Leichte Sprache - ganz schön schwer - worauf Kommunen achten müssen
Leichte Sprache - ganz schön schwer - worauf Kommunen achten müssen
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Barrierefreiheit

Leichte Sprache wird Pflicht: Was Kommunen wissen müssen!

Leichte Sprache hat das Ziel, Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Behinderung die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Sie unterscheidet sich von der sogenannten einfachen Sprache, die sich auch an Menschen mit geringen Sprachkenntnissen richtet. Für Kommunen wird es nun ernst - denn Stichtag, an dem diese Leichte Sprache Pflicht wird, ist der 23. September. Wer jetzt noch nicht umgestellt hat, muss sich beeilen, um die rechtlichen Anforderungen zu erfüllen.

Die Gemeinde Wallenhorst ist in Sachen "leichte Sprache" schon gut dabei. Wer die Homepage der 23.000 Einwohner zählenden Kommune im niedersächsischen Landkreis Osnabrück aufruft, kann auf einem Button die Schrift auf der Homepage vergrößern. Wer mit der Maus über ein Foto geht, erhält eine Kurzbeschreibung des Bildes angezeigt. Und wer oben rechts auf der Seite die Sprachauswahl bedient, kann sich eine Kurzdarstellung der Gemeinde in „Leichter Sprache“ anzeigen lassen.

In der Gemeinde Wallenhorst gehört die leichte Sprache zum Inklusionskonzept

„Schon bei der Erstellung der Website 2016 achtete die Verwaltung auf eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit“, sagt der Sprecher der Gemeinde, André Thöle. „Eine möglichst barrierearme Information und Kommunikation ist Bestandteil des Inklusionskonzeptes der Gemeinde Wallenhorst.“ Ähnlich sieht es auch anderswo in Deutschland aus: So ist der Internetauftritt der Hansestadt Rostock seit 2008 barrierefrei, sagt Stadtsprecherin Kerstin Kanaa. Und in der Schwarzwaldgemeinde Niedereschach ist man gerade dabei, die Internetseite völlig neu aufzubauen. „Dabei spielt für uns auch der Gesichtspunkt, diese möglichst barrierearm zu gestalten, eine wichtige Rolle“, sagt Bürgermeister Martin Ragg. So werde sich die Internetseite an alle mobilen Endgeräte anpassen. Zudem soll sie künftig eine Vergrößerungshilfe beinhalten und für gängige Vorleseprogramme nutzbar sein. „Wir planen, im zweiten Halbjahr 2020 damit online zu gehen.“

Stichtag: Am 23. September 2020 müssen kommunale Internetauftritte eine Version in leichter Sprache anbieten 

Michael Wahl leitet die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik
Gesundheitsökonom Michael Wahl leitet die „Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik“

Und daran tut die Gemeinde gut. Denn für Deutschlands Kommunen rückt ein Stichtag immer näher: Am 23.September 2020 müssen sie ihre Internetauftritte barrierefrei gestaltet haben. „Und das gilt, egal zu welchem Zeitpunkt die Website das erste Mal veröffentlicht wurde“, sagt Michael Wahl. Der Gesundheitsökonom leitet die „Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik“ und ist Experte auf dem Gebiet des barrierefreien Internets. Hintergrund ist die EU-Richtlinie mit der Nummer 2016-2102: Sie wurde mit dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz und der „Barrierfreien Informationstechnik-Verordnung“ des Bundes in nationales Recht umgesetzt und schreibt die Barrierefreiheit öffentlicher Webseiten vor.

Leichte Sprache bedarf einer Erklärung vom Betreiber

„Die kommunalen Betreiber müssen sich Gedanken über mehrere Dinge machen“, sagt Wahl. Als erstes müsse auf den Internetseiten eine „Erklärung zur Barrierfreiheit“ zu finden sein. Sie muss darstellen, in welcher Form die Website aus Sicht des Betreibers an die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap angepasst ist. „Es muss dargestellt werden, was nicht barrierefrei ist und warum“, sagt Wahl. Dazu ist ein so genannter Feedback-Mechanismus nötig. Generell rät Wahl dazu, dass Betreiber von Internetseiten selbst einmal ausprobieren, was auf ihren Seiten barrierefrei ist und was gegebenenfalls noch überarbeitet werden muss. Im Internet gebe es dazu etwa den BITV/WCAG-Test und auch andere Testangebote, mit deren Hilfe man Websites auf eventuell vorhandene Barrieren testen kann.

Die Hindernisse müssen Stück für Stück abgebaut werden

Dass eine barrierefreie Website nicht ohne Aufwand einhergeht, bestätigt auch Michael Wahl. „Es ist extrem schwierig, eine komplett barrierfreie Website hinzubekommen.“ Letztlich müsse man Stück für Stück die Hindernisse abbauen. Welche das sind? Zum Beispiel sollten Überschriften im HTML eindeutig und korrekt als Überschriften gekennzeichnet werden, damit sie von Screenreadern auch als solche erkannt werden. Zudem sollten Bilder mit „Alt-Texten“ versehen werden: Wenn man mit der Maus über solch ein Bild fährt, ploppt für sehende Nutzer eine Beschreibung auf, was auf dem Bild zu sehen ist. Blinden wird sie vorgelesen.

„Wenn die Beschreibung fehlt, wird einem blinden Nutzer nur das Wort „BILD“ vorgelesen“, sagt Wahl. „Dann sind Sie als blinder Nutzer raus.“ Ein anderes Thema sind die PDF-Dateien. Auch hier kommt es Wahl zufolge auf ein genaues Befolgen von Standards und ein solides Erstellen der Dateien an. „Auch hier müssen Überschriften mit der Formatvorlage als Überschrift gekennzeichnet werden, Texte sollten hierarchisch strukturiert werden und Links als Links gekennzeichnet werden“, sagt Wahl.

Oder die Bedienung der Website an sich. „Alles, was man auf der Website per Maus macht, muss man auch mit der Tastatur machen können“, sagt Jan Hellbusch. Er ist Mitglied im Gemeinsamen Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Wer seine Hände nicht richtig bewegen kann, kann ja zum Beispiel mit der Maus nicht arbeiten.“

Eineinhalb Monate vor Inkrafttreten der Vorschriften sind immer noch zu wenig Seiten in leichter Sprache verfügbar 

Schwierig seien auch Filme auf der Webseite: „Je wichtiger die Informationen sind, die durch die Filme vermittelt werden, um so mehr braucht es Untertitel für Gehörlose oder eine Audioversion für Blinde“, sagt Hellbusch. „Und wenn Animationen nicht angehalten werden können, sind Nutzergruppen mit Konzentrationsschwierigkeiten ausgeschlossen.“ Wie es jetzt, eineinhalb Monate vor Inkrafttreten der neuen Vorschriften im deutschen Internet aussieht? „Es ist noch immer zu wenig barrierfrei“, sagt Michael Wahl.

Aber was bringt es einer Kommune überhaupt, eine Seite barrierefrei zu gestalten? „Damit erweitert man die Zielgruppe“, sagt Wahl. Ein Beispiel sei ein blinder Winzer aus Rheinland-Pfalz: Der Mann musste jedes Jahr ein Formular für das Gewerbeamt ausfüllen. Früher war dazu ein Termin auf dem Amt nötig. Ein Mitarbeiter musste ihm das Formular Zeile für Zeile vorlesen und dann gemeinsam mit ihm den Fragebogen ausfüllen.

Seitdem das Formular barrierefrei im Internet steht, kann der Mann das auch alleine. Oder die Corona-Pandemie: „Gehörlose Menschen haben ein Recht auf Kommunikation in Deutscher Gebärdensprache“, sagt Wahl. „Dies kann man mit Gebärdensprachvideos mit den entsprechenden Informationen im Internet gut umsetzen, anstatt mit jedem Gehörlosen gesondert Kontakt aufzunehmen.“

Von einer barrierefreihen Webseite profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung

Christina Marx von Aktion Mensch
Christina Marx, Leiterin der Abteilung „Aufklärung“ bei der „Aktion Mensch“

So erlebt das auch Christina Marx, Leiterin der Abteilung „Aufklärung“ bei der „Aktion Mensch“. „Gerade bei Kommunen müsste man eigentlich im Sinne der Bürgernähe und Kundenfreundlichkeit immer dafür sorgen, dass Websites barrierefrei und nutzerorientiert sind“, sagte Marx. Eine barrierefreie Website werde ja nicht nur von Menschen mit Behinderung genutzt.

„Wer mit seinem Laptop in der Sonne sitzt, hat durchaus etwas davon, wenn er auf einer Webseite die Kontraste verändern kann“, sagt Marx. „Und die Sprachausgabe einer Internetpräsenz wird längst nicht nur von blinden Menschen genutzt, genau wie einfach formulierte Texte nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten zugute kommen.“

10 Prozent der Menschen sind auf die Barriefreiheit angewiesen – aber für 100 Prozent ist es nützlich und angenehm, wenn eine Website beispielsweise aufgeräumt und klar strukturiert im Browser erscheint.