Nachhaltigkeit in Kommunen
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Nachhaltigkeit in Kommunen

Für die Zukunft unserer Enkelkinder

Wie werden Kommunen nachhaltiger? Was setzen andere Vorreiter-Kommunen bereits um? Ein Experte nennt Best-Practice Beispiele – von plastikfreien Veranstaltungen, Gebrauchtkaufhäusern bis hin zur Umstellung von Energie - und verrät, warum es mit der Umsetzung von Leuchtturmprojekten längst nicht getan ist.

„Meine Enkelkinder sollen eine gute Zukunft haben. Und das geht nur, wenn wir nicht nur über Nachhaltigkeit reden, sondern auch machen“, erklärt Thorsten Krüger, der Bürgermeister der niedersächsischen Stadt Geestland. Aus seinem Mund klingen die Worte fest, aber auch fast schon gelangweilt. Krüger gilt als Pionier im Bereich Nachhaltigkeit. Geestland berichtet als erste deutsche Kommune nach dem Nachhaltigkeitskodex, der 20 Kriterien für die Nachhaltigkeit beschreibt.

Zudem hat die Stadt eine der jüngsten Klimaschutzmanagerin eingestellt, die das Thema nicht nur an die jüngeren Leute heranträgt, sondern auch gemeinsam mit dem Bürgermeister an einem Klimaschutzkonzept arbeitet. Mittlerweile hat Geestland die gesamte Straßenbeleuchtung auf LED-Technik umgestellt und konnte so nicht nur den Haushalt entlasten, sondern bereits über 600 Tonnen CO2 einsparen. Zusätzlich dazu wurde mit einer Steuerungsfunktion nachgebessert, sodass die Lichter nur dann hell leuchten, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Das Ziel dahinter: den Energieverbrauch noch weiter zu drosseln. 

600 Tonnen CO2 hat Geestland durch die Umstellung der Straßenbeleuchtung eingespart. 

Nachhaltigkeit: Aller Anfang ist schwer

Vor ein paar Jahren wollte Krüger ein Plastikgeschirrverbot bei der Feuerwehr und Sportveranstaltungen durchsetzen. „Die Idee stieß auf Widerstand. Doch heute, ein paar Jahre später ist das kein Problem mehr“, erzählt er und zeigt anderen Kommunen damit auf, dass Veränderungen möglich sind. Mit der Vermeidung von Plastik steht Geestland längst nicht mehr allein da. Seit Jahren setzen sich auch andere Kommunen, wie etwa Karlsruhe, dafür ein, nachhaltigere Feste zu feiern. Die Vorteile solcher Formate liegen auf der Hand. Sie schonen die Umwelt, sensibilisieren die Besucher für das Thema und ziehen Besuchergruppen an, die sich mit dem Thema identifizieren.

Damit Veranstaltungen nachhaltiger werden, hat der Naturschutzbund (Nabu) mehrere Tipps veröffentlicht: Die Speisen sollten möglichst regional und vegan oder vegetarisch sein, um Emissionen einzusparen. Dabei sollte nicht nur wiederverwendbares Geschirr benutzt werden, sondern auch auf kleine Portionspackungen bei Zucker, Senf oder Ketchup verzichtet und stattdessen nachfüllbare und verschließbare Behälter verwendet werden. Dekorationen aus natürlichen Rohstoffen, wie etwa Stoff, Holzschalen, Blätter oder Zierkürbissen sehen oftmals nicht nur hochwertiger aus als Plastik, sondern sind auch nachhaltiger. Und auch die Eintrittskarten müssen nicht mehr auf Papier ausgedruckt werden, sondern können elektronisch abrufbar sein.

Nachhaltigkeit

Alternative Transportmittel, wie etwa die Rikscha oder Bimmelbahn können zum kleinen Besucherhighlight werden und verhindern, dass alle Gäste mit dem eigenen Auto anreisen. In Pfaffenhofen an der Ilm beispielsweise hält die Bimmelbahn an einigen Haltestellen in der Innenstadt. Bürger können kostenlos einsteigen und sich direkt zu den Stadtfesten fahren lassen.  

Nachhaltigkeit muss nicht teuer sein, ganz im Gegenteil!

