Digitales Dorf Studenten
Die fünf Studenten Felix, Timo, Carina, Daniel und Jonas sind die Köpfe hinter dem Projekt "Mein digitales Dorf"

Digitalisierung

So entsteht das Digitale Dorf

Ein Projekt von Studenten zur Digitalisierung setzt auf mehr Kommunikation der Bürgermeister untereinander. Entstehen sollen die besten Lösungen für Alltagsprobleme der Menschen in ländlichen Regionen.

"Ich persönlich komme vom Dorf und erst seit diesem Jahr gibt`s bei meinen Eltern eine schnelle Internetleitung. Und das nur, weil sie schnell genug hier geschrien haben, als die 15 verfügbaren Leitungen aufs Wohngebiet verteilt wurden." Jonas Wagner steht auf der Bühne der Digitalkonferenz re:publica in Berlin und erklärt dem Publikum, wieso die Digitalisierung auf dem Land so langsam voran schreitet und wieso sich die Menschen im ländlichen Raum abgehängt fühlen. Das digitale Dorf ist nicht in Sicht, so scheint es.

In vielen Dörfern scheint sich nur wenig zu verändern

"Natürlich gibt es in dem Dorf auch eine eigene Zuganbindung – aber nur bis 21 Uhr. Im Heimatdorf meiner Freundin? Kann man nur davon träumen. Dort fährt der Bus nur zu den Schulzeiten und in den Ferien, da muss man einen Umweg von zwei Stunden in Kauf nehmen, wenn man die Öffis nutzen will“, Jonas schüttelt den Kopf.Seit seiner Rede auf der Digitalkonferenz ist mittlerweile fast ein Jahr vergangen. Doch: In vielen Dörfern, so scheint es, ist die Zeit stehen geblieben. Nichts hat sich verändert. Die Probleme sind alle noch da.

Das digitale Dorf brauch Lösungen, die nicht von oben herab diktiert werden sollen

Jonas studiert an der Hochschule für Medien Stuttgart. Mit vier anderen Studenten sucht er nach digitalen Lösungen auf dem Land und gründet die Plattform „Mein digitales Dorf“. „Wir fünf kommen aus dem ländlichen Raum, weshalb wir die örtlichen Probleme genauestens kennen. Und deshalb wissen wir auch, dass sehr viele Dörfer ein großes Potenzial haben. Dort leben Menschen mit Ideen, mit Visionen. Und wir wollen diese auf unserer Plattform miteinander verknüpfen.“ Für die fünf Studenten steht dabei im Vordergrund, dass die digitalen Lösungen nicht von oben herab diktiert werden und unabhängig von großen Unternehmen sein sollen. Stattdessen sollen sie von den Bürgern selbst konzipiert und mitgedacht werden. Zusammengefasst bedeutet dies: Die Lösungen sollen so einfach sein, dass andere Gemeinden sie übernehmen können.

Die Studenten haben Bürgermeister und Dorfbewohner interviewt

Die Studenten beginnen damit, Bürgermeister und Dorfbewohner zu interviewen, um herauszufinden, was die drängendsten Probleme sind. Schnell sind die drei Kernthemen identifiziert: „Dass heute, im Jahr 2020, in so vielen Orten immer noch schnelles Internet fehlt, verhindert jeglichen Fortschritt. Und das haben die Menschen auf dem Land auch folgerichtig erkannt. Und auch der demografische Wandel ist vielerorts deutlich zu spüren. Hinzu kommt, dass der Öffentliche Personennahverkehr sehr schlecht ausgebaut ist und den Menschen täglich zeigt, dass sie sich auf dem Land nicht so selbstverständlich bewegen können wie in der Stadt“, erklärt Timo. Und Jonas ergänzt: „Bei unseren Befragungen haben wir aber auch etwas sehr Positives feststellen können, nämlich dass die Menschen Lust auf Veränderung haben!“

Viele Projekte zeigen: Die Kommunen wollen die Zukunft mitgestalten

Die Motivation, die Zukunft mitzugestalten, zeigt sich bereits in vielen Kommunen, die auch schon erste Projekte umsetzen, zum Beispiel im Bereich der Mobilität. Beispielsweise bieten immer mehr Städte und Gemeinden Car-Sharing-Angebote oder On-Demand-Rides an. Und obwohl die Studenten den Vorstoß sehr gut finden, stören sie sich an einer Tatsache: „Diese Lösungen schließen die Menschen aus, die ein Problem mit der Bedienung eines Smartphones haben oder sich keines leisten können“, erklärt Jonas. Wie schwierig der Umgang mit neuer Technik sein kann, weiß jeder, der seinen Eltern oder Großeltern schon einmal die Anwendung erklären musste.

Für das digitale Dorf brauch es den Austausch von Ideen

In anderen Kommunen ist man allerdings noch nicht soweit. „Im Dorf meiner Oma gibt es fast keine Einkaufsmöglichkeiten mehr. Da sie kein Auto mehr fahren kann, muss sie für Mehl, Klopapier oder Obst mehrere Kilometer zu Fuß zum nächsten Supermarkt laufen. Das ist für sie und andere Senioren eine körperliche Herausforderung. Und das Einzige, was die Kommune als Lösung angeboten hat, ist auf halber Strecke eine Bank zum Ausruhen hinzustellen. Das kann doch nicht sein!“ ärgert sich Timo. Die fünf Studenten tüfteln also an einer Lösung und halten kurze Zeit später ihren eigens konzipierten digitalen Rollator in der Hand. Das ist eine kleine Box, die Senioren auf ihrem Rollator anbringen können. Brauchen sie ein Taxi, können sie einfach einen Knopf drücken, dann wird automatisch eine SMS an den Fahrdienst sowie der Standort per GPS übermittelt. Hat die Bestellung funktioniert, leuchtet ein LED-Licht auf. Die Bedienung ist selbst für diejenigen simpel, die sich gar nicht mit Technik auskennen und der digitale Rollator ist laut der Studenten kompatibel mit bereits bestehenden Systemen, wie beispielsweise Uber oder Clevershuttle. Trotzdem gibt es den digitalen Rollator bislang nicht zu kaufen. „Uns ging es nicht darum, ein fertiges Produkt auf den Markt zu bringen und damit Geld zu verdienen. Sondern wir wollten mit unserem Projekt einfach mal zeigen, was sich in kurzer Zeit umsetzen lässt, wenn man nur will und wenn solche Lösungen generationsübergreifend erarbeitet werden“, erzählt Timo. Dafür setzt er im ersten Schritt auf den Austausch in der Gemeinde, wie es beispielsweise das Ideencafè in Weissach-Flacht macht. Die Einwohner der Gemeinde setzen sich hier bei Kaffee und Kuchen zusammen und sprechen über Lösungen, die den Ort lebenswerter machen sollen, zum Beispiel die Mitnahmebank, Patenschaften oder eine Dienstleistungstauschbörse.

Digitale Elternabende und Fernunterricht: Die Digitalisierung vom Dorf nimmt Form an

Im zweiten Schritt können dann konkrete Projekte umgesetzt werden, so wie es die School of Distance Learning in Niedersachsen macht. Die Schülerzahlen auf den sieben ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge waren in den letzten Jahren so niedrig, dass nicht jede Insel eine eigene Oberstufe hatte. Wer also das Abitur machen wollte, musste nach der zehnten Klasse aufs Festland ziehen und dort ein Internat besuchen. Also musste eine Lösung her: Die School of Distance Learning in Niedersachsen wurde gegründet. Die Schule vereint acht Schulen zu einer einzigen, der Unterricht findet virtuell statt. Selbst für den Elternabend müssen die Eltern nicht mehr auf die Fähre. „Dieses Beispiel zeigt den dritten Schritt, nämlich die Vernetzung der Kommunen untereinander, um gemeinsame Lösungen zu finden“, erklärt Jonas.

Mit einer Online-Plattform soll die Vision vom digitalen Dorf Wirklichkeit werden

Und genau dafür haben die fünf Studenten die Internetplattform „Mein digitales Dorf“ ins Leben gerufen. Doch wer die Internetadresse aufruft, stockt. Auf der Homepage ist erschreckend wenig los. Timo erklärt: „Bislang sind wir noch ziemlich viel mit dem Studium beschäftigt. Und es haben sich nur wenige Kommunalpolitiker bei uns gemeldet. Nichtsdestotrotz haben wir mit unserem digitalen Rollator gezeigt, wie schnell sich Lösungen finden und umsetzen lassen, wenn man nur will. Und wir wollen das Projekt gerne weiterführen. Deshalb wollen wir alle Ortspolitiker dazu aufrufen, sich mit den Nachbarkommunen auszutauschen und gemeinsame Lösungen zu finden. Auch wir haben immer ein offenes Ohr und hoffen auf Vorschläge, neue Ideen und tolle Ergebnisse!“

Auch von Njema Drammeh