Im bayerischen Deggendorf findet die Schule für jede Klasse in einem Bierzelt statt. Toilettengänge sind nicht die einzige Problematik dabei.
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Corona-Lösungen

Schule im Bierzelt

Seit mehr als einem Jahr findet kein geregelter Präsenzunterricht mehr in deutschen Schulen statt. Doch das Recht auf Bildung gilt weiterhin und so mussten sich Kommunen neue Konzepte überlegen. Exemplarisch stellt KOMMUNAL die Idee aus Deggendorf vor, mit der die letzten Züge der Corona-Schulkrise angegangen wurden.

Die Idee

Oberbürgermeister Christian Moser schlug Anfang Mai erstmals ein interessantes Präsenzunterrichtkonzept vor. Mit weit über 200 lag der Inzidenzwert hoch, doch die Eltern machten Druck und der Gemeindevorsteher war pragmatisch: Unterricht in Festzelten. Nach der Genehmigung durch das Kultusministerium ging es schnell los. Drei der fünf Grundschulen im Ort können mit dem Konzept in Präsenz alle Kinder der ersten vier Klassenstufen beschulen.

Die Vorteile

Auf schulischen Sportplätzen und Vereinsfußballplätzen aufgestellte Zelte haben genügend Platz, denn so Oberbürgermeister Moser: "Die Zelte sind 300 Quadratmeter groß, ein normales Klassenzimmer nur 70 Quadratmeter." Bei gutem Wetter können die Seitenwände der Zelte geöffnet bleiben und bei schlechtem Wetter sind die Schüler unter einem Dach geschützt. Die Stadtverantwortlichen benötigten etwa eine Woche Vorlauf, um die Klassenzimmer aus Festzelten herzurichten.

Die Technik

Da die großen Zelte ungewohnt große Entfernungen zwischen Lehrern und Schülern erzeugen sowie Umgebungsgeräusche die Verständlichkeit der Lehrer beeinträchtigen, müssen sich die Klassen an Mikrofone und Lautsprecher gewöhnen. Ein praktisches Problem tritt dabei auf: Die Zelte müssen mit einem gewissen Abstand zueinander stehen. Circa 100 Schüler lernen in den Deggendorfer Grundschulen. Somit werden auch die Eltern entlastet, ist sich der Bürgermeister sicher.

Die Herausforderungen

Pannenfrei geht es wohl nicht, denn gleich am ersten Tag des Testbetriebes gab es einen großen Sturm mit Hagel. Der Nachwuchs der 33.000-Einwohner-Stadt freute sich über die interessanten Eisbrocken vom Himmel, auch wenn die Lehrerin nicht erfreut war. Weitere himmlische Pannen gab es bisher zum Glück noch nicht, auch wenn es bei Regenprasseln auf dem Dach der Zelte etwas laut sein kann. Gespannt ist man jedoch auf die heißen Tage im Sommer mit sengender Sonne. Zwar lassen sich die Seitenwände der Zelte öffnen und ermöglichen somit eine Belüftung, doch der ein oder andere Sonnenbrand ist wohl zu erwarten.

Die Sanitäranlagen der Schule

Die Toilettennutzung ist natürlich möglich. Je nach Standort können die Toiletten der Schulgebäude, Sportplätze oder Vereine benutzt werden. "Die Kinder müssen immer betreut werden und können nicht einfach allein gelassen werden. Darum haben wir unser pädagogisches Fachpersonal und unsere Mittagsbetreuer dafür eingesetzt", erklärt Sprecher Sandro Pfeiffer. Auch das Schulessen findet statt und zwar in den normalen Speisesälen, denn der Abstand kann gewahrt werden.

Die Kosten für die Stadt

Die Bierzeltklassenzimmer kosten die Gemeinde in Bayern 15.000 Euro für einen Zeitraum von sechs Wochen. Dazu kommt ein beitragsfrei zur Verfügung gestelltes Zelt eines Vereins. Die Kommune hofft auf Zuschüsse des Landes. "Das Ministerium antwortet uns nicht. Es gibt schlicht keinen Kontakt" erklärt der Sprecher der Gemeinde. Das Staatsministerium verweist auf Antragsverfahren im Rahmen der Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Doch auch für die Zeltverleiher ist das ein unverhofftes Geschäft, während Feste allenthalben abgesagt werden.

Ein Fazit

"Wir sind zufrieden und haben keine Beschwerden vernommen. Alle sind zufrieden. Wir konnten die Eltern entlasten, die Lehrer können ihren Beruf ausüben und die Kinder kommen zusammen", berichtet Oberbürgermeister Christian Moser stolz. Nach den Sommerferien, die in Bayern erst am 14. September enden, soll wieder ein Regelbetrieb in den Schulgebäuden stattfinden.