Religionsgemeinschaften können für Kommunen Fluch aber auch Segen sein - Expertentipps zum Umgang mit Sekten und Religionsgemeinschaften
Religionsgemeinschaften können für Kommunen Fluch aber auch Segen sein - Expertentipps zum Umgang mit Sekten und Religionsgemeinschaften

Sekten

Religionsgemeinschaften – Chance oder Gefahr für Kommunen?

Manchmal ist es eine Gratwanderung für Kommunen, ob es sich bei einer Religionsgemeinschaft um eine Sekte oder eine sinnstiftende Bereicherung handelt. Und so gilt es für Städte und Gemeinden, positiv wachsam zu sein und bei Warnsignalen das richtige Maß zu finden. Wir haben mit Experten gesprochen und tragen Ratschläge und Erfahrungen zusammen.

Religionsgemeinschaften können das Gemeindeleben massiv bereichern. Sekten können das Gemeindeleben massiv belasten. Doch ab wann wird es für die Kommune und deren Bürger gefährlich? Das ist die entscheidende Frage, wenn es um die Bewertung von und das Verhalten gegenüber Religionsgemeinschaften geht. Für Sarah Pohl von der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Baden-Württemberg ist klar: „Die Grenzen sind immer dort überschritten, wo andere Grundrechte verletzt werden, oder Gewalt als Mittel eingesetzt wird“. In Kommunen sei der Umgang mit Religionsgemeinschaften häufig ein Aushandlungsprozess, der mal den Schulbereich und das Kindeswohl, mal das Thema Baurecht betreffe. Immer wieder wenden sich Kommunen an ZEBRA mit der Bitte um Einschätzung. „Wir raten dann erstmal zur Kommunikation und dazu, möglichst frühzeitig in Kontakt zu treten statt pauschal zu verbieten“, so Pohl. Schwierig werde es meistens in Einzelfällen. „Die Kommunen sollten sich Hilfe holen, je nachdem, wo es gerade knirscht. Es ist ein sehr breites Netzwerk da und es gibt meist nicht die eine Lösung. Was wir aber erleben, ist: wenn frühzeitig aufeinander zugegangen wird, sind gerade religiöse Gruppierungen in der Regel sehr interessiert“, so Pohl. Angesichts der aktuellen Entwicklungen und der Blüte der Verschwörungstheorien während der Corona-Pandemie stellt Pohl in ihrer täglichen Arbeit nichtsdestotrotz eine Tendenz zu starker Polarisierung und Radikalisierung fest. Umso wichtiger sei es, die Menschen auch von kommunaler Seite her zu schulen und sie für gefährliche Machtstrukturen und Manipulationstechniken zu sensibilisieren, damit sie „mündige Entscheider und Konsumenten auf dem Markt der Religionen sein können“, wie Pohl es formuliert. Vom landläufigen „Sektenbegriff“ empfiehlt sie Abstand zu nehmen, da dieser nur den Dialog erschwere.

Religionsgemeinschaften

Wie Kommunen Religionsgemeinschaften von Sekten unterscheiden können 

Dies unterstreicht auch Sabine Riede, die als Geschäftsführerin bei der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. tätig ist. Für sie besteht immer dann Handlungsbedarf, wenn die Menschenrechte nicht geachtet werden, gegen den Staat agiert und Toleranz abgelehnt wird. Ebenfalls problematisch wird es laut Riede dann, wenn die Gesundheit der Bürger in Gefahr ist, etwa bei esoterische Angeboten und Wunderheilerversprechen, oder das Kindeswohl gefährdet ist. In beiden Fällen sind mit dem Gesundheits-, dem Jugend- oder dem Ordnungsamt kommunale Institutionen für die Umsetzung zuständig, die damit allerdings häufig überfordert seien, wie Riede berichtet. Umso wichtiger wären aus ihrer Sicht spezielle Schulungen für eben jene Stellen. Ein weiterer Anlass für Probleme in Kommunen kann die Raumvergabe werden, etwa wenn eine bislang unbekannte Gemeinschaft anfragt und den Gemeindesaal buchen möchte. „Das ist oft ein schwieriger Punkt“, weiß Riede. „Die Kommune sollte sich hier unbedingt im Vorhinein erkundigen, bevor sie einen Raum vergibt. Wir haben die Erfahrung gemacht: Wenn etwas im Gemeindesaal stattfindet, denken die Bürger automatisch, man kann diesem Angebot trauen.“ Aus purem Unwissen heraus sei es in der Vergangenheit schon zu kuriosen Fällen gekommen, etwa zu einer staatlichen Förderung von Jugendfreizeiten, die alles andere als seriös waren. Umso wichtiger ist es laut Riede, wirklich aufmerksam hinzuschauen, wenn es um eine Glaubensgemeinschaft gehe, und im Zweifelsfall eine Fachstelle zu kontaktieren.

