Gegen den Bevölkerungsrückgang
So werben Kommunen um neue Bürger
Wer dem Aufruf der Stadt folgt und sich für zwei bis vier Wochen um eine kostenfreie Mietwohnung bewirbt, sollte in Guben nicht nur Urlaub machen wollen. „Wir achten inzwischen noch viel mehr darauf, ob und wie die Bewerber sich bei uns einbringen wollen“, sagt Bürgermeister Fred Mahro. So wollte ein Künstlerpaar die Menschen in Guben kennenlernen und entwickelte daraus eine fotografische Arbeit. In der dritten Auflage hat die knapp 16.000-Einwohner-Stadt, die an die polnische Stadt Gubin grenzt, das Konzept "Probewohnen in Guben" weiterentwickelt: Wer sich bewirbt, muss seine Motivation schildern: Warum gerade Guben? Welche beruflichen oder persönlichen Pläne bringt man mit? „Das hilft uns, passende Kontakte zu vermitteln“, erläutert Mahro. Für ein Praktikum bis hin zu einem festen Arbeitsplatz. In Guben lag die Arbeitslosigkeit in schwierigsten Zeiten bei 27 Prozent, jetzt beträgt die Quote acht Prozent.
Kommunen kämpfen um jeden Einwohner
Wie viele Kommunen in ländlichen Gebieten kämpft die brandenburgische Kleinstadt um jeden Einwohner. So entstand 2024 die Probewohnen-Aktion. „Ich fragte mich damals: Warum sind so viele weggegangen – und was müsste passieren, damit sie zurückkommen?“, erzählt Mahro. Über die sozialen Medien lud er ehemalige Bürger und Bürgerinnen zu Stammtischen in Dresden, Berlin und Anklam ein. Auch Rückkehrer-Treffen zeigten Erfolg: Eine Zahnärztin lehnte erst ab, heute arbeitet sie in Guben, ihr Mann fand eine Stelle in der Nachbargemeinde. Ein weiteres Ärztepaar kam bereits während des Studiums auf die Stadt zu, weil Hausärzte gesucht wurden. Inzwischen lebt die Familie mit ihrem kleinen Kind dort.

Im vergangenen Jahr sind nach dem Probewohnen zehn Mietverträge geschlossen worden. In Guben lässt es sich noch günstig wohnen: 7,50 Euro kostet im Schnitt der Quadratmeter Miete. „Es ist uns gelungen, dass wir seit sechs Jahren mehr Zu- als Wegzüge haben", sagt Mahro. Den Bevölkerungsrückgang kann das allerdings nicht stoppen: Voriges Jahr standen rund 60 Geburten etwa 400 Sterbefällen gegenüber.
Seit August probieren 43 ausgewählte Menschen - darunter Familien mit Kindern - aus, wie sich das Leben in Guben anfühlt, Für eine voll ausgestattete Wohnung werden nur 100 Euro Nebenkosten fällig. Seit diesem Jahr übernehmen Bürgerinnen und Bürger Patenschaften. Sie zeigen den Neuankömmlingen Einkaufsmöglichkeiten, erklären den Nahverkehr, vermitteln Kontakte zu Vereinen und Firmen. Das Interesse wächst: Es gab mehr Bewerbungen als 2024 und 2025 zusammen. „120 Anträge lagen uns für dieses Jahr vor", so Mahro, „aus dem Schwarzwald ebenso wie aus Hamburg.“ Veränderung sei die Hauptmotivation der Bewerber.

