Eichenprozessionsspinner Alarm
Der Eichenprozessionsspinner breitet sich massiv aus.
© Adobe Stock

Petition

Eichenprozessionsspinner: Was können Kommunen jetzt noch tun?

Der Eichenprozessionsspinner hat eine ganze Siedlung in Berlin befallen. Was tausende Anwohner fordern und was Kommunen jetzt überhaupt noch tun können. Oder ist es jetzt schon zu spät, die Raupen zu bekämpfen?

Die Raupen winden sich an den Häusern hoch. Sie sind an den Haustüren, an den Autospiegeln und den Fensterrahmen. Auch an Autoreifen und Autospiegeln und - türen hängen sie und an den Mülltonnen. Der Eichenprozessionsspinner hat sich Berliner Wohnsiedlungen in diesem Jahr so sehr ausgebreitet, dass Anwohner jetzt eine Petition gestartet haben. Besonders belastend ist die Situation in Charlottenburg-Nord. Rund 6.000 Menschen haben den Hilferuf bisher innerhalb von wenigen Tagen unterschrieben. Sie fordern, dass die Nester umgehend flächendeckend durch Fachfirmen entfernt werden - und einen verbindlichen Schutzplan für Berlin.

  • Sofortmaßnahme 2026: Unverzügliche, flächendeckende Nestentfernung durch Fachfirmen im gesamten Park — nicht nur punktuell.
  • Präventives Spritzen ab 2027: Jährlicher Einsatz von Bacillus thuringiensis im Frühjahr, bevor Brennhaare gebildet werden.
  • Frühzeitiges Monitoring: Bestandsaufnahme ab März jeden Jahres für präventives Handeln.
  • Natürliche Feinde fördern: Installation von Nistkästen für Meisen und Fledermäuse im gesamten Parkbereich — wie in Trier und Marburg bereits erfolgreich umgesetzt.
  •  Blühstreifen anlegen: Aussaat heimischer Wildblumenstreifen am Parkrand als Lebensraum für Schlupfwespen und andere natürliche Gegenspieler.
  • Alternative Methoden prüfen: Prüfung weiterer biologischer Methoden wie Nematoden sowie selektiv wirkender Mittel.
  • Transparente Kommunikation: Rechtzeitige Information an Schulen, Kitas und Anwohner vor der Saison — nicht erst, wenn Bereiche gesperrt werden.

Eichenprozessionsspinner vor Türen
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners vor einer Wohnungstür in Berlin.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verweist darauf, dass in den vergangenen Jahren viel Geld investiert wurde, um den Eichenprozessionsspinner an den Eichen zu bekämpfen. Am meisten betroffen in der Hauptstadt sind die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Pankow. Parks sind vielfach gesperrt, Kita-Kinder können nicht in den Garten, Spielplätze dürfen nicht benutzt werden. Sportanlagen wurden geschlossen.

Eichenprozessionsspinner Raupe Berlin Autospiegel
In Berlin sind die Raupen nicht nur in den Parks, wie der Jungfernheide. 

Das Fatale: Die feinen Brennhaare der Raupen können starke allergische Reaktionen hervorrufen – von Hautausschlägen bis zu Atemnot. Der Wind kann die Härchen über  100 Meter durch die Luft tragen.

Gemeinde bittet wegen Eichenprozessionsspinner Landkreis und Land um Unterstützung

Doch nicht nur Berlin kämpft gegen die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners. Im benachbarten Brandenburg hat die Gemeinde Nuthe-Urstromtal den Landkreis Teltow-Fläming und das Land Brandenburg deshalb um Unterstützung gebeten. "Hunderte  Eichen im gesamten Stadtgebiet sind befallen", sagte Bürgermeister Stefan Scheddin dem rbb. Es überfordere die Kommune, die Raupen zu bekämpfen. Er bezifferte die Kosten auf 140 Euro pro Baum. 

Ist es aber nicht schon zu spät für die Bekämpfung?

