Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
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Coronavirus

Ärzteverbandschefin Ute Teichert für einheitliche Teststrategie

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hält an den kostenlosen Corona-Tests für jeden fest. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) kritisiert den Sonderweg. Sie plädiert für eine bundesweit einheitliche Teststrategie. Im Interview mit KOMMUNAL fordert sie, die Gesundheitsämter rasch technisch aufzurüsten. Dies sei günstiger als die Wirtschaft derart runterzufahren.

KOMMUNAL: Frau Dr. Teichert, stimmt die Teststrategie für den Winter 2020/21? Personen mit leichten Erkältungssymptomen, die keiner Risikogruppe angehören oder keinen Kontakt mit einem Infizierten haben, werden zunächst nicht getestet.

Ute Teichert: Die Strategie orientiert sich an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und muss daher ständig an die Erfordernisse angepasst werden. Dabei müssen immer auch die Ressourcen berücksichtigt werden. Wir haben momentan das Problem, dass die Laborkapazitäten überfordert sind. Es gibt nicht genügend Personal und auch die Materialien werden dort langsam knapp. Die momentane Entscheidung, sich jetzt wieder darauf zu konzentrieren, Personen mit Symptomen zu testen, ist also eine gute Entscheidung.

Was halten Sie vom bayerischen Sonderweg, so viel zu testen wie nur irgendwie möglich? Ministerpräsident Söder bekräftigte jetzt noch mal, Bayern werde auf jeden Fall die kostenlosen Tests fortsetzen.

Ich fände es richtig, wenn wir bundesweit einheitliche Regelungen hätten, auch, was das Testen angeht, da mittlerweile das Infektionsgeschehen in fast allen Bundesländern die kritischen Marken überschritten hat.

Ist durch zuweilen fehlerhafte Tests Vertrauen verloren gegangen?

Ich bedauere es sehr, wenn es zu Fehlern kommt, egal ob bei Laboren oder in den Gesundheitsämtern. Das kann aber in der Hektik durchaus passieren. Wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Das liegt auch daran, dass in den Gesundheitsämtern viele Leute als Hilfskräfte, die erst seit kurzem und vorübergehend eingestellt sind. Wir sind aber sehr froh, dass wir sie haben.

Werden die Gesundheitsämter den Herausforderungen in diesem Winter gerecht? Was ist notwendig?

Wir könnten noch erheblich Potenzial gewinnen, wenn wir es schaffen, die Digitalisierung in den Ämtern schnell voranzubringen. Da sind wir flächendeckend alles andere als gut aufgestellt, wir liegen deutlich hinter den technischen Möglichkeiten zurück. Es ist sehr begrüßenswert, dass über den Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst auch mehr Personal finanziert werden soll. Bevor wir aber neue Leute ins System bringen, bräuchten wir auf jeden Fall eine Verbesserung der technischen Möglichkeiten. Hierfür sollen auch kurzfristig 50 Millionen Euro aus Bundesmitteln zur Verfügung stehen .

Wie sehr eilt das?

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und des jetzigen Lockdowns sind erheblich. Jedenfalls ist  es günstiger ist die Gesundheitsämter technisch aufzurüsten als die Wirtschaft derart runterzufahren.

Was muss konkret geschehen?

Wir müssen die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung jetzt sofort nutzen und die Kommunikation nicht nur zwischen den Ämtern verbessern, sondern auch zwischen den Laboren. Zum Teil arbeiten auch die Labore noch mit Fax und schicken diese an die Gesundheitsämter, an die App melden sie aber digital.  In beiden Fällen fehlt die Schnittstelle. Die Labore müssen auf sicheren Weg melden, die Daten digital rüberschieben können. Eine E-Mail ist keine gesicherte Kommunikation, auch nicht das Fax. Zur App gibt es einen gesicherten Kanal, warum kann man das nicht auch für die Gesundheitsämter hinkriegen?

Hat die Corona-App denn den erhofften Erfolg bei der Bekämpfung des Virus gebracht?

Die App ist ein gutes technisches Hilfsmittel, wenn ich als Bürger schnell mein Testergebnis haben will, dann gibt sie mir die Möglichkeit dazu. Die Gesundheitsämter bekommen aber keine Daten aus der App. Nur das wäre ein Schritt nach vorne und würde die Arbeit der Gesundheitsämter erleichtern. Ein wichtiger Punkt für die Akzeptanz der App war aber, dass sie keine Daten weitergibt.

Was bringt der Pakt für Gesundheit?

