Mit Süchtigen Lösungen finden, statt Alkoholverbote verhängen - Das ist ein Versuch, der in Solingen für Erfolge sorgt.
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Alternative zu Alkoholverboten

Mit Süchtigen gemeinsam Lösungen finden

Süchtige, die sich teils in großen Gruppen in den Innenstädten treffen, werden für die Städte oft zum Ärgernis. Denn einige Bürger sind von ihnen geängstigt und erwarten Lösungen von der Kommune. In Solingen sorgt ein inklusiver Ansatz dafür, dass alle Betroffenen an einem Strang ziehen.

KOMMUNAL: Wie hat Ihre Arbeit mit dem inklusiven Ansatz begonnen?

Norbert Schäfer: Damals gab es zwar das Wort Angstraum noch nicht, aber der Solinger Bahnhof WAR ein Angstraum. Viele Alkoholiker und Polytoxikomane verbringen ihren Tag hier. Überall lagen Spritzen rum, es kam häufig zu aggressiven Auseinandersetzungen. Wie allgemein üblich, wurde sofort nach mehr Polizei und dem Einsatz von Ordnungskräften gerufen. Aber dem Sozialdezernenten der Stadt war damals schon klar, dass das nur zu einer Verlagerung auf andere Stadtteile führen würde. So ist er mit mir in Kontakt gekommen und ich habe mir eine andere Lösung überlegt.

Wie sah diese andere Lösung denn aus?

Wir haben erstmal in einem ausrangierten Bus der Stadtwerke einen Spritzentausch angeboten. Später haben wir dann einen richtigen Kontaktladen bekommen, in dem der Spritzentausch stattgefunden hat. Und auch der Streetworker hat in dem Kontaktladen gearbeitet. Dann haben wir Runde Tische eingerichtet, bei denen Geschäftsleute, die Werbegemeinschaft, Politiker und – ein großer Unterschied zu den meisten Runden Tischen – die Szenemitglieder miteinander reden konnten. Die Szene hat da ihre Peer-Leute hingeschickt. Die hatten was auf dem Kasten und haben gut mit den anderen diskutiert. Sie sind am Tisch als Fachleute für ihren Bereich ernst genommen worden. Die Gespräche der unterschiedlichsten Akteure fanden auf Augenhöhe statt.

Norbert Schäfer über die Zusammenarbeit mit Süchtigen
Norbert Schäfer ist Leiter der Jugend- und Drogenberatung „anonym“.

Welchen Vorteil hat es, die Süchtigen und die Leute, die sich über die Szene beschweren, an einen Tisch zu setzen?

Es ist wichtig, dass jeder seine Sichtweise mitteilen kann, damit man sinnvolle Lösungen findet. Zum Beispiel haben die Szeneleute beim Müllproblem sofort darauf hingewiesen, dass es auf dem Bahnhofsvorplatz nur einen Mülleimer gibt und der auch nur ein Mal in der Woche geleert wird. Die Anwesenden haben das geprüft und siehe da: Sie hatten Recht. Die Stadt hat schnell für einen zweiten Mülleimer gesorgt und leeren jetzt beide täglich. Damit war das Müllproblem plötzlich verschwunden. Die Szene hat das Ganze sehr ernst genommen, weil sie gesehen haben, dass man auf sie eingeht. Und auch, dass die andere Seite sich äußern kann, ist wichtig. Wenn ein Ladenbesitzer zu den Leuten aus der Szene sagt ‚Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie eklig das ist, das wegzuputzen, wenn ihr vor meine Ladentür pinkelt.‘, dann hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn ich das als Außenstehender sage.

Und wie hat sich der Bahnhofsvorplatz seit der gemeinsamen Arbeit entwickelt?

Es werden gar keine Spritzen mehr auf dem Platz gefunden. Außerdem ist nur noch ein Drittel der Polizeieinsätze nötig. Und statt drei Streifenwagen schickt die Polizei pro Einsatz nur noch einen. Aber ich bin auch kein romantisierender Sozialfuzzi, der gegen die Polizei ist: Natürlich gab es trotzdem noch Situationen, in denen die Polizei oder das Ordnungsamt einschreiten mussten. Und die wird es auch immer geben. Aber sie haben sich stark reduziert und ich denke nicht, dass man den Solinger Bahnhofsvorplatz heute noch als Angstraum bezeichnen würde. Es sind weder die Sucht noch die Süchtigen, die den Menschen hauptsächlich Angst machen. Sie haben Angst, wenn sie zerschlagene Bierflaschen, Vermüllung und aggressives Verhalten sehen. Als Psychologe habe ich oft den Eindruck, dass die Süchtigen mit ihren Provokationen Signale setzen, damit sie gesehen werden. Wenn wir sie aktiv, partizipativ in die Problemlösung einbeziehen, werden sie gesehen, müssen nicht weiterhin provozieren. Im Gegenteil, sie arbeiten konstruktiv mit.

Sie haben Ihr Projekt auf die Innenstadt Solingens verlagert. Wie kam es dazu?

Wir haben der Diakonie Rheinland von unserem Konzept berichtet und sie hat uns darin unterstützt, Fördergelder aus dem Aktionsplan gegen Sucht NRW zu beantragen. Im Sommer haben wir den Bewilligungsbescheid über 168.000 Euro für drei Jahre bekommen. Davon können wir eine Dreiviertelstelle besetzen. Wir werden das wahrscheinlich aufteilen auf eine halbe Streetworker-Stelle und eine viertel organisatorische Stelle. Mit dem Geld im Rücken wollen wir unseren Ansatz jetzt in der Solinger Innenstadt umsetzen, denn hier ist es in den letzten Jahren vermehrt zu öffentlichem Ärgernissen, Aggressionen und Vermüllung gekommen. Im Moment sind wir dafür in der Vorbereitungsphase. Wir identifizieren und schulen Menschen, die als Peerleader, ähnlich wie am Bahnhofsplatz, positiv auf die Szene einwirken. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit gewinnen wir Gewerbetreibende, Manager von Einkaufscentren, Politiker, Ordnungskräfte und Anwohner, um gemeinsam mit den Süchtigen wieder Runde Tische zu bilden und gemeinsam auf Augenhöhe Verhaltensregeln für den öffentlichen Raum auszuhandeln. Die Förderung aus dem Aktionsplan gegen Sucht NRW gibt uns dabei den Rahmen, unseren partizipativen Ansatz auf seine Praktikabilität für eine größere Innenstadtszene hin zu prüfen.

Umgang mit Süchtigen - auch in unserem Newsletter Thema!KOMMUNAL-Newsletter an!" data-entity-type="file" data-entity-uuid="3e1d1152-c1ae-4f8f-aecd-c19f3fc797b5" src="https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/cdn.kommunal.de/public/inline-images/google_nl01_930x180.jpg">

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