Michael Kopka vom Landesbetrieb Forst Brandenburg verweist allerdings darauf, dass das Sprühen von Gift nur in frühen Larvenstadien wirksam sei. Er forderte im rbb, schon jetzt entsprechende Einsätze für das nächste Jahr zu planen. In der Prignitz wurde die Raupe in diesem Jahr mehrfach mit Hubschraubern aus der Luft bekämpft.

Diese Einschätzung teilen viele Fachleute. Der Tenor lautet: Für eine wirksame Bekämpfung der Raupenpopulation ist es jetzt meist zu spät, für den Gesundheitsschutz jedoch nicht.

Umweltbundesamt: Früh bekämpfen, später sichern

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass biologische oder chemische Bekämpfungsmaßnahmen vor allem gegen junge Raupenstadien wirksam sind. Sobald die Raupen weiterentwickelt sind und ihre Brennhaare ausgebildet haben, nimmt die Wirksamkeit deutlich ab, während die Risiken steigen. Deshalb müssen Bekämpfungsmaßnahmen meist bereits im Frühjahr geplant und durchgeführt werden.

Forstexperten: Monitoring statt Aktionismus

Kopkas Hinweis auf die Planung für das kommende Jahr entspricht der Strategie vieler Forstverwaltungen. Entscheidend sei ein frühes Monitoring der Bestände, um kritische Befallsgebiete rechtzeitig zu erkennen und Maßnahmen bereits im Frühjahr einzuleiten. Bei starkem Befall werden in einigen Regionen – etwa in Brandenburg – auch Hubschraubereinsätze gegen junge Raupenstadien geprüft oder durchgeführt.

Viele Kommunen konzentrieren sich deshalb derzeit auf:

  • Absperrungen und Warnhinweise
  • Meldesysteme für Bürger
  • Entfernung von Nestern durch Fachfirmen
  • Schutz von Schulen, Kitas, Spielplätzen und Freibädern
  • Dokumentation der Befallsschwerpunkte für 2027

 Diese vier Sofortmaßnahmen können Kommunen jetzt noch ergreifen

1. Befallene Bereiche kontrollieren

Kommunen sollten bekannte Eichenbestände regelmäßig kontrollieren und befallene Orte dokumentieren. Besonderes Augenmerk gilt Bereichen mit hohem Publikumsverkehr wie Spielplätzen, Schulen, Kitas, Parks, Friedhöfen oder Badeseen.

2. Gefahrenstellen absperren und kennzeichnen

Werden Nester entdeckt, können Absperrungen und Warnhinweise das Risiko für Bürger deutlich reduzieren. Je nach Lage kann es sinnvoll sein, Wege umzuleiten oder einzelne Aufenthaltsbereiche vorübergehend zu sperren.

3. Nester fachgerecht entfernen lassen

Die Entfernung von Nestern sollte ausschließlich durch spezialisierte Fachfirmen erfolgen. Dabei kommen spezielle Absaug- und Schutzverfahren zum Einsatz, um eine weitere Verbreitung der Brennhaare zu verhindern. Eigenständige Maßnahmen durch Gemeindemitarbeiter werden von Fachleuten nicht empfohlen.

4. Befall für das kommende Jahr erfassen

Experten raten Kommunen außerdem, die aktuellen Beifall-Schwerpunkte bereits jetzt zu dokumentieren. Diese Daten können helfen, Bekämpfungsmaßnahmen im kommenden Frühjahr gezielt zu planen. Denn wirksam sind viele Verfahren nur in frühen Larvenstadien, bevor die Raupen ihre Brennhaare entwickeln.

Eichenprozessionsspinner - was müssen Kommunen leisten?

Grundsätzlich sind Städte und Gemeinden für die Verkehrssicherungspflicht auf öffentlichen Flächen zuständig – also überall dort, wo Menschen unterwegs sind: Parks, Schulen, Friedhöfe, Radwege, öffentliche Spielplätze oder kommunale Gebäude. Wird der Eichenprozessionsspinner dort gesichtet, müssen die betroffenen Bereiche in der Regel kurzfristig abgesperrt und fachgerecht gereinigt oder abgesaugt werden.

