Therme in Bad Füssing
Bad Füssings Thermen sind derzeit geschlossen.
© Kur- und Gästeservice Bad Füssing

Gesundheitswirtschaft

Wie die Kurorte durch die Corona-Krise kommen

Die Kurorte in Deutschland kämpfen gegen wirtschaftlich verheerende Lockdowns und werben um das Vertrauen der Gäste. Der Betrieb gelingt nur mit strengen Hygieneregeln. Welche Unterstützung Gemeinden wie Bad Füssing und Bad Griesbach fordern, wie Bad Birnbach die zweite Zwangspause erlebt - und was sich Baden-Baden einfallen ließ.

Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal vor der Kasse zur kommunalen Europa-Therme in Bad Füssing: Menschen stehen in weiten Bademänteln und Schlappen in der Warteschlange, die meisten schleppen große Badetaschen mit sich, manche schieben einen Trolly neben sich her, um die Bandscheibe zu schonen. Wenn da nicht die Hinweisschilder wären!  Ein rotes STOP vor der Toilette warnt: „Bitte nur maximal 3 Personen eintreten“, und kurz vor dem Einlass steht unübersehbar eine weißlackierte Box mit der Aufschrift: Kundenkontakt-Datenerfassung.  Ein älterer Herr in T-Shirt und kurzer Sporthose drängelt sich an der Kasse nach vorne.

Kurorte drängen auf Hygienieregeln

„Ich muss zu meiner Frau!“  Doch keine Chance: „Bitte stellen Sie sich hinten an und halten sich an die Markierungen für den vorgeschriebenen Abstand von 1,50 Meter “, begleitet ihn eine Mitarbeiterin der Therme freundlich ans Ende der Schlange zurück. Nicht alle Kurgäste verhalten sich so diszipliniert, wie es sich die Betreiber wünschen. Dennoch sagt der Bürgermeister des Kurortes, Tobias Kurz: „Die meisten unserer Gäste sind nicht nur einsichtig, sondern vorsichtig.“

Dass sich die Kurgäste an die Hygieneregeln halten, soll nicht nur ihre eigene und die Gesundheit der anderen schützen. Disziplin und Rücksicht sind die Voraussetzungen dafür, dass der Kurbetrieb in Europas größter Thermenlandschaft in der Corona-Pandemie weiterlaufen kann, sofern nicht gerade ein Lockdown verordnet ist. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Oktober nach einer Videokonferenz mit den Länderchefs mitteilte, dass mit den Gastronomiebetrieben auch die Hotels und Schwimmbäder erneut zumachen müssen, kam mit Wucht die Erinnerung an den ersten Lockdown zurück. „Gespenstig war es damals“, erinnerte sich Tobias Kurz beim Besuch von KOMMUNAL an die Zeit zwischen 16. März und dem 7. Juni.  Zweieinhalb Monate war alles dicht im sonst so florierenden Bad Füssing.  

Bürgermeister Bad Füssing

Ein Kurort  hat neben dem  Kurbetrieb und  kulturellem  Angebot viele zusätzliche  Aufgaben wie die Park-  und Blumengestaltung"

Bürgermeister Tobias Kurz, Bad Füssing

Die Corona-Krise macht auch vor der Kurorten Deutschlands nicht halt - mit massiven wirtschaftlichen Folgen. Die deutschen Heilbäder und Kurorte generieren einen jährlichen Umsatz von über 25 Milliarden Euro. Das Kur- und Bäderwesen verbucht in Deutschland laut Heilbäderverband ein Viertel aller Gästeübernachtungen. Allein in Niederbayern hängen rund 30.000 Arbeitsplätze an der wachsenden Branche. Zusammen mit den Bürgermeisterkollegen der anderen vier niederbayerischen Thermalbäder warb Bürgermeister Kurz im Frühjahr bei der Bayerischen Staatsregierung dafür, dass die ZwangsPause möglichst rasch beendet wird.  Der Betrieb sollte auf Basis der gemeinsam konzipierten Hygienekonzepte rasch wieder anlaufen.

Kurorten fehlen Einnahmen in der Corona-Krise

Doch auch wenn viele Gäste den Schutzvorkehrungen vertrauten und wiederkamen, lassen sich die herben Einnahmeverluste nicht mehr aufholen. Allein in Bad Füssing fehlen durch die Corona-Krise Einnahmen von rund 6 Millionen Euro in der Kasse, wie der Bürgermeister beklagt. 20 Millionen Euro nahm die Gemeinde im Jahr davor insgesamt ein, bis Mitte Oktober 2020 waren es nur 14 Millionen Euro. Das Loch wird sich nun weiter drastisch vergößern.

Bürgermeister-Wahl während des Lockdowns

Tobias Kurz war mitten im ersten Lockdown am 1. Mai mit nur 28 Jahren ins Amt gewählt worden. Was hatte er im Wahlkampf alles versprochen! Der jüngste Bürgermeister, den die inzwischen auf 8.000 Einwohner gewachsene Gemeinde im Landkreis Passau je hatte, stand nun vor der schwierigsten Aufgabe, die der Ort, abgesehen von den Gesundheitsreformen zum Jahr 2002, bisher zu bewältigen hatte. Er wurde unsanft in seinem Elan gebremst.  Drei große Projekte müssen auf Eis gelegt werden: Die Kur-Gymnastikhalle, die gerade generalsaniert und entkernt ist, der Anbau des Feuerwehrhauses im Ortsteil Aigen am Inn und die Arbeiten am Hallenbad des örtlichen Freibades.

