Tourismus in Kommunen nach Jahreszeit
Marc Hohenleitner

Tourismus nach Jahreszeit

Mo, 25.11.2019

Kleine Orte, die nur für ihren Weihnachtsmarkt, das Strandbad oder die Skipiste besucht werden, kämpfen oft mit fehlendem Saisonpersonal und einer überlasteten Infrastruktur. Doch wie lässt sich ein ausgeglichener Tourismus rund ums Jahr einrichten?

Text: Ronald Ziepke

Weinberge umranken die Stadt. Innerhalb eines Jahres verfärben sich knochig kahle Rebstöcke in ein grünes Blättermeer und danach in einen warmen Goldtonteppich – dieses Naturschauspiel genießen die Bad Dürkheimer. Wenn das Weinlaub am schönsten ist, findet der „Dürkheimer Wurstmarkt“ statt. Das größte Weinfest der Welt wird im September neun Tage lang gefeiert. Seit 600 Jahren. Zuletzt mit knapp 700.000 Besuchern und 300 Traubensäften. „Bei 490.000 Übernachtungsgästen pro Jahr hat der Tourismus für uns eine große Bedeutung. Besonders im Herbst“, betont Bürgermeister Christoph Glogger. „Da wird der Wein gelesen. Einwohner und Besucher treffen sich auf zahllosen Festen.“ Deshalb sprechen die Pfälzer in den beiden Wochen des Wurstmarkts auch von „Bad Dürkheims fünfter Jahreszeit.“ 

 

Wein und lange Nächte

 

Dem Takt der Natur zu folgen, lohnt sich für Städte, die vom Tourismus und Weinanbau leben. Vor allem durch saisonale Veranstaltungen ist das möglich. „Los gehts mit den Straßenumzügen und der Fastnacht unseres Vereins ‚Derkemer Gawler‘. Es folgen die Weinbergnächte, in denen an zwei Abenden die Reben und Trockenmauern in romantisches Licht getaucht werden. Die Winzer schenken an beleuchteten Kuppelzelten auserwählte Weine aus. Und um Christi Himmelfahrt folgt das Stadtfest unter dem Grün ausladender Platanen auf zwei großen Plätzen in der Innenstadt“, erzählt der 49-Jährige. Den Wechsel von warm auf kalt registriert der Bürgermeister besonders im Baubetriebshof. „Dessen Mitarbeiter werden im Winter für Räumdienste eingesetzt. In den wärmeren Jahreszeiten pflegen sie dann den Kurpark.“ Diese Grünflächen werden von Besuchern und Bewohnern gleichermaßen zum Eintauchen in die Natur genutzt - genau wie die herrlichen Baumlandschaften des Pfälzerwaldes in unmittelbarer Umgebung. Sich als moderne Kommune natürlichen Rhythmen anzupassen, erfordert Flexibilität.  

 

Tourismus - manchmal schon zu viel des Guten?

 

Das weiß man auch im hohen Norden: Obwohl Prerow auf dem Darß nur 1.500 Einwohner hat, sind dort über 10.000 Gästebetten registriert. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr mehr als 1,2 Millionen Übernachtungen. Dadurch verändert das Ostseebad seinen Charakter: Im Sommer wird aus dem pittoresken Örtchen eine wuselige Kleinstadt, die vor Kulturveranstaltungen übersprudelt. Das führt dazu, dass die Infrastruktur an ihre Grenzen stößt. „In der Hochsaison sind so viele Fahrräder unterwegs, dass es schon fast zu viel des Guten ist. Sie müssen sich mit den Autos die wenigen Wege teilen“, berichtet René Roloff, Prerows ehrenamtlicher Bürgermeister. Der gesamte Verkehr führt über eine Hauptstraße und wird nicht über ein breites Wegenetz verteilt. „Noch fehlt ein besseres Mobilitätskonzept. Erste planerische Ansätze gibt es aber bereits.“ 

 

Tourismus nach Jahreszeit
René Roloff ist ehrenamtlicher Bürgermeister von Prerow 

 

Auch die Verwaltung gerät an ihr Limit – besonders im Ordnungsamt. Mit jedem Besucher wachsen die Aufgaben, wie das Erheben der Kurtaxen, das Bearbeiten der Fremdenverkehrsabgaben, das Überwachen der Lärmschutzmaßnahmen oder das Überprüfen der Parkverordnungen sowie das Erteilen behördlicher Genehmigungen vor allem im Bauamt. Im gesamten Amtsbereich werden daher gegebenenfalls Saisonkräfte oder externe Firmen beschäftigt. Der Kurbetrieb beauftragt beispielsweise in der Hauptsaison zusätzlich einen Strandwart. Hinzu kommt, dass sich viele Paare Ostseebäder als Trauungsorte aussuchen – eine ganz schöne Herausforderung für die Standesämter. 

