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Ist das Kunst - oder kann das weg?

Immer mehr Schulen beschäftigen sich im Unterricht mit Graffitis: Die Schüler sollen lernen, zwischen legalen Spraywerken und illegalen Schmierereien zu differenzieren.

Die Außenmauer der Berliner Dathe-Oberschule ist voller Graffiti. Meterhoch finden sich farbige Schmierereien an der einst weißen Wand. Unterschriften ihrer Urheber, sogenannte Tags, dazu aufgesprühte Buchstabenkombinationen, deren Sinn wohl nur die Eingeweihten verstehen.

Die Schule war zuerst zögerlich

Hinten, im Hof der Schule, sieht es anders aus. Farbige Zeichnungen sind an eine Wand gesprüht. Ein Einhorn, ein bunter Regenbogen. Die Kunstwerke sind das Ergebnis des Wahlpflichtunterrichts Kunst, den die Lehrerinnen Sybille Zanner und Irena Kiefer zusammen mit zwei Berliner Graffiti-Künstlern durchführten. Die damaligen Zehntklässlerinnen Vi Anh Dang und Tara Spindler waren mit dabei. „Wir haben lange überlegt, ob wir so etwas an unserer Schule anbieten“, sagt Sybille Zanner. Schließlich erhielt die Schule das Angebot von den professionellen Sprayern – und sagte zu. „Es ging darum, den Schülern zu vermitteln, wieviel Arbeit hinter einem professionellen Graffiti steckt“, sagt Sybille Zanner. „Wir haben im Unterricht über die Folgen illegalen Sprayens gesprochen. Und wir wollten zeigen, dass es akeptable Kunst ist, wenn sie legal geschieht.“

Berlin ist kein Einzelfall

Die Oberschule im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist längst nicht mehr die einzige Berliner Schule, an denen Sprayer den Kunstunterricht bereichern. „Die Bestimmungen des Rahmenlehrplans für die Sekundarstufe I im Fach Bildende Kunst sehen vor, dass grundlegende Erfahrungsbereiche der Jugendlichen immer berücksichtigt werden müssen“, heißt es in einer Antwort des Berliner Bildungsstaatssekretärs Mark Rackles (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage des Piraten-Abgeordneten Phillipp Magalski. Im Kunstunterricht biete sich die Möglichkeit, nicht nur Gestaltungsvarianten auszuprobieren und zu reflektieren. Er habe auch die Aufgabe, die soziale Dimension von Gestaltung und gestaltendem Handeln im Kontext von Normen und Regeln zu reflektieren, etwa das Problem der Sachbeschädigung. „Graffitis eignen sich von daher selbstverständlich als Thema des Unterrichts.“

Kampf gegen den Vandalismus

Zudem habe sich das Graffito als Kunstform entwickelt, die mit öffentlichen Mitteln förderfähig sei, etwa bei der Gestaltung von Bauwerken und öffentlichen Brücken. Und der Bildungspolitische Sprecher der Berliner SPD, Ilkin Özisik, geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Abgeordnete fordert, das Beispiel der Dathe-Oberschule zur Regel zu machen. „Wir müssen Sprühen in den Schulalltag integrieren“, sagte Özisik. Davon könne die Stadt im Kampf gegen Vandalismus nur profitieren. Schon Grundschüler sollten über die Geschichte, die Farblehre und die Chemie der Straßenkunst Bescheid wissen. Außerdem sollten mehr Freiflächen für legal arbeitende Graffiti-Künstler zur Verfügung gestellt werden. Auch in anderen deutschen Großstädten sind Graffiti längst zum Bestandteil des Kunstunterrichts geworden. In Dachau bei München etwa gestaltete der Leistungskurs Kunst eines Gymnasiums die Wand des örtlichen Jugendzentrums mit einem Graffito, in Moers beschäftigten sich schon die Viertklässler einer Grundschule mit dem Thema. „Zu Beginn der Unterrichtseinheit beurteilten sie die überall zu sehenden Graffiti der Umgebung, die man auch in unserer Schule an die Wände und sogar auf Fensterscheiben gesprüht hat“, berichtet Kunstlehrerin Brigitte Reinhard. „Alle Mädchen und Jungen lehnten diese Schmierereien total ab und ärgerten sich maßlos darüber.“ Es sei richtig, dass solche Sprayer bestraft werden. Andererseits gefiel ihnen die Idee, graue, langweilige Wände künstlerisch zu verschönern. Schließlich lernten die Kinder, ihren Namen in bunter Graffiti-Schrift auf Papier zu bringen.

Die Schüler mögen keine Schmierereien

Doch ob solche Projekte wirklich dazu führen, dass Jugendliche am Ende weniger Wände besprühen? Der Außenanblick der Berliner Dathe-Oberschule spricht auf den ersten Blick dagegen. „Das waren keine Schüler von unserer Schule“, winkt Sybille Zanner ab. „Wir haben hier ganz in der Nähe ein Hostel und eine Partymeile, auf der sich Jugendliche aus der ganzen Welt finden.“ Tara Spindler und Vi Anh Dang jedenfalls haben weder vor dem Graffiti-Projekt noch hinterher Erfahrungen mit dieser Kunstform gesammelt. „Ich finde das nicht schön, wenn Wände einfach so beschmiert werden“, sagt die Elftklässlerin Tara Spindler. Oft seien das eher Hauptschüler, die Gangster spielten. Das Projekt im Unterricht sei dagegen interessant gewesen: „Es war mal etwas völlig anderes – und wir waren viel draußen und haben nicht an den Tischen gesessen.“

Auch die Eltern sind überzeugt

Im Unterricht habe sich die Gruppe mit den Vorgehensweisen und der Technik von Graffiti beschäftigt. „Wer an Graffiti denkt, denkt in erster Linie an illegale Schmierereien“, sagt Vi Anh Dang. „Aber so ist es nicht: Es sind tolle, ausdrucksstarke Bilder dabei.“ So ist es am Ende auch der Mutter von Tara Spindler gegangen. Als sie hörte, dass sich ihre Tochter im Kunstunterricht mit dem Thema Graffiti beschäftigt, bekam sie zunächst einen gehörigen Schreck. „Aber dann habe ich ihr ein Foto von dem gezeigt, was wir gesprüht haben“, erklärt ihre Tochter. „Und dann fand sie es ganz toll.“

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