Zudem informieren viele Kommunen die Bevölkerung über aktuelle Funde, gesundheitliche Risiken und geeignete Schutzmaßnahmen – etwa über Websites, soziale Medien oder über Aushänge an Schulen und Kitas. Einige Gemeinden setzen auch auf präventive Maßnahmen wie das Aufhängen von Nistkästen für Meisen oder den Einsatz von biologischen Schädlingsbekämpfungsmitteln im Frühjahr.

Was müssen Privatpersonen tun?

Auf Privatgrundstücken liegt die Verantwortung bei den Eigentümerinnen und Eigentümern. Das gilt sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen, Wohnbaugesellschaften oder Vereine. Befinden sich befallene Bäume auf einem privaten Grundstück in direkter Nähe zu öffentlich zugänglichen Bereichen – etwa an Gehwegen oder Schulwegen – kann die Kommune im Einzelfall eine Entfernung oder zumindest Absicherung anordnen.

Warum ist der Eichenprozessionsspinner  gefährlich?

Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) ist ein unscheinbarer, graubrauner Nachtfalter, dessen Raupen zwischen Mai und Juli auf Eichen in langen Reihen – eben „prozessionsartig“ – unterwegs sind. Ursprünglich war die Art vor allem in wärmeren Gegenden Süd- und Mitteleuropas verbreitet, breitet sich aber durch den Klimawandel immer weiter nach Norden aus.

Die Gefahr geht nicht vom Schmetterling selbst, sondern von den Raupen aus. Ab dem dritten Larvenstadium bilden sie feine Brennhaare, die ein starkes Nesselgift (Thaumetopein) enthalten. Diese Härchen können:

  • allergische Reaktionen hervorrufen – etwa Hautentzündungen, Juckreiz, Quaddeln, Bindehautreizungen oder Bronchitis,
  • Atembeschwerden verursachen – bei starker Belastung auch Asthma-Anfälle oder Kreislaufprobleme.
  • Sie können und über mehrere Jahre in alten Nestern oder im Unterholz aktiv bleiben.
  • Die Brennhaare verbreiten sich durch Wind, Kleidung oder Haustiere auch in Bereiche fernab der Bäume – zum Beispiel auf Spielplätzen, in Gärten oder am Badesee.
  • Auch für die Natur birgt der Eichenprozessionsspinner Gefahren. Bei starkem Befall können Eichen stark geschwächt werden. Die Raupen fressen bevorzugt junge Eichenblätter – bei wiederholtem Kahlfraß leidet die Vitalität der Bäume, was sie anfälliger für andere Schädlinge, Trockenheit oder Pilzbefall macht.

Wann ist der Spuk zu Ende?

Die akute Raupensaison endet meist im Sommer. Die Gesundheitsgefahr kann jedoch deutlich länger bestehen. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts können Brennhaare in Nestern bis zu einem Jahr giftig bleiben. Andere Behörden weisen darauf hin, dass Gespinste und Nester sogar über mehrere Jahre erhalten bleiben und weiterhin gesundheitliche Risiken bergen können.

Gesundheitsbehörden: Gefahr bleibt auch nach dem Absterben

Der Wildtierexperte Derk Ehlert von der Berliner Umweltverwaltung erwartet, dass die aktuelle Raupenplage in Berlin bereits in wenigen Wochen abklingt. Dann entwickeln sich die Raupen zu Faltern, von denen keine Gesundheitsgefahr ausgeht. Entwarnung bedeutet das für Kommunen jedoch nur teilweise. Fachleute weisen darauf hin, dass die gesundheitsschädlichen Brennhaare auch nach dem Verschwinden der Raupen in Nestern und Häutungsresten zurückbleiben können. Deshalb bleiben Absperrungen, Warnhinweise und die fachgerechte Entfernung von Nestern vielerorts weiterhin erforderlich.

Fotocredits: Raupen am Autospiegel: Privat Raupenbild: Adobe Stock Raupen an der Tür: Privat