Die Geburtsklinik - auf dem Land immer seltener anzutreffen

Geburtskliniken sind Mangelware

Immer weitere Strecken, immer mehr Schließungen - Geburtskliniken im ländlichen Raum sind Mangelware. Für Kommunen sind sie aber wesentlicher Faktor für die Attraktivität der Region. KOMMUNAL zeigt am Beispiel eines bayerischen Landkreises Lösungsansätze auf.

Geburtskliniken sind ein emotionales Thema. So emotional wie die Geburt selbst. Denn kaum ein Ereignis weniger planbar: Mal lässt das Baby auf sich warten, mal aber kann es auch schnell gehen, so schnell, dass im Zweifelsfall jede Minute zählt und der Kreissaal nicht allzu weit entfernt sein sollte.

Geburtsklinik am Geburtsort?

Dass der Geburtsort nah am Heimatsort liegt, ist heute jedoch keineswegs selbstverständlich. Der Trend geht vielmehr hin zu medizinischen Großversorgungszentren mit höchster Versorgungsstufe und zigtausend Geburten im Jahr. So kommt es in Ballungsräumen wie Hamburg etwa zu einer deutlichen Überversorgung und können sich werdende Mütter dort zwischen zwölf verschiedenen Hochstandard-Kliniken entscheiden, wie Susanne Steppat vom Hebammenverband berichtet. Ganz anders jedoch stellt sich die Situation für kleinere Kommunen insbesondere in schwach besiedelten Gebieten dar. Der Erhalt der Kliniken wird dort ohnehin immer schwieriger, ganz besonders gefährdet sind die Geburtsstationen. Der Hauptgrund hierfür ist die Finanzierung: Die Kosten einer Geburtsklinik sind enorm und tragen sich laut Steppat erst ab einer Höhe von 800 bis 1000 Geburten. Dies ist eine Anzahl, die gerade in ländlichen Gebieten selten erreicht wird, zumal aufgrund von Sicherheitsbestimmungen ohnehin nur rund zwei Drittel aller Geburten für Häuser mit niedrigerer Versorgungsstufe in Frage kommen.

Das Herz der Geburtsklinik - der Kreißsaal

Ein weiterer Grund ist die schwere Bindung von Hebammen, die einerseits zwar selbst unter schwierigen Arbeitsbedingungen zu leiden haben, andererseits jedoch mittlerweile in der Situation sind, sich den ansprechendsten Arbeitsplatz aussuchen zu können. Kleinere Geburtskliniken haben als potentielle Arbeitgeber hier im Vergleich zu Großkliniken oft die schlechteren Karten: Die Teams sind klein und mit wenigen Geburten geht nicht selten auch ein geringeres Honorar einher, obwohl gleichzeitig eine hohe Präsenz gefordert ist und die Kosten für die Haftpflichtversicherung enorm sind – für freie Hebammen kostet diese ab Juli 6842 Euro im Jahr. Ursache für diese Summe sind die immer höheren Schmerzensgelder, sollte ein Kind bei einer Geburt tatsächlich einmal durch einen Fehler zu Schaden kommen. Zudem haben sich die Zeiten geändert. Viele Hebammen haben selbst Familie, wollen in Teilzeit arbeiten und nicht mehr rund um die Uhr verfügbar sein. Ein verständlicher Anspruch, der die Zahl der potentiellen Hebammen gerade in abgelegenen Regionen jedoch weiter reduziert.

Gravierende Folgen für kleine Kommunen

Einer der existenziellsten Bereiche des menschlichen Lebens wird zunehmend zentralisiert und der Geburtsklinik im ländlichen Raum droht immer häufiger die Schließung. Im bayerischen Landkreis Regen hat man diese Entwicklung hautnah miterlebt. Gekennzeichnet durch eine bergige Topographie und eine mit rund 76.300 Einwohnern auf einer Fläche von 975,06 km² vergleichsweise niedrigen Bevölkerungsdichte, hat Regen eine besondere „Halbinsel-Lage“: Als nördlichster Landkreis Niederbayerns grenzt er im Norden an die Oberpfalz und im Nordosten an Tschechien und die Wegstrecken sind dementsprechend weit. Kommt der Winter, so wird es schnell beschwerlich. Die Gesundheitsversorgung konzentriert sich im Landkreis Regen auf die Krankenhäuser in Viechtach und Zwiesel, die unter dem Namen „Arberlandkliniken“ als Kommunalunternehmen des Landkreises geführt werden.

junges Familienglück in der Geburtsklinik

Es ist noch keine zwei Jahre her, da kam es in Zwiesel zum Paukenschlag. Im Dezember 2013 kündigten im Kreiskrankenhaus schlagartig drei von fünf Beleghebammen, als Grund nannten sie die geringe Geburtenzahl. Da von den verbleibenden zweien auch noch eine in Elternzeit war, führte kein Weg an der Schließung der Geburtsklinik vorbei. Für Evi Bernreiter, die seit 1985 als Kinderkrankenschwester in Zwiesel arbeitet, ist damals eine Welt zusammen gebrochen: „Wir waren alle fix und fertig. Das war ganz schlimm.“ Und auch Vorstand Christian Schmitz erinnert sich ungern an diese Tage. Mit nurmehr einer verbleibenden Beleghebamme war die Geburtshilfe damals nicht mehr zu halten. So musste er die zuständigen Oberärzte entlassen und die Station auf unbestimmte Zeit schließen. „Das war ein Schock“, sagt Schmitz im Rückblick und die Menschen im Landkreis waren extrem verunsichert. Das hat auch Landrat Michael Adam zu spüren bekommen. „Die Menschen machten sich natürlich Sorgen. Die Angst war groß, dass man künftig weite Wege für Geburten in Kauf nehmen muss.“ So wäre auf eine Schwangere aus dem Ort Bayerisch Eisenstein an der Grenze zu Tschechien im Winter eine mindestens einstündige Fahrt zugekommen, bevor sie ein Krankenhaus mit Geburtsstation erreicht hätte. Vor allem aber war das Thema Geburtsklinik für Adam als sehr emotionale Angelegenheit spürbar. „Der Druck auf die Kommunalpolitiker war enorm“, so der Landrat.

Geburtsklinik ist Standortfaktor

„Wenn einem Bürgermeister am Land daran gelegen ist, dass junge Leute nicht wegziehen, sondern vor Ort bleiben, dann sollte er nicht nur Kindergärten unterstützen, sondern auch daran denken, dass eine Geburtshilfe ganz wesentlich ist für die kommunale Infrastruktur“, sagt Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands. Seitens des Bundes war ein wichtiger Schritt zur Erhaltung der Geburtshilfe die Ausformung des Versorgungsstärkungsgesetzes, das die Hebammen für Geburten ab 1. Juli 2015 durch einen dauerhaften Sicherstellungszuschlag entlastet und somit bei der weiteren Ausübung ihres Berufs unterstützt. „Hebammen leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Versorgung von Schwangeren, Müttern und Familien. Wir brauchen eine flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe und die Möglichkeit zur freien Wahl des Geburtsortes. Dafür ist auch eine angemessene Vergütung der Hebammenleistungen erforderlich“, so das Bundesministerium für Gesundheit in einer Pressemitteilung vom Januar 2016.

