Stadtentwicklung einer Kleinstadt
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Das Leben in einer Kleinstadt bietet viele Vorteile: Wunderschöne Landschaften, weniger Verkehr als in einer Großstadt - und dennoch ist es nicht so ruhig wie auf dem Land

Stadtentwicklung: Wie Kleinstädte Familien anlocken

Was kann eine Kleinstadt tun, um für junge Familien attraktiver zu werden? Dieser Frage sind mehrere Modellkommunen im Rahmen einer neuen Studie nachgegangen. KOMMUNAL erklärt, was die Städte für die Familien tun und wieso die Verwaltungen auf Emotionen anstatt auf Zahlen setzen...

Wie sieht die perfekte Kleinstadt im Jahr 2030 aus? Welche Faktoren machen die Stadt in Zukunft lebenswert und attraktiv? Und was können Bürger, Politik und Verwaltung tun, um die örtliche Stadtentwicklung zu fördern?

Diesen Fragen ist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer neuen Studie nachgegangen. Unter dem Titel „Potenziale von Kleinstädten in peripheren Lagen“ haben sechs Modell-Kommunen mögliche Zukunftskonzepte veröffentlicht. Dafür haben sich die Studienteilnehmer eines besonderen Instruments bedient: Die Modellkommunen haben für das Jahr 2030 keine nüchternen Zielsysteme und Planungsdokumente erstellt. Sondern ihre Ziele als Geschichte aufgeschrieben. Eine Geschichte, in der Menschen fühlen, denken und handeln. Eine Geschichte, die nicht nur inspirieren, sondern auch Emotionen bei den Einwohnern hervorrufen soll. Durch die einfache, bildreiche Sprachen sollen außerdem nicht nur die Politiker die komplexe Thematik verstehen, sondern auch die Laien - so zumindest die Hoffnung.

Bei der Stadtentwicklung geht es um bestimmte Kernthemen

Für die Studie sind Bürger, Politik und Verwaltung zusammen gekommen. Und die Gespräche zeigen, dass den Bürgern einige Themen besonders am Herzen liegen. Zum Beispiel das Thema Wohnen. So spielt nicht nur die eigene Wohnung oder das eigene Haus eine große Rolle, sondern auch die urbane Lebendigkeit, Treffpunkte in der Innenstadt und die Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsam etwas zu erleben. Besonders auffällig ist jedoch, dass sich alle sechs Modellkommunen die Frage stellten, wie sie junge Familien gewinnen können.

In ihren Zukunftsbildern versuchen die Kommunen deshalb, mit ihren eigenen Stärken zu werben: Mit mehr Lebensqualität pro Euro, einem gesicherten Kitaplatz, starken Schulen, regionalem Einkaufen und einem urbanen Lebensgefühl. Sie initiieren Zuzugs-, Botschafter- und Rückkehrinitiativen und bieten Unterstützung für Neubürger. Andere widerum entfernen die Schrottimmobilien, um das Stadtbild zu verschönern.

Kernthema Nummer zwei für die Stadtentwicklung: Mobilität

Doch auch die Erreichbarkeit und Anbindung an die Nachbarorte sind ausschlaggebend dafür, dass sich die Bürger wohlfühlen. Weshalb die Kommunen nicht nur auf Bahnverbindungen und regionale Schnellbuslinien setzen, sondern teilweise auch auf alternative Mobilitätsformen. Wie zum Beispiel Carsharing, Leihfahrräder und Mobilität on Demand.

Vorherzusehen war aber auch, dass Erwachsene und Jugendliche unterschiedliche Bedürfnisse an eine Kleinstadt haben. So steht für Senioren die fußläufige Erreichbarkeit von Ärzten oder Einkaufsmöglichkeiten im Vordergrund, während es den Jugendlichen wichtiger ist, auch am Abend oder Wochenende noch eine Verbindung in alle Ortsteile zu haben.

Kernthema Nummer drei für die Stadtentwicklung: die wirtschaftliche Entwicklung

Ziel der sechs Modellkommunen ist es, in Zukunft auch die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort zu fördern. Dafür stehen für die Studienteilnehmer eher Dienstleistungen und Wissensökonomie im Fokus und weniger das Gewerbe oder die Industrie. In den Zielen nennen die Kommunen dementsprechend auch Innovations- und Gründerzentren sowie Co-Working-Spaces. Damit wollen die Kleinstädte Arbeit, Ruhe und Regionalität miteinander verbinden.

coworking spaces auf dem land

Im Bereich Einzelhandel setzen die Modellkommunen auf ein „Städtlekaufhaus“ und neben Offlinediensten auch auf Online-Marktplätze und Bringdienste.

Doch auch das Thema Tourismus ist für die Stadtentwicklung zentral. Einige Modellkommunen wollen den Tourismus durch Welcome-Center, zielgruppenorientierte Unterkünfte und regionale Angebote fördern. Andere hingegen setzen darauf, zum Ausflugsort für Großstädter oder einen Zweitwohnsitz für Senioren zu werden.