Neben den eben benannten Beispielen geht es vielen Kommunen auch um den nachhaltigeren Konsum. Dass dieser nicht immer ins Geld gehen muss, zeigt der Zweckverband der Abfallwirtschaft Region Hannover. Vor über sechs Jahren hat er eine eigene „Gebrauchtbörse“ eingerichtet. In dieser Onlinebörse bieten Bürger ihre alten Schallplattenrekorder, Regale oder gebrauchtes Spielzeug kostenlos an. Sie soll den Bürgern dabei helfen, ihr Kaufverhalten zu hinterfragen und Gebrauchtes, das noch in gutem Zustand ist und weiterverwendet werden kann, vor dem Müll zu bewahren. Doch wieso sollte Recycling nur im Internet funktionieren? Die Stadtreinigung Hamburg ist mit ihrer Idee vom nachhaltigen Kaufhaus in richtige Ladenräume gezogen und hat dort ein sogenanntes Gebrauchtkaufhaus eröffnet. Hier werden Produkte für wenig Geld verkauft, die vom Entsorgungsfachbetrieb gerettet wurden oder aus Haushaltsauflösungen stammen.

„Ein Projekt mit Vorbildcharakter ist das Jugendparlament in Pfaffenhofen an der Ilm, das im Rahmen eines Wettbewerbes Mikrokredite für nachhaltige Projekte vergibt“.

Busso Grabow, Geschäftsführer am Difu 

Dass nachhaltige Konzepte nicht nur in Großstädten Anklang finden, sondern auch in kleineren, ländlicheren Regionen, beweist das Gebrauchtkaufhaus Hempels in der Stadt Norderstedt, das sich dort bereits seit Jahren hält. Dass nicht jedes defekte Gerät direkt durch ein neues ersetzt werden muss, haben sich Städte wie Mühlheim auf die Fahne geschrieben. Mit Reparaturtreffen bieten sie vor Ort Unterstützung zum selbstständigen Reparieren an und tragen so dazu bei, Geräte vor dem Wegschmeißen zu bewahren. 

Was gibt es bei der Beschaffung zu beachten?

Und auch bei der Beschaffung von Elektrogeräten, wie etwa Druckern, Computern oder Displays können kommunale Betriebe und Verwaltungen nachhaltiger werden. So rät beispielsweise der Nabu dazu, auf Geräte zu setzen, die mit dem Energy Star ausgezeichnet sind.  

Im ländlich geprägten Bad Berleburg steht vor allem der nachhaltige Umgang mit der Natur auf der Agenda. Der Kommunalwald wurde auf Mischwald umgestellt, damit er ungünstigen klimatischen Verhältnissen besser trotzen kann und die Biodiversität erhöht wird. Zudem hat die Stadt ein Nahwärmenetz mit nachwachsenden, regionalen Energieträgern aufgebaut und kann so wichtige Ressourcen schonen und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit beitragen.  

Ein Projekt mit Vorbildcharakter

„Ein Projekt mit Vorbildcharakter ist auch das Jugendparlament in Pfaffenhofen an der Ilm, das im Rahmen eines Wettbewerbes Mikrokredite für nachhaltige Projekte vergibt. Damit erhalten die Jugendlichen nicht nur eine starke Stimme, sondern auch die Chance, mit ihren Entscheidungen direkt etwas zu bewirken“, erklärt Dr Busso Grabow, einer der Geschäftsführer am Deutschen Institut für Urbanistik.  

Nachhaltigkeit in Kommunen
Dr Busso Grabow plädiert für ein ganzheitliches Konzept

Dennoch will sich Grabow in der Diskussion nicht nur auf Best-Practice Beispiele beschränken „Eine richtige Transformation kann nur gelingen, wenn es nicht nur ein Leuchtturmprojekt, sondern ein nachhaltiges Gesamtkonzept gibt.“  Sein Tipp: die Haushaltspolitik stärker an Nachhaltigkeitsleitbildern ausrichten. Aus seiner Sicht sollten Beschlussvorlagen immer daraufhin überprüft werden, ob sie die Nachhaltigkeitsziele unterstützen. 

Für Thorsten Krüger, den Bürgermeister von Geestland, hingegen braucht es eine Zusammenarbeit von Politik auf allen Ebenen: „Ich frage mich schon, wieso wir auf Bundesebene eine Drogenbeauftragte haben, aber niemanden, der den Nachhaltigkeitsbereich koordiniert.  

Für mich ist aber auch unverständlich, wieso die Fördermittel für die Erprobung neuer Wege im Bereich erneuerbare Energien 2020 gekürzt wurden. Und auch wenn ich mich nur wiederhole, aber wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir handeln. Und nicht reden! Entweder kostest es uns Geld und Engagement oder unsere Zukunft!“