kämpfte für die Geburtsklinik vor Ort - der Landrat von Regen Michael Adam

Auch den Verantwortlichen im Landkreis Regen war nach Schließung der Geburtsstation bewusst: „Es ist ganz schwer, Menschen in der Region zu halten, wenn man hier sein Kind nicht mehr auf die Welt bringen kann“, so Vorstand Christian Schmitz. Umso größer war der Wille, die Schließung möglichst schnell wieder aufzuheben und ein tragfähiges Konzept für die Zukunft der Geburtshilfe in Zwiesel zu entwickeln. Christian Schmitz und Michael Adam erkannten damals, dass ein neues System geschaffen werden musste – eine richtig funktionierende Hauptabteilung mit einem Chefarzt in Teilzeit sowie drei Oberärzten in Voll- und Teilzeit. Die größte Herausforderung jedoch stellte die Akquise der Hebammen dar. Schmitz und seine Kollegen waren sich im Klaren, dass man den Hebammen einen finanziellen Anreiz bieten müsse, um in einem kleinen Haus zu arbeiten. Konkret bedeutete dies, dass den Hebammen ab sofort eine Fixvergütung garantiert wurde – ein Verdienst von mindestens 3.600 Euro brutto, unabhängig von der Anzahl der Geburten und ergänzt durch ein umfangreiches Fortbildungsangebot sowie eine flexible Kinderbetreuung für Kinder zwischen 0 und 14 Jahren. Zudem wurde ein Hebammenförderungsprogramm initialisiert, bei dem Hebammen während der Ausbildung finanziert werden und sich dafür dazu verpflichten, nach Abschluss für mindestens drei Jahre in Zwiesel zu arbeiten. Mit diesem Angebot ist man von Zwiesel aus europaweit auf die Suche gegangen – mit Erfolg. Ein halbes Jahr nach der Schließung kam es mit einem Team von einem Chefarzt, drei Oberärzten und drei Hebammen tatsächlich zur Wiederaufnahme der Geburtshilfe. Wie das erreicht werden konnte? „Da war viel Wille im Spiel, viel Arbeit und auch viel Glück“, sagt Schmitz. Entscheidend aber war: Alle haben an einem Strang gezogen.

Der Einsatz für die Geburtsklinik hat sich gelohnt

Seit Juli 2014 hat die Geburtshilfe in Zwiesel nun wieder geöffnet. Im Jahr 2015 gab es 284 Geburten, im 1. Quartal 2016 82, mittlerweile arbeitet ein Team von sechs Hebammen auf der Station und die Situation hat sich weitgehend stabilisiert. Die Mehrkosten für die Klinik durch die Schaffung einer Hauptabteilung sind allerdings enorm. 660.000 Euro fallen jedes Jahr zusätzlich an, davon alleine 76.301,61 Euro an jährlichen Haftpflichtkosten für die Hauptabteilung Gynäkologie und Geburtshilfe. Erst einmal werden sie vom Landkreis übernommen, außerdem wurde dem Klinikum als einzigem in Bayern durch das bayerische Gesundheitsministerium ein Sicherstellungszuschlag gewährt. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Dr. Josef Reitberger, der seit der Wiedereröffnung als Chefarzt die Leitung innehat und eng mit den Hebammen zusammenarbeitet. Eine von ihnen ist Simone Deininger, jene Hebamme, die zum Zeitpunkt der Schließung in Elternzeit war und die Entwicklung hautnah miterlebt hat. Für sie ist wichtig, dass die Frauen sich sicher fühlen und gut betreut. Das sei heute mehr denn je in Zwiesel der Fall und obwohl sie überall sofort einen Job bekommen würde, zieht sie den familiären Charakter in Zwiesel vor. „Frauen, die hier entbinden, bekommen etwas, was Frauen in großen Kliniken nicht bekommen. Persönliche Begleitung, ein eingeschweißtes Team, häufig sogar eine Eins-zu-Eins-Betreuung während der Geburt…das ist ein Luxus, der sehr viel wert ist“, sagt Simone Deininger.

Das Säuglingszimmer der Geburtsklinik

Das haben auch Rosa-Maria Baumann und Georg Holler so erlebt. Für das junge Paar aus dem 25 Kilometer entfernten Innernzell war von Anfang an klar, dass ihre Tochter in Zwiesel auf die Welt kommen sollte. Als es dann soweit war, fühlten sie sich von dem kleinen Team auf der Geburtsstation bestens betreut. „Die Atmosphäre hier ist total familiär und die Ärzte und Schwestern nehmen sich viel Zeit“, sagt Rosa Maria Baumann und blickt lächelnd auf die schlafende kleine Emily Sophie im Arm ihres Mannes. Dass sie hier auf die Welt kommen konnte, ist Folge des kleinen Wunders von Zwiesel. Noch vor zwei Jahren hätte das keiner für möglich gehalten.

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