Die Bayerische Staatsregierung will die Gewerbesteuerausfälle erstatten.

Doch das reicht Bürgermeister Kurz nicht. „Ein Kurort hat neben dem Kurbetrieb und kulturellem Angebot viele zusätzliche Aufgaben wie die Park- und Blumengestaltung. Die Straßen müssen hergerichtet und sauber sein“, sagt er. Gemeinsam mit den Bürgermeisterkollegen der anderen Kurorte fordert er, dass auch diese freiwilligen Aufgaben von der bayerischen Staatsregierung als Pflichtaufgabe von Kurorten anerkannt und somit in der Schlüsselzuweisung  berücksichtigt werden. Es müssten unter anderem die Übernachtungen zugrunde gelegt werden.

Bad Füssing hat treue Gäste

Bad Füssing mit seiner öffentlichen Therme und zwei privaten Thermalbädern hat sehr viele treue Gäste. Manche sind schon über 100 Mal hier. Für Edith und Hans-Georg Winter aus dem Münsterland war es bei ihrem diesjährigen Besuch das vierte Mal. „Wir kommen alle drei Jahre“, erzählt Edith Winter und zwinkert: „Einmal Bad Füssing, immer Bad Füssing.“ Drei Wochen blieben sie dieses Mal- für eine offene Badekur. Die beiden wohnten im Appartement. Wegen Corona hatten sie sich gegen ein Hotel entschieden. Das war vor dem zweiten Lockdown.

Bad Birnbach



Nur 25 Kilometer entfernt, aber in einem anderen Landkreis liegt Bad Birnbach. Das „ländliche Bad“, wie die 5.700-Einwohner-Kleinstadt bei den Gästen wirbt.  Der Kurort hat den erneuten Lockdown vorgezogen erlebt. Weil im Landkreis Rottal-Inn die Infektionszahlen über den festgelegten Grenzwert kletterten, verfügte das Landratsamt schon  vor dem bundesweiten Lockdown, dass die Therme ab 27. Oktober erneut geschlossen werden muss. Werkleiterin Josefine Kohlmeier sagte zu KOMMUNAL: „Wir hatten uns gerade etwas von der ersten Zwangspause erholt, das ist wirklich eine bittere Pille, die wir da schlucken müssen.“ Doch: Das Wichtigste sei, dass die Infektionsketten durchbrochen werden.

Bad Birnbach fordert mehr Unterstützung

Dem Leiter der Kurverwaltung, Victor Gröll, reicht die Erinnerung an den ersten Lockdown ebenfalls. „Es war furchtbar. Bei uns war auch noch die Klinik geschlossen - als Rückzugsraum für eventuelle Corona-Betten, die dann aber nicht benötigt wurden", erzählt er.  Auch Gröll betont: „Ein Kurbetrieb hat mehr Lasten als eine ganz normale Gemeinde zu tragen."  Im kommunalen Finanzausgleich werde dies aber nicht berücksichtigt, beklagt er.  Deshalb seien Ausgleichszahlungen wichtig. Die „Rottalterme“ in Bad Birnbach wird vom Zweckverband betrieben, ein Zusammenschluss des Bezirkes Niederbayern, dem Markt Bad Birnbach und dem Landkreis Rottal-Inn.



Camping-Plätze, Ferienwohnungen, kleine Betriebe und Pensionen waren in Bad Birnbach nach der ersten Zwangspause schnell wieder gut gebucht, einige Hotels hingegen klagten weiter über Einbußen – vor allem wegen der ausgefallenen Gruppenreisen. Bislang habe es aber keine Entlassungen im großen Stil gegeben, berichtet Gröll.„Ich bin seit zehn Jahren Leiter der Kurverwaltung und habe so eine Situation noch nie erlebt“, sagt er.  "Dafür gab es keine Blaupause."

Baden-Baden
Die alte Kurstadt Baden-Baden vermisst vor allem die ausländischen Gäste.

In Baden-Baden, das zu normalen Zeiten über eine Million Übernachtungen im Jahr verbucht, blieben in diesem Jahr ebenfalls viele Betten leer. Die großen Kongresse sind ausgefallen. Hoteliers, Gastronomen, Einzelhändler, sie alle leiden. Nirgendwo sonst bringen die Kongressteilnehmer so häufig ihre Partner mit als in der alten Kurstadt. Das liegt an dem vielseitigen Angebot neben den Thermalbädern.

Baden-Baden bietet viel Kultur

Das Festspielhaus, das viertgrößte Opernhaus der Welt, aber auch Theater oder Philharmonie ziehen die Besucher aus aller Welt an. „Bei den klassischen Übernachtungen fehlen uns die Gäste aus den arabischen Ländern, gerade im deutschen Hochsommer blieben sie dieses Mal aus“, berichtet der Sprecher der 56.000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg, Roland Seiter. „Dafür kamen mehr Gäste aus Italien und Frankreich und natürlich auch aus Deutschland.“ Im Urlaub sitzt der Geldbeutel etwas lockerer, in diesem Jahr nicht, stellt er fest. Dafür zieht es die Gäste in den Wald. Baden-Baden hat den zweitgrößten kommunalen Stadtwald Deutschlands, mit über 300 Kilometer Wanderwegen.

Nach dem ersten Lockdown war die Kurstadt in die Offensive gegangen: mit Fernsehwerbung zur besten Sendezeit. Vier Wochen lang von Montag bis Freitag 20 Sekunden Baden-Baden zwischen Heute-Nachrichten und Wetterbericht. "Kommt nach Baden-Baden!" Die Einladung galt ab 2. November leider nicht mehr.