Es ist uns gelungen, dass wir seit sechs Jahren mehr Zu- als Wegzüge haben."
Ottenstein stemmt sich erfolgreich gegen den Bevölkerungsschwund
Auf der Ottensteiner Hochebene im Weserbergland zeigt sich, wie viel Beharrlichkeit hinter dem Kampf gegen den Bevölkerungsschwund stecken kann. Für sein Engagement hat Manfred Weiner das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Mit 32 Jahren übernahm er einst ehrenamtlich das Amt des Gemeindedirektors. Inzwischen ist er 82 Jahre alt und ist immer noch jeden Tag in dieser Funktion aktiv. „Ich will für Ottenstein eine Zukunft schaffen" – das war und ist seine Mission. „Kaum hatte ich mein Amt angetreten, hörte der Arzt auf, die Apotheke schloss“, erzählt er. Doch Weiner, gelernter Landwirt und Bankkaufmann, setzte alles daran, dass das nicht so bleibt. Von der Kassenärztlichen Vereinigung kam eine Absage, also schaltete er selbst eine Annonce: „Neun Ärzte bewarben sich. Den ersten haben wir genommen." Die Arztpraxis besteht bis heute. Weiner und die Ottensteiner arbeiten derzeit an einer Weiterführung. Um wieder eine Apotheke in den Ort zu holen, schrieb sich der Gemeindedirektor „die Finger wund". Als die Kommission sich die Situation anschauen wollte, kam sie wegen starken Schneefalls aber „nur bis zum Fuß der Hochebene, alles war zugeschneit". Am nächsten Morgen erhielt er den Anruf: Die 38. Zweigapotheke Deutschlands wird genehmigt. Es gibt sie noch heute. Auch bei der Kinderbetreuung war Ottenstein der Zeit voraus: „Wir haben schon eine Unter-3-Jährigen-Betreuung gehabt, da hat der Gesetzgeber noch gar nicht daran gedacht." Als die Grundschule schließen sollte, protestierten 600 Einwohner dagegen. Die Schule blieb.

Großen Wirbel löste seine Idee aus, Bauplätze zu verschenken. Zehn Grundstücke gab die Gemeinde im Jahr 2019 ab, heute wachsen dort 13 Kinder auf „Erst hielten die Gemeinderäte mich für bekloppt", sagt Weiner. Er rechnete ihnen vor: Als Ackerland bringt ein Hektar gerade einmal 240 Euro im Jahr, mit Häusern darauf erhält der Flecken Ottenstein Grundsteuer und Einkommenssteuer der neuen Bewohner. Der Beschluss fiel einstimmig. Die Aktion sorgte für ein internationales Missverständnis: Ein englischer Journalist schrieb darüber, durch einen Übersetzungsfehler entstand die Falschmeldung, Ottenstein zahle 10.000 Euro Begrüßungsgeld. Weiner erhielt daraufhin mehr als 1.000 Anfragen aus aller Welt, „Wir haben einen Text entworfen, dass dies eine Fehlmeldung ist", sagt er. Den müsse er heute noch verschicken, zuletzt nach Peru und Mexiko. Ottensein zählt 1.300 Einwohner, prognostiziert waren nur 600. In seinen 50 Ehrenamts-Dienstjahren entstanden 70 Häuser. Sein Rat an andere Kommunen: „Alleine ist man nichts." Man müsse die eigenen Schwächen erkennen, Förderprogramme nutzen und vor allem die Bürger einbeziehen.

Wir bekommen heute noch Anfragen, zuletzt aus Peru."
Waldkirchen im Bayerischen Wald wiederum wirbt gezielt um Menschen aus München. In der bayerischen Hauptstadt sind Wohnungen teuer und rar. Im Luftkurort mit seinen knapp 11.300 Einwohnern kostet der Quadratmeter zur Miete dagegen zwischen 5 und 12 Euro. Bürgermeister Heinz Pollak schaffte es in die Schlagzeilen einer bayerischen Tageszeitung. Die Titelstory „Bayerischer Wald wirbt um Einwohner" zog Interviews und Fernsehberichte nach sich, dazu lief eine Kampagne über Facebook und Instagram.

„Wir brauchen keine Millionäre, sondern Fachkräfte im Handwerk und Tourismus", sagt Pollak. „Bei uns können sie sich eine Wohnung leisten. Zudem haben wir Fachärzte, alle Schularten und Kindergartenplätze."

In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Einwohnerzahl um knapp 12 Prozent. Neubürger lernen die neue Heimat über eine auf sie zugeschnittene Stadtführung kennen. Die Begrüßungstour leitet Bernhard Becker, als gebürtiger Norddeutscher im blau-weißen Friesenhemd. Er lebt seit vier Jahren mit seiner Frau in Waldkirchen. Die Führung beginnt am Rathaus, dann geht es ins Museum, wo seine Frau als Mundartdichterin Emerenz Meier auftritt. Die Stadttour endet mit einer Brotzeit im Wirtshaus. Dort stellen sich auch die Vereine vor. Der frühere Neubürger und Unternehmer aus dem hohen Norden hat sich zum Influencer für Waldkirchen entwickelt.



