Ein junger Vater hat hier aus der Not eine Tugend gemacht. Der IT-Fachmann zerbrach das Brei-Glas seiner kleinen Tochter und musste mit dem hungrigen Kleinkind 30 Minuten bis zum nächsten Supermarkt fahren, um neuen Babybrei zu besorgen. Der örtliche Supermarkt hatte schon vor längerem geschlossen, weil die Fixkosten zu hoch waren. Mithilfe von Technik wollte der IT-Fachmann das Problem lösen. Denn Personal konnte sich der 39-jährige nicht leisten, wohl aber die Investition in kreative Technik. Vor kurzem eröffnete er den wohl weltweit ersten Supermarkt ganz ohne Kassierer oder Verkäufer. Zugang bekommen die Kunden über eine von ihm programmierte Smartphone-App mit Fingerabdruck-Sensor. Käse, Toilettenpapier, Wurst und Milch – alles Wichtige gibt es in dem 50 Quadratmeter großen Supermarkt. Ladenöffnungszeiten sind auch kein Thema, der Shop hat faktisch 24 Stunden am Tag geöffnet. Schlange stehen an der Supermarktkasse gibt es auch nicht – das Smartphone ist zugleich die Kasse.

 

Das Projekt in Sachsen-Anhalt wird von der EU gefördert

 

In Sachsen-Anhalt dürfte diese Technik noch weiter professionalisiert werden. Denn für das Projekt stehen Fördermittel der EU bereit. Auf der Homepage des Landes heißt es: "Dieses Projekt wird unter der ZD-Nummer 158853700039 im Rahmen des Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum des Landes Sachsen-Anhalt 2014 - 2020 (EPLR) gemäß der Maßnahme "Unterstützung für die lokale Entwicklung LEADER (CLLD)" und im Schwerpunktbereich "Förderung der lokalen Entwicklung in ländlichen Gebieten" aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds zur Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER) und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert." 

 

Eines dürfte aber auch schon jetzt klar sein: Ohne schnelle Internetverbindungen, ohne klaren Datenschutz und Datensicherheit werden die potentiellen Anwender die Möglichkeiten nicht nutzen. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, dann ist der Markt der Möglichkeiten fast unbegrenzt. Wenn wir sie denn denken. KOMMUNAL wünscht dem Projekt jedenfalls den größtmöglichen Erfolg. Über die Fortschritte werden wir Sie in unserem Newsletter KOMMUNE.HEUTE regelmässig auf dem Laufenden halten! 

 

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