Stadtentwicklung: Kleinstädte setzen auf Familien
Auch Freizeitangebote sollen die Kleinstadt attraktiver machen

Kernthema Nummer vier für die Stadtentwicklung: Bildungszentren

In den meisten Kleinstädten soll die Verbindung zwischen Bildungs- und Forschungseinrichtungen gestärkt werden. Dafür wünschen sich einige Kommunen private Studiengänge, neue Berufsschulzweige, Außenstellen von Hochschulen, regionale Hochschulzentren, studentische Reallabore und Labore für Kleinstadtinnovationen.

Warum so viele Kommunen auf die Hochschulbildung setzen? Weil sie damit Jugendliche und Fachkräfte an den Ort binden wollen.

Und was ist das Fazit der Studie?

Egal, in welcher Kommune über die Stadtentwicklung diskutiert wird. Es lässt sich eindeutig festhalten, dass es im Kern immer darum geht, junge, frische Ideen umzusetzen, damit die Innenstadt mit Leben gefüllt werden kann. Damit sich nicht nur Alt und Jung treffen, sondern damit sich Arbeit und Freizeit perfekt miteinander verknüpfen lassen. Dementsprechend zeigt sich an den Kurzgeschichten, dass die Kleinstädte kreative Köpfe zu sich holen wollen – selbst wenn es nur zeitlich begrenzt ist. Während einige Kommunen dabei auf Stipendien setzen, bieten andere kostenfreies Wohnen oder Summerschools an.

Damit Sie sich aber einen Überblick darüber verschaffen können, wie eine Kurzgeschichte aussehen kann und welche Ziele sich eine Kommune bis zum Jahr 2030 konkret setzt, zeigen wir Ihnen eine von den sechs Geschichten:

Auszug aus der Szenariogeschichte: Der Geist von Malente

Anja denkt über ihre Entscheidung für Malente als Studien- und Lebensort nach: Anja ist unzufrieden. Die Klausur in „Leistungsdiagnostik“ lief nicht so gut, wie sie sich das vorgestellt hatte. Zuviel Mathematik. Aber sonst war die Entscheidung am „Uwe-Seeler-Campus“ für Sport, Gesundheit und Tourismus zu studieren richtig. Erst wollte sie den Bachelor in Gesundheitstourismus machen. Auch da ging es um Wellness, Prävention und die Arbeit mit Menschen. Aber der hohe Anteil an Wirtschaft und Management behagte ihr gar nicht.

Dann hatte sie sich für Fitness und Gesundheitstraining entschieden. Viele ihrer Freunde haben Malente und die Holsteinische Schweiz verlassen und sind in die großen Städte zum Studieren gegangen. Da wäre mehr los, hieß auf den Abiparties. Sie hat lange mit sich gehadert. Groß geworden auf dem Dorf, in Krummsee, hat sie immer Natur, Wasser und Bewegung genossen. Und als dann der „Uwe-Seeler-Campus“ eröffnet wurde, stand für sie fest: Ich bleibe hier.

Der moderne Campus, schön gelegen mit Blick auf den Kellersee, ist ein Zusammenschluss zweier privater Hochschulen und einer Pflegeschule, ein Joint Venture örtlicher und überörtlicher Akteure, Unternehmen und Verbände aus den Bereichen Sport, Gesundheit und Tourismus. Genau die richtige Kombination für sie, und für andere wohl auch. Seit dem ersten Studienjahrgang vor fünf Jahren steigt die Zahl der Studierenden stetig, und nicht nur die der Online-Studenten.

Viele möchten ihre Fächer dort studieren, wo sie auch erlebbar sind und gelebt werden, in Malente. Ich habe hier doch alles, was ich brauche: die Seen, Wasserski, Kite-Surfen, eine Sommerrodelbahn, super Yoga-Schulen, das jährliche LARP-Festival. Ich kann Triathlon machen und einmal im Jahr treffe ich auf jeden Fall die Handball- oder Fußball-Nationalmannschaft entweder in der Shisha-Bar am Dieksee oder in der Studentenkneipe im selbstverwalteten Lenter Gemeinschaftszentrum. Oder wir fahren doch mal abends nach Hamburg oder Kiel. Mit den superschnellen Nahverkehrs-Sprintern, die im Stundentakt fahren, ist das nur noch ein Katzensprung. Das einzige, was noch fehlt ist ein Kino.

Auswahl mittel- und langfristiger Leitprojekte im Zukunftsprozess:

•Stärkung des Bahnhofs als Entree und Mobilitätsdrehscheibe

•Start einer Wohn- und Zuzugsinitiative

•Neuentwicklung eines schulformübergreifenden Bildungsstandorts mit Malente-spezifischem Profil

•Stärkung der lokalen Wirtschaft

•sukzessiver Aufbau eines Gesundheitscampus

•Weiterentwicklung des Sport-Standortes Malente

 

Auswahl kurzfristige Starterprojekte:

•Netzwerk Sport

•Tag der Jugend

•Wohnmobilstellplatz

 

Die ganze Studie können Sie sich hier anschauen.

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