Es ist gut, dass dieser Pakt kommt. Der Bund stellt insgesamt 4 Milliarden Euro bereit – für Personal - einschließlich Aus-, Fort- und Weiterbildung, Digitalisierung und moderne Strukturen. Der Pakt ist aber nicht für die Pandemie ausgelegt, sondern soll den öffentlichen Gesundheitsdienst nachhaltig stärken. Deshalb hat er auch eine Laufzeit von fünf Jahren. Da die erste Tranche des Geldes erst für das nächste Jahr angekündigt ist, bringt uns das für dieses Jahr nichts mehr.

Ende 2021 sollen mindestens 1500 Stellen neu geschaffen, bis Ende 2022 weitere 3500. Wie will man denn so schnell an Personal kommen?

Am Personal liegt es momentan nicht. Wir können auf viele Hilfskräfte bauen.

Was sagen Sie eigentlich dazu, dass zum Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg die Hilfe der Bundeswehr ausschlägt, nur aus ideologischen Gründen? Ist das falsch an dieser Stelle?

Jeder muss vor Ort entscheiden, welche Hilfe er annehmen will. Es ist aber ein gutes Zeichen, wenn Hilfe angeboten und genutzt wird.

Und wie wollen Sie das langfristig dringend notwendige Personal finden?

Wir müssen weiter für die Vorzüge des Arbeitens im Öffentlichen Gesundheitsdienst mit seinem breit gefächerten und interessanten Aufgabenspektrum werben. Das fällt aber schwer: Bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst wurde vor kurzem eine Zulage für Fachärzte von 300 Euro vereinbart. Das ist geradezu lächerlich, wenn man weiß, dass Ärzte im Krankenhaus 1500 Euro monatlich mehr verdienen als ein Arzt im Gesundheitsdienst. Und an die anderen Berufsgruppen in den Gesundheitsämtern, wie  zum Beispiel die Hygienekontrolleure, wurde  gar nicht gedacht. Hier wird es dringend notwendig, dass sich die Kommunen bewegen, zumal im Pakt für den ÖGD auch die Gehaltsverbesserungen eingeplant sind.

Was brauchen die Gesundheitsämter weiter langfristig?

Auf jeden Fall sollte das, was im Pakt vereinbart wurde, konsequent umgesetzt werden. Wir brauchen darüber hinaus eine Verankerung in Forschung und Lehre . Es gibt bislang keinen Lehrstuhl für öffentliche Gesundheit. Benötigt würden Professuren für Öffentliche Gesundheit und im Medizinstudium und in der Ausbildung anderer Gesundheitsfachberufe sollte man erfahren, welche Aufgaben  der öffentliche Gesundheitsdienst hat.

 Das wissen sicherlich viele nicht…

Die Arbeit ist durchaus spannend: Dort arbeiten multiprofessionelle Teams aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen – über alle medizinische Fachrichtungen hinweg. Zu den Aufgaben gehört die Aufklärung der Bevölkerung über Gesundheitsgefahren und gesundheitsbewusstes Verhalten oder die Förderung der Gesundheit für Kinder und Jugendliche. Der ÖGD überwacht die Einhaltung von Hygienevorschriften in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und kontrolliert die Trinkwasserqualität. Er erstellt Gutachten und  ist auch für die Leichenschau zuständig. Außerdem für Menschen, die keine Krankenversicherung haben, für Flüchtlinge und Obdachlose. Es arbeiten bei uns nicht nur Ärzte, Zahnärzte  und Apotheker , sondern Sozialarbeiter, Gesundheitswissenschaftler und Hygienekontrolleure.

Wären Sie für eine Zentralisierung des Infektionsschutzes zum Beispiel beim RKI, was immer wieder diskutiert wird?

Das Robert-Koch-Institut ist auf Bundesebene allein für den Infektionsschutz zuständig. Wir wollen aber nicht, dass die Informationen am Ort verloren gehen. Was wir aber brauchen, wäre eine eigenständige Behörde auf Bundesebene , die die ganze Palette der Aufgaben des ÖGD abdeckt. Das Bundesgesundheitsamt wurde ja vor vielen Jahren aufgelöst, die Pandemie hat aber einmal mehr gezeigt, dass ein zentrales Institut für öffentliche Gesundheit hilfreich wäre.

Wie lange wird die Pandemie noch dauern- mit und ohne Impfschutz?

Ich fürchte, die Pandemie wird uns noch weit ins nächste Jahr hinein begleiten und vermutlich noch deutlich darüber hinaus beschäftigen.

Dr. med. Ute Teichert ist Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen und Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD).