Tina Mißmahl Bürgermeisterin Wangerooge
Tina Mißmahl ist Bürgermeisterin von Wangerooge.
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Bürgermeisterin auf der Insel

Fest verwurzelt auf Wangerooge

500 Menschen bewarben sich auf eine Zeitungsanzeige um das Bürgermeisteramt auf Wangerooge. Am Ende machte Tina Mißmahl das Rennen – eine Einheimische, die auf der Nordseeinsel aufgewachsen ist. Heute muss die Bürgermeisterin dafür sorgen, dass die kleine Inselgemeinde ihre Daseinsvorsorge sichert, genügend Personal findet und mit den Folgen von Sturm und Küstenerosion umgeht. Im Bürgermeisterporträt des Monats erzählt Tina Mißmahl, warum sie Verantwortung für ihre Heimat übernommen hat und wie Wangerooge lebenswert bleiben soll.

Hinter dem Rathaus treffen sich die Surfer. Und wenn Tina Mißmahl in ihrem Büro sitzt, hört sie das Schreien der Möwen und das Rauschen der Nordseewellen durch das geöffnete Fenster. Die 54-jährige Bauingenieurin ist Bürgermeisterin auf Wangerooge, der östlichsten ostfriesischen Insel. „Geboren wurde ich in einem Krankenhaus auf dem Festland, aber als ich ein paar Tage alt war, kam ich auf die Insel“, berichtet sie beim Besuch von KOMMUNAL.

Bürgermeisterin Tina Mißmahl: Leben und Arbeiten auf Wangerooge

Ihr Vater und dessen Familie waren schon immer auf Wangerooge ansässig. Ihre Mutter dagegen kam einst aus Finnland auf die Insel, um hier Deutsch zu lernen. Man lernte sich kennen, verliebte sich, heiratete. „Den Menschen hier gelte ich als Insulanerin“, sagt Mißmahl. „Auch wenn man das eigentlich nur ist, wenn man auf der Insel zur Welt gekommen ist – aber das passiert ja eigentlich so gut wie gar nicht mehr.“ Für Geburten fahren die Familien auf das Festland, denn ein Krankenhaus für den Notfall hat Wangerooge nicht. Auch für ihr Abitur musste Tina Mißmahl ins Internatsgymnasium nach Esens. Denn auf der Insel endet die Schule mit der zehnten Klasse. Wenn sie Freunde außerhalb von Wangerooge besuchen will, kann sie  sich nicht einfach ins Auto oder in den Bus setzen. Entweder man hat ein eigenes Boot, oder kennt jemanden, der ein Flugzeug hat“, sagt Mißmahl. „Oder man muss zum Festland übersetzen, mit dem Auto zum nächsten Fährhafen fahren, und von da dann auf die andere Insel.“ Theoretisch geht das an einem Tag. Aber weil Inseln wie Wangerooge von Ebbe und Flut abhängig sind, und die Fähre eben nicht immer fährt, verlangt jede Reise eine besondere Planung – egal, ob es nun zum Patenkind oder zu einer Sitzung beim Landkreis Friesland nach Jever geht.

Das zeigt etwas von den Herausforderungen, vor denen Mißmahl auch als Bürgermeisterin steht: Alles, was die Insel braucht, muss vom Festland herübergeschafft werden. Zugleich muss Wangerooge seinen Bürgern dieselbe Daseinsvorsorge bieten, wie jede andere Kommune in Niedersachsen. Obwohl dort nur gut 1.000 Menschen leben. Ein Beispiel ist die Feuerwehr: Wangerooge hat eine eigene Drehleiter – im Brandfall kann niemand warten, bis Flut ist und die Fähre zum Festland wieder fährt.

Eine Kommune auf sich gestellt

Die höheren Kosten auf der Insel sorgen dafür, dass auch der kommunale Haushalt eine stete Herausforderung bleibt. Eine Kooperation mit anderen kleinen Kommunen, wie es sie auf dem Festland gibt, und wo man die Aufgaben unter den Nachbargemeinden verteilt, ist durch die Insellage für Wangerooge schwer.  „Wir sind von allen anderen abgeschnitten“, sagt die Bürgermeisterin. „Auch bei einer Katastrophe müssen wir uns selbst helfen, bis Hilfe vom Festland da ist – das gilt zum Beispiel für die Elektrizität, die Wasserversorgung und die Lebensmittel.“ Vor kurzem hat sich die Bürgermeisterin deswegen an die niedersächsische Landesregierung in Hannover gewandt. Sie hofft darauf, dass Wangerooge vielleicht zu einer Modellkommune für andere Orte werden kann, die durch ihre besondere geographische Lage vor besonderen Herausforderungen stehen.

