Die Corona-Warn-App

Gesundheitsämter am Anschlag

Forderung: Corona-App umrüsten

Das Tan-Verfahren bei der Corona-App ist zu umständlich, wird kritisiert. "Erhebungen belegen", sagt Uwe Lübking vom Städte- und Gemeindebund, "dass nur rund 60 Prozent der positiv Getesteten dies anderen Nutzern der App mitteilen". Gefordert wird daher eine veränderte App. Viele Gesundheitsämter kündigen inzwischen wegen steigender Infektionszahlen an, die Kontaktketten nicht mehr wie bisher nachzuvollziehen.

Die Gesundheitsämter in Deutschland sehen sich angesichts der rasant steigenden Corona-Infektionsfälle vielfach am Rande ihrer Kapazitäten. In Berlin kündigte Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke an, dass in seinem Corona-Hotspot-Bezirk bald nicht mehr alle Kontaktpersonen positiv Getesteter informiert werden können. In Bochum sieht sich das Gesundheitsamt trotz der Unterstützung der Bundeswehr personell ebenfalls am Limit. Deshalb soll es auch hier bei der Kontaktnachverfolgung Einschränkungen geben. Die  Stadt werde sich wohl schon in Kürze auf Risikogruppen wie alte und kranke Menschen konzentrieren müssen, kündigt Stadtdirektor Sebastian Kopietz laut WAZ an. Massiv steigende Zahlen bei Neuinfektionen und häuslichen Quarantänen machten die Beschränkungen notwendig.

Jetzige Corona-App hilft Gesundheitsämtern nur bedingt

Erleichterungen könnte die Anpassung der Corona-Warn-App bringen. Denn sie hilft, damit die Gesundheitsämter die Kontaktketten nicht auf eigenem Weg nachvollziehen müssen. Momentan unterstützt die Bundeswehr die Gesundheitsämter bereits bei der Nachverfolgung von Infektionsketten. Knapp 2.000 Angehörige aus allen Bereichen der Bundeswehr sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums aktuell im Corona-Einsatz. Sie sind an Teststationen eingesetzt oder helfen bei der Verteilung medizinischer Schutzausrüstung. Auf der Grundlage von Amtshilfeanträgen aus allen 16 Bundesländern seien allein 1561 Soldaten in 137 Gesundheitsämtern tätig, teilte das Bundesverteidigungsministerium gegenüber der "Rheinischen Post" mit.

Städte- und Gemeindebund: Kontakte nachverfolgen

Uwe Lübking, Dezernet beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, schätzt die Lage in den Kommunen als angespannt ein.  Der Experte sagte zu KOMMUNAL: "Die steigenden Infektionszahlen überfordern einzelne Städte." Er warnte aber davor, die konsequente Kontaktverfolgung aufzugeben. Denn nur so können Infizierte und mögliche Kontaktpersonen rasch in Quarantäne gehen.  "So wie die Niederländer das derzeit praktizieren, ist das der falsche Weg", sagte  Lübking. Diese haben die Kontaktverfolgung teilweise eingestellt.

Stattdessen müssten die Gesundheitsämter dringend personell weiter gestärkt werden. Lübking erneuerte die Forderung nach einer Reserve, wie es sie bei der Bundeswehr oder dem Technischen Hilfswerk gebe. Auf dieses Personal - etwa Mediziner im Ruhestand, Medizinstudenten oder andere geschulte Freiwillige -  könne dann zurückgegriffen werden, wenn sich die Lage weiter zuspitzt. "Die Kontakt-Nachverfolgung gilt als wichtiges Instrument bei der Bekämpfung des Corona-Virus", machte er deutlich.

Technisch angepasste Corona-App gefordert

"Was wir dringend brauchen, ist eine veränderte Corona-App", fordert der Deutsche Städte-und Gemeindebund. Lübking betonte:  "Nur dann werden mehr Menschen bereit sein, in die App einzugeben, wenn sie positiv getestet wurden." Das derzeitige Verfahren über eine Tan sei für viele zu umständlich, bemängelt der Städte- und Gemeindebund. Dieses Verfahren war aus Datenschutzgründen gewählt worden. "Erhebungen belegen aber", so Lübking, "dass nur rund 60 Prozent der positiv Getesteten dies anderen Nutzern der App mitteilen." Die Folge: "Gehen die Kontaktpersonen dann nicht in Quarantäne, weil sie nichts von der Risikobegegnung erfahren, kann sich das Virus weiter ausbreiten." Um die Kontaktverfolgung zu verbessern, begrüßt Lübking auch den Vorschlag  des Virologen Christian Drosten, ein Kontakttagebuch zu führen. So wisse man im Zweifel, wo man sich wann aufgehalten hat.

Bundesregierung: App 20 Millionen Mal heruntergeladen

Laut Bundesregierung  wurde die Corona-Warn-App inzwischen mehr als 20 Millionen Mal  heruntergeladen. Dies wird als ein Zeichen millionenfacher Solidarität im Kampf gegen das Corona-Virus gewertet. Die Corona-Warn-App nutzt die Bluetooth-Technik, um den Abstand und die Begegnungsdauer zwischen Personen zu messen, die die App installiert haben. Die Smartphones "merken" sich Begegnungen, wenn die vom RKI festgelegten Kriterien zu Abstand und Zeit erfüllt sind. Dann tauschen die Geräte untereinander Zufallscodes aus.

Informationen an Kontaktpersonen sind freiwillig

Werden Personen, die die App nutzen, positiv auf das Coronavirus getestet, können sie freiwillig andere Nutzer darüber informieren. Dann werden die Zufallscodes des Infizierten allen Personen zur Verfügung gestellt, die die Corona-Warn-App nutzen. Ist die App installiert, prüft diese, ob der Nutzer die Corona-positiv getestete Person getroffen hat. Diese Prüfung findet nur auf dem eigenen Smartphone statt. Falls die Prüfung positiv ist, zeigt die App eine Warnung an. Zu keinem Zeitpunkt erlaubt dieses Verfahren Rückschlüsse auf den Nutzer oder seinen Standort, wird betont. Der Schlüssel wird erst nach einer Autorisierung auf die Server hochgeladen. Diese Autorisierung kann über einen QR-Code erfolgen, den der Positiv Getestete vom Testlabor erhält  oder die Meldung kann über die Eingabe einer Tan verifiziert werden. Diese bekommen die Betroffenen telefonisch mitgeteilt.

Die App ist bislang in folgenden sechs Sprachen verfügbar: Deutsch, Englisch, Rumänisch, Bulgarisch, Polnisch und Türkisch. Außerdem werden Nutzer der App auch im europäischen Ausland informiert, falls sie einen Risikokontakt mit einer Person hatten, die eine andere europäische Warn-App verwendet. Angeschlossen sind die Apps aus Deutschland, Italien und Irland. Lettland, Dänemark, Österreich, Niederlande, Spanien, Estland und Tschechien folgen zeitnah.

Mehr Informationen zur Corona-Warn-App finden Sie hier.

Und wer sich für die Arbeit des Gesundheitsamtes Neukölln zur Lage der Pandemie interessiert, kann sich den Podcast des Gesundheitsamtes Neukölln zum Alltag der Kontaktverfolgung, der Corona-Hotline und anderen Bereichen des Pandemiestabes anhören.

https://gesundheitsamtneukoelln.podigee.io/