Ein Wissenschaftler klärt auf
Ist die Wasserkrise erfunden?
Stefan Homburg hält diese Erzählung für falsch. Der Professor für öffentliche Finanzen an der Leibniz-Universität Hannover erläutert: Wer von Wassermangel spricht, muss zuerst Messwerte vorlegen. Langjährige Reihen zu Grundwasserständen seien frei zugänglich, würden in der Berichterstattung aber kaum konkret genannt. Homburg hat zahlreiche Messstellen in verschiedenen Teilen Deutschlands geprüft. Sein Ergebnis: „Da hat sich eigentlich nichts getan.“
Für kommunale Entscheider ist dieser Punkt zentral. Ein Verbot darf nicht aus einem allgemeinen Krisengefühl entstehen, sondern muss auf der Lage vor Ort beruhen. Wie entwickeln sich die Pegel der eigenen Brunnen? Gibt es wirklich ein Mengenproblem – oder stößt lediglich die örtliche Versorgung an wenigen heißen Stunden an ihre Grenzen? Wer Bürger einschränkt, sollte diese Fragen beantworten können. Sonst wird aus Vorsorge schnell Verwaltungstheater mit Gartenschlauch.
Mehr Regen, nicht weniger?
Auch der Behauptung, in Deutschland regne es immer weniger, widerspricht Homburg. Er verweist auf Daten des Deutschen Wetterdienstes seit 1881. Danach hätten die Niederschläge insgesamt leicht zugenommen. Auch eine generelle Zunahme von Starkregenereignissen sei daraus nach seiner Darstellung nicht abzulesen.
Verändert habe sich allerdings die Verteilung über das Jahr. Die Winterniederschläge nähmen zu, während die Sommerniederschläge leicht zurückgingen. Ein trockener Sommer kann örtlich Probleme verursachen, ohne dass Deutschland insgesamt austrocknet. Eine saisonale oder regionale Belastung ist noch keine nationale Wasserkrise.
Homburg erklärt zudem, warum mehr Niederschlag nicht automatisch zu steigenden Grundwasserständen führt. Ist ein unterirdischer Speicher gefüllt, fließt zusätzliches Wasser über Quellen, Bäche und Flüsse ab. Konstante Pegel seien daher nicht automatisch ein Warnsignal, sondern könnten Ausdruck eines funktionierenden Wasserkreislaufs sein.
Deutschland entnimmt nur noch halb so viel Wasser
Besonders brisant ist Homburgs Hinweis auf die Wasserentnahme. Nach einer von ihm angeführten Grafik des Umweltbundesamtes sei sie zwischen 1991 und 2022 um mehr als die Hälfte gesunken. Deutschland nutze heute erheblich weniger Wasser als zu Beginn der 1990er-Jahre – einer Zeit, in der flächendeckende Bewässerungsverbote kaum eine Rolle spielten.
Der Rückgang habe wenig mit Spartasten oder kürzerem Duschen zu tun. Entscheidend seien die schrumpfende Industrie, der geringere Wasserbedarf der Energieerzeugung, der Rückgang des Bergbaus und Veränderungen in der Bauwirtschaft. Die größten Entnehmer seien nicht die Bürger mit Gießkanne und Planschbecken, sondern große wirtschaftliche Anlagen gewesen.
Homburg legt auch Wert auf den Begriff: Wasser werde meist nicht „verbraucht“, sondern entnommen. Es verschwinde nicht, sondern kehre nach Nutzung und Aufbereitung in den Kreislauf zurück. Wer ständig von Verbrauch spricht, erweckt den Eindruck, jeder Liter sei unwiederbringlich verloren. So wird aus dem Rasensprenger schnell ein Umweltsünder – selbst dann, wenn die Ursache ganz woanders liegt.
Der vernagelte Brunnen als neue Maske
Zum Symbol der Debatte wurde für Homburg München. Dort wurden mehrere Brunnen außer Betrieb genommen, der bekannte Fischbrunnen sogar mit Brettern verschlossen. Die Botschaft ist unübersehbar: Wasser ist knapp, jeder Tropfen zählt.
Homburg hält das für Symbolpolitik. München entnehme nach seinen Angaben jährlich rund 100 Milliarden Liter Wasser. Die Verdunstung eines Brunnens falle dabei praktisch nicht ins Gewicht. Der Effekt sei vor allem psychologisch: „Dieser vernagelte Brunnen ist im Grunde die neue Maske.“ Wer daran vorbeigehe, müsse glauben, dass die Lage dramatisch sei.
Genau hier liegt die kommunalpolitische Sprengkraft. Sichtbare Maßnahmen erzeugen Vertrauen, wenn sie nachvollziehbar sind. Sind sie nur Kulisse, bewirken sie das Gegenteil. Bürger akzeptieren Einschränkungen eher, wenn Zahlen, Dauer und Ziel klar benannt werden. Werden Brunnen geschlossen, ohne den messbaren Nutzen zu erklären, bleibt der Verdacht, dass das Rathaus Haltung inszeniert statt Probleme zu lösen.
Neue Abgaben mit dem Etikett der Knappheit
Noch heikler wird die Debatte, wenn aus Warnungen neue Einnahmen entstehen. Homburg nennt den in Bayern eingeführten Wassercent. Eine zusätzliche Abgabe auf ein lebensnotwendiges Gut werde mit Wasserknappheit begründet, obwohl Bayern nach seiner Einschätzung besonders wasserreich sei.
Damit berührt er einen wunden Punkt der Kommunalpolitik. Gebühren und Abgaben brauchen eine belastbare Begründung. Sie müssen ein konkretes Problem lösen, Investitionen finanzieren oder einen nachweisbaren Lenkungseffekt haben. Eine diffuse Warnung vor künftigem Mangel reicht nicht. Bürger reagieren allergisch, wenn das Rathaus erst die Krise ausruft und anschließend die Rechnung verschickt.
Erst messen, dann verbieten
Am Ende steht eine einfache Forderung: Kommunen müssen ihre Entscheidungen mit örtlichen Daten begründen. Bundesweite Schlagzeilen ersetzen keine Messstelle, politische Warnungen keine Wasserbilanz. Sinkt ein Brunnen tatsächlich bedenklich ab, muss gehandelt werden. Reicht die Förder- oder Speicherkapazität an Spitzentagen nicht aus, gehört die Infrastruktur ertüchtigt. Gibt es dagegen weder eine akute Knappheit noch eine konkrete Gefährdung, sind pauschale Verbote schwer zu rechtfertigen.
Homburgs zentrale These lautet, dass Deutschland keine flächendeckende Wasserkrise habe. Leicht steigende Niederschläge, über Jahrzehnte weitgehend konstante Grundwasserstände und eine massiv gesunkene Wasserentnahme sprächen gegen das Bild eines Landes, das sich bald um den letzten Tropfen streitet.
Für Bürgermeister, Landräte und Gemeinderäte folgt daraus kein Freibrief zum Nichtstun. Aber eine Pflicht zur Nüchternheit. Wasser ist zu wichtig für Alarmismus – und zu kostbar für politische Show. Wer den Bürgern den Rasensprenger abstellt, sollte vorher beweisen können, dass damit tatsächlich ein Problem gelöst wird. Alles andere ist keine Daseinsvorsorge. Es ist Dürretheater auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