 

Vom Sommer-Tourismus zum Winter-Tourismus

 

Die Jahreszeiten unterscheiden sich auf dem Darß spürbar. In der Hochsaison wird von allem viel benötigt, was im Rest des Jahres gar nicht gebraucht wird. Im Sommer sind die zwei Supermärkte ausgelastet, im Winter weniger. Das gilt auch für die unzähligen kleinen Läden. Zudem schließen im Ort Restaurants. Ein Grund: Für den Hochbetrieb reicht das vorhandene Personal selten aus. Auch Hausmeister und Reinigungskräfte sind in der Urlaubssaison überlastet. Fällt da einer aus, spüren das die Gäste. „Wir als Kommune sind in der Verantwortung, für einen Ausgleich zu sorgen, indem wir die Vor- und Nachsaison ausweiten und attraktiver machen.“ Dazu gehört, mehr Wellness- und Gesundheitsangebote für die Gäste in den „toten“ Monaten zu schaffen.  

 

Spezielle Zielgruppen erreichen

 

Roloff möchte im Marketing künftig stärker das Besondere jeder Jahreszeit herausstellen, um damit spezielle Zielgruppen zu erreichen. Im Herbst etwa die imposanten Kranichzüge und die akustisch reizvolle Hirschbrunft. „Beides ist bei uns direkt vor Ort mit dem Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft verknüpft und für Gäste interessant, die naturverbunden sind.“ Roloff arbeitet außerdem an neuen Ansätzen für die Einheimischen: „Der Bau von Wohnungen würde helfen, damit Arbeitskräfte nach der Sommersaison gut versorgt im Ort bleiben können. Wir müssen die Kontrolle über das Baugeschehen ausweiten, neue Satzungen aufstellen und bessere Bebauungspläne entwickeln.“ Prerows Events passen sich dem Rhythmus der Natur an: Am 1. Januar findet an der Seebrücke das traditionelle Anbaden statt, dann folgen über die Monate hinweg die „Bernsteinwochen“, das schwedische Mittsommerfest, das Tonnenabschlagen, Strandfeste, der Kindersommer, der Klassikherbst und schließlich wieder die Wintermärkte.  

„Der Bau von Wohnungen würde helfen, damit Arbeitskräfte nach der Sommersaison im Ort bleiben können.” - René Roloff, Bürgermeister von Prerow 

Die Natur formt Charakterstädte: Strand und Ostsee durchdringen das Leben in Prerow, Wald  und Weinreben prägen Bad Dürkheim. Garmisch-Partenkirchen dagegen die Berge. Auch hier in den Alpen rund um die Zugspitze sind die Menschen in jahrhundertelangem Brauchtum verwurzelt, das wiederum fest in kommunalen Jahreszeiten-Events verankert ist: In Garmisch-Partenkirchen gibt es die Werdenfelser Fasnacht, Fronleichnam-Prozessionen, Festwochen im Sommer, den Almabtrieb sowie winterliche Sportgroßereignisse wie das Neujahrsskispringen und Weltcuprennen. Die kommunalen Pläne sind der Saison angepasst. Die Straßen müssen nach dem Frost auf Schäden untersucht und die Mängel, die durch den Winter zum Beispiel im Naturdenkmal „Partnachklamm“ entstanden sind, beseitigt werden. Spazier- und Wanderwege müssen begehbar bleiben und Beschilderungen erneuert werden. Die öffentlichen Grünflächen wie die zwei Kurparks und die Fußgängerzone bekommen pro Saison unterschiedliche Bepflanzungen. Für die Schneeperiode wird Streugut vorgelagert, externe Firmen werden mit dem Räumen beauftragt.  

     

Der Tourismus ist hier nicht nur auf eine Jahreszeit fixiert

 

„Ein gutes Beispiel für jahreszeitlich übergreifende Synergien ist unser „Kainzenbad“, erläutert die Erste Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer. „Im Sommer wird im naturbelassenen Wasser getaucht und geschwommen. Im Winter wird das chlorfreie Wasser für die Beschneiung des nahegelegenen Skistadions verwendet.“ Wer davon ausgeht, der Winter sei die Hauptsaison für die Ski-Hochburg, wird überrascht sein: „Unsere Übernachtungszahlen sind im Sommer am höchsten. Als Ganzjahresdestination ist Garmisch-Partenkirchen nicht nur auf eine Jahreszeit fixiert“, sagt die 63-Jährige. Mit knapp 1,7 Millionen Übernachtungen – bei 28.790 Einwohnern und 10.000 Gästebetten - stieg die Zahl um 8,7 Prozent im Jahresvergleich. Im gesamten Jahr ist das Wandern beliebt. Im Winter kommen Ski-Alpin und -Langlauf sowie Rodeln und Eislaufen hinzu. Im Sommer sind dagegen die Favoriten Bergsteigen, Radfahren, Schwimmen, Rafting, Golfen und Paragliden. 

 

Von der Natur können kommunale Verantwortliche lernen, denn die folgende Winzerweisheit gilt gleichermaßen für Wein und Städte: „Ein guter Herbst macht noch keinen guten Traubensaft. Seine Qualität hängt davon ab, wie gedeihlich für die Reben das Frühjahr und der Sommer waren“, resümiert der Bad Dürkheimer Bürgermeister Christoph Glogger.

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