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Wie Dörfer wieder einen Hausarzt bekommen

Eineinhalb Jahre lang ist Bödefeld ein Ort ohne Hausarzt. Bis die Stadt hilft, dass eine neue Praxis eröffnet. Das Projekt könnte zum Vorbild für andere Kommunen werden. Doch noch zögern manche Bewohner Bödefelds, die neuen Ärzte zu besuchen.

Souzan Abboud ist in die Arztpraxis gekommen, um eine Krankheit loszuwerden, mit der sie schon vor ihrer Flucht aus Syrien nach Deutschland kämpft. Doch welche Krankheit es ist, weiß sie nicht. Die Landärztin Annia Röhl soll ihr an diesem Dienstagvormittag in ihrer Praxis helfen. Die 48-jährige Syrerin gibt der Ärztin zwei leere Tablettenpackungen, die ihr ein Arzt in Syrien einmal verschrieben hatte – bevor Abboud vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat fliehen musste. „Das haben Sie nicht“, sagt Röhl zur Patientin. Denn die Tabletten helfen gegen Schwindel. Abboud beschreibt aber die Symptome von Tinnitus. Röhl erklärt, Abboud brauche Ruhe, damit die Beschwerden zurückgehen. Da die Ohren der Asylbewerberin verschmutzt sind, müssen sie am nächsten Tag erst einmal gesäubert werden, sodass eine genauere Diagnose möglich ist. Weil Abboud, die in Damaskus geboren wurde, kein Deutsch spricht, hilft ein junges Mädchen aus dem Irak, zwischen der Ärztin und Abboud zu übersetzen. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Syrerin an diesem Tag zu Röhl in die Praxis kommen kann. Noch bis vor kurzem gab es im Ort keinen Hausarzt mehr. Der bisherige Landarzt Franz-Josef Ochsenfeld hatte jahrelang vergeblich einen Nachfolger gesucht. „Besser Kaiser im Sauerland als König im Pott“, schrieb er als Titel über die Anzeigen, die er in Fachmagazinen und Zeitungen schaltete. Selbst das Angebot, seine Praxis kostenlos zu übergeben, half nicht. Im April 2014 machte der heute 68-Jährige seine Praxis zu. Rund 1.500 regelmäßige Patienten habe er gehabt, erzählt Ochsenfeld. Darunter seien auch viele Privatpatienten gewesen. Dank Röhl und ihrem Kollegen Oliver Haas hat Bödefeld seit Oktober wieder eine Praxis. Ihre Hauptpraxis liegt jedoch im knapp 45 Kilometer entfernten Erndtebrück; eine weitere Filiale ist im Ort Wingeshausen. Doch Bödefeld ist besonders – und könnte zum Vorbild für andere Gemeinden werden. Mehrere Kommunen haben bereits nachgefragt, wie die Stadt Schmallenberg, zu der das Dorf Bödefeld gehört, neue Ärzte gefunden hat. Schon am ersten Arbeitstag wurde das neue Team warm empfangen. Bürgermeister Bernhard Halbe kam zu Besuch; Nachbarn und die Landfrauen des Hochsauerlandkreises brachten Blumen. Nur eine Zahl macht den Ärzten noch zu schaffen – aber dazu später.

Um neben ihrer Hauptpraxis in Erndtebrück alle Standorte gut betreuen zu können, haben Röhl und ihr Kollege Oliver Haas drei Ärzte eingestellt. Doch nach dem dritten Mitarbeiter mussten sie ein ganzes Jahr suchen. Röhl erklärt: „Ärzte bleiben gerne dort, wo sie sind.“ Also meist in den Universitätsstädten, in denen sie ihr Medizinstudium absolvieren. Röhl und ihre Kollegen haben ein klares Ziel: „Wir wollen zeigen, dass es geht. Zeigen, dass man davon leben kann.“ Schön sei die Arbeit als Landarzt, nahe an den Menschen, ohnehin. Nur: Manche Jungmediziner, die durch das Studium das Leben in der Stadt gewohnt sind, müssen davon erst überzeugt werden. Wer mit jungen Medizinabsolventen spricht, hört immer wieder Vorbehalte gegenüber der Arbeit als Landarzt. Ein Medizinabsolvent sagt, er könne sich die Arbeit in einer Praxis auf dem Land nicht vorstellen, solange er noch Single sei. „Der Ruf der Arbeit auf dem Land ist nicht gut und es wird gesagt, man arbeitet viel für weniger Geld“, erläutert der Mann. Außerdem müsste er nach dem Studium erst noch den Facharzt für Allgemeinmedizin machen, um sich niederzulassen. In Brasilien hingegen sei der Facharzttitel nicht notwendig und die Stellen seien besser bezahlt. Eine junge Ärztin mit Promotion meint, in den großen Kliniken sehe man medizinisch interessantere Krankheitsfälle als