Wenn etwas im Gemeindesaal stattfindet, denken die Bürger automatisch, man kann diesem Angebot trauen.“

Sabine Riede, Sekten-Info-NRW

Wie sich eine Religionsgemeinschaft schleichend in kommunalen Regionen verbreiten kann, ist im Erzgebirge zu beobachten, ausführlich recherchiert von dem Journalisten Joseph Canaris. Bereits seit etlichen Jahren beschäftigt sich Canaris mit dem Leben und Wirken der dort ansässigen „Gemeinschaft in Christo Jesu e.V.“, im Volksmund als „Lorenzianer“ bezeichnet, und erkennt in deren System eine deutlich sektenähnliche Struktur. Die Gemeinschaft, die ihren Haupttempel in Pockau hat und in verschiedenen Dörfern im Erzgebirge ein intensives Netzwerk pflegt, geriet nicht zuletzt während der Corona-Pandemie in die Schlagzeilen. Die Inzidenzwerte im Erzgebirge waren eklatant hoch – eine mögliche Erklärung: Die Zusammenkünfte der „Lorenzianer“, mutmaßlich ohne Maske und in großer Anzahl. Aus Sicht von Canaris haben die „Lorenzianer“ die Region längst unterwandert und prägen mit ihrem Denken zahlreiche Menschen dort. „Die Gemeinschaft übt großen Druck auf die Mitglieder aus“, so Canaris. „Die Lebensabläufe werden komplett auf die Sekte ausgerichtet und unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit greift ein enges Netzwerk, das das Leben bestimmt und mit Gehirnwäsche und Manipulation arbeitet. So versuchen sie, von Jugend an die Leute zu steuern und zu verhindern, dass sie sich frei entfalten.“ Dadurch, dass die derartig geprägten Menschen in der Region leben, arbeiten und Einfluss auf das öffentliche Leben nehmen, sei die „Gruppendynamik, die gerade in kleinen Dörfern entstehen könne, enorm“, so Canaris. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mahnt er Kommunen zu großer Wachsamkeit und Vorsicht. Erst einmal sei es wichtig, sich als Gemeindevertreter einen Überblick zu verschaffen. „Die Kommune muss sich genau anschauen, welche Religionsgemeinschaften in ihrem Gebiet ansässig sind und dann versuchen, genaueren Einblick in deren Wirken zu gelangen – etwa durch den Austausch mit echten Religionsgemeinschaften und Kirchen“, wie Canaris vorschlägt. Zur weiteren Einschätzung verweist der Autor auf die offiziellen Checklisten zur Beurteilung des Gefährdungspotentials von Gruppierungen. Zeigten diese einen Handlungsbedarf auf, müssten die Bürger in Folge möglichst differenziert informiert werden.

Tipps vom Experten für den Umgang mit "schwierigen" Religionsgemeinschaften 

Nicht weg-, sondern hinschauen, informieren und reagieren – das empfehlen alle Experten den Kommunen für den Umgang mit problematischen Glaubensgemeinschaften. Matthias Pöhlmann ist Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und immer wieder wenden sich Gemeindevertreter an ihn. „Wir bieten Informationen an – über das weitere Vorgehen entscheiden muss letztlich die Kommune“, so Pöhlmann. Dies sei oft schwer, etwa dann, wenn sich Gruppierungen an einem Ort ansiedeln. Insbesondere, wenn es um den Verkauf von Flächen geht, sei der Umgang für Kommunen oft eine Abwägung: „Einerseits ist da ein Käufer, der Einnahmen bringt, andererseits sollte man sich immer die Frage stellen, wen man dann im Ort hat“, so Pöhlmann. Viele problematische Facetten zeigten sich erst bei genauerem Hinschauen und manches Mal seien Bürgermeister laut Pöhlmann recht naiv, „etwa wenn das Dorfleben durch die Angebote einer problematischen Gemeinschaft scheinbar wiederbelebt wird“, dahinter aber ganz andere Interessen stecken. Auch wenn die Entscheidung im Einzelfall oft schwierig sei, gibt es laut Pöhlmann doch deutliche Warnsignale. Erstmal gelte es, immer dann besonders vorsichtig zu sein, wenn Gruppen nicht transparent arbeiten. Ein weiteres Warnsignal seien verdeckte Werbeaktivitäten der Gruppierung, wie man sie beispielsweise bei Scientology oder bei der umstrittenen Anastasia-Bewegung mit der Errichtung von „Familienlandsitzen“ erlebt. Bestätigen die Recherchen die Gefährdung des Gemeinwesens, ist der Schritt an die Öffentlichkeit für Pöhlmann dringend erforderlich. Ratsam sei zudem der intensive Informationsaustausch und Kontakt zwischen Kommune, Fachstellen und örtlicher Presse. Zudem empfiehlt Pöhlmann Kommunen, für sich selbst eine Art Checkliste und einen Konsens zu entwickeln, welche Werte in der Kommune geschützt werden sollen und wo die Grenzen liegen.

Die Bürgermeister sind politische Persönlichkeiten, die hier Stellung beziehen sollten“

Thomas Weidlich, Institut für Gemeinwesenberatung, Brandenburg

Die Auseinandersetzung mit problematischen Religionsgemeinschaften ist fordernd und schwer, sie kann für eine Kommune aber auch ein echter Gewinn sein, sagt Thomas Weidlich von demos, dem Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung. Er beschäftigt sich mit der Anastasia-Bewegung in Grabow und steht in engem Kontakt zu den kommunalen Akteuren. Die Situation vor Ort ist denkbar herausfordernd. Für die einen sind die Siedler nette und freundliche Nachbarn, die sich einbringen. Für die anderen ist das der galoppierende Rechtsextremismus“, so Weidlich. Dies könne zu einer heftigen kommunalen Dynamik führen. Mit ihrem autonomen und ökologischen Ansatz sei die Anastasia-Idee sehr anziehend für Orientierungssuchende. Das Problem sei „die potentielle Anschlussfähigkeit für ausgrenzendes, völkisches Denken – das zieht manchmal eben auch Rechtsextreme an, die nach Orientierung, nach Kontakt und nach Raum suchen“, so Weidlich, und es sei eine wichtige Erkenntnis, dass ökologisches Denken manchmal auch in Blut- und Boden-Denken münden könne. Umso notwendiger ist für Weidlich, dass „ein Diskurs stattfindet und dieser muss wachsen durch viele Lernprozesse." Neben der verwaltungsrechtlichen Seite stehen für Weidlich hierbei besonders die politische und die menschliche Seite im Vordergrund. „Die Bürgermeister sind politische Persönlichkeiten, die hier Stellung beziehen sollten und in der inhaltlichen Auseinandersetzung als Gemeindevertreter beispielhaft vorangehen“. Dabei sei entscheidend, nicht zu diffamieren, sondern zu beschreiben, was ist und, ob im Gemeindehaus, in der Schule, der Feuerwehr oder im Reitverein, möglichst viele Diskursräume zu schaffen. „Man kann durchaus einen gemeinsamen Gartenzaun haben, zusammen im Sportverein trainieren und sich trotzdem inhaltlich auseinandersetzen“, so Weidlich, und seine bisherigen Erfahrungen mit solchen Bemühungen seien sehr positiv. „Wir werben dafür, sich die Zeit zu nehmen und die Mühe zu machen für die inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn es gut läuft, wird das Gemeinwesen daran wachsen und gestärkt daraus hervorgehen.“