Künstliche Intelligenz
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Digitalisierung

Künstliche Intelligenz - der Preis der Handlungsfähigkeit

Wie wird die nächste Generation über die Corona-Pandemie denken? Ilona Benz hat sich ins Jahr 2050 gebeamt und einer Projekt­arbeit in einer Schule zugeschaut.

Dienstagmorgen, 7.45 Uhr, Geschichtsunterricht einer 9. Klasse. Das Thema heute: Die großen Seuchen der Menschheit – die Corona-Pandemie. Die Schüler schlagen ihr digitales Geschichtsbuch auf und beginnen zu lesen.

Wird das der Rückblick auf das Jahr 2020 sein?

„Im Jahr 2020 eroberte das Coronavirus die Welt. Es war die Zeit, in der Klopapier zeitweise den Seltenheitswert von weißem Kaviar erreichte, die Mund-Kinn-Bedeckung erfunden wurde und die Bundesregierung ein beispielloses Konjunkturpaket verabschiedete. Banken, Behörden, Kammern und viele weitere in die Auszahlung der Hilfsgelder an betroffene Unternehmen eigebundene Institutionen leisteten in dieser Zeit Beachtliches. Binnen weniger Tage wurden in Wochenendarbeit und unter Aufbau von unzähligen Überstunden Tausende Anträge geprüft und Gelder in wenigen Tagen ausgezahlt. Der Bearbeitungsdruck und das weitgehend manuelle Prüfverfahren führten jedoch leider auch zu Missbrauch...“

Künstliche Intelligenz kann die Antragsprüfung teilautomatisieren

Eine Hand geht hoch: „War im Jahr 2020 denn nicht schon die künstliche Intelligenz erfunden?“ Der Lehrer antwortet: „Doch, im Jahr 2020 gab es insbesondere im privaten Sektor bereits zahlreiche Anwendungsfelder.“ Die Gegenfrage folgt sofort: „Warum hat man dann die Antragsprüfung nicht zumindest teilautomatisiert?“

Diese Frage ist Steilvorlage für die Gruppenarbeit. Die Klasse teilt sich in vier Gruppen auf und sammelt Ursachen für den mangelnden Einsatz digitaler Technologien zur Abwicklung der Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft. 45 Minuten, viele Google-Recherchen und Video-Calls mit elterlichen Zeitzeugen später, präsentieren die vier Gruppen ihre Ergebnisse.

Die Sammlung von Argumenten auf dem Smartboard nennt Aspekte wie „Man brauchte schnell eine Lösung“, „Es gab keinen finanziellen Spielraum“. Es wird heftig über die Bedeutung der einzelnen Punkte diskutiert.

Es braucht mehr Mut für mehr Handlungsfähigkeit

Die Unterrichtsstunde ist schon fast zu Ende, als sich der Klassenstreber meldet: „Ich habe mir die Argumente durchgelesen und sie überzeugen mich nicht. Sicherlich mag das alles eine Rolle gespielt haben, aber das können nicht die wahren Gründe gewesen sein. Finanzmittel waren offensichtlich reichlich vorhanden. Mein Fazit: Der Preis für die Handlungsfähigkeit war hoch und ging auf Kosten der Mitarbeiter und Steuerzahler. Ich glaube, der wahre Grund für den mangelnden Einsatz von digitalen Technologien war, dass niemand den Mut hatte, einfach einmal etwas anders zu machen.“