Wangerooge

Sorge macht der Bürgermeisterin auch der Küstenschutz. Jedes Jahr im Herbst, wenn die Stürme kommen, geht auf Wangerooge wieder etwas Strand verloren. Die Insel von heute ist längst nicht mehr die Insel ihrer Kindheit und Jugend: Mühevoll muss Jahr für Jahr der Sand wieder aufgespült werden, damit Wangerooge nicht verloren geht. „Wir werben dafür, dass das Land und der Bund hier ihre Aufgaben übernehmen“, sagt Mißmahl. „Aber in Zeiten knapper Kassen haut man natürlich auch nicht mal eben so ein paar Milliarden Euro an die Küste, um den Küstenschutz zu fördern.“ Selbst beschreibt sich die Bürgermeisterin als rational. Mit Meer und Nordseewetter ist sie aufgewachsen. „Aber wenn es im Winter stürmt und man sein Haus hier hat und die Gischt fliegt gegen die Strandpromenade und es geht wieder etwas Strand verloren, da kann man auch schon mal ein paar ängstliche Momente haben“, sagt Tina Mißmahl.

500 Bewerber für das Bürgermeisteramt

Wie es dazu kam, dass Mißmahl Bürgermeisterin wurde? Bereits 2018 kandidierte sie erstmals für das Amt und erreichte die Stichwahl. Doch sie unterlag. Einige Jahre später trat sie erneut zur Bürgermeisterwahl an. „Schon bei meiner ersten Kandidatur damals war mir klar, dass ich Verantwortung für meine Heimatinsel übernehmen möchte“, sagt sie. „Als sich die Gelegenheit ergab, noch einmal anzutreten, habe ich das mit voller Überzeugung getan.“ 

Die Parteien auf Wangerooge entschieden sich nicht sofort für Tina Mißmahl. Zunächst schalteten sie eine Zeitungsanzeige. Das sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen. Und für eine gewisse Enttäuschung bei der Einheimischen: „Man hoffte wohl auf bessere Bewerber vom Festland“, sagt Mißmahl rückblickend. „Für mich war das damals aber nicht das schönste Gefühl, zu wissen, dass es Menschen gibt, für die man nicht die erste Wahl ist - ich dachte erst, das mit der Anzeige wäre ein Missverständnis, doch das war es leider nicht.“ Doch am Ende setzte sich die Insulanerin gegen alle etwa 500 Kandidaten durch, die sich auf die Anzeige bewarben. „Ich kenne schließlich jeden Menschen auf Wangerooge“, sagt Mißmahl. „Bei den meisten Menschen hier weiß ich, wo sie wohnen, wie der Familienhintergrund ist, wie die Verhältnisse sind.“

Wie viele andere Urlaubsregionen hat auch Wangerooge ein Problem mit fehlenden preiswerten Unterkünften für Mitarbeiter im Tourismus. Und auch in der Verwaltung gibt es viele unbesetzte Stellen. „Unsere kleine Verwaltung muss vieles erledigen“, sagt Mißmahl. „Wer bei uns die fachliche Leitung des Fachbereichs Ordnung und Bürgerservice übernimmt, ist gleichzeitig für das Ordnungsamt, den Bürgerservice, das Einwohnermeldeamt, das Standesamt, die Wahlen und die Bauordnung zuständig.“ 

Die Insel für kommende Generationen bewahren

„Auf Wangerooge arbeiten zu dürfen, ist ein großes Privileg.“ Was das persönliche Ziel von Tina Mißmahl ist? „Ich wünsche mir, dass Wangerooge auch für kommende Generationen eine lebenswerte Insel bleibt“, sagt Mißmahl. „Dafür brauchen wir gute Arbeitsplätze, eine verlässliche Daseinsvorsorge und den Mut, unsere Besonderheiten nicht als Nachteil, sondern als Stärke zu begreifen: Mein Ziel ist, dass die Menschen hier auch in Zukunft gut leben und arbeiten können – und dass wir den Charakter unserer Insel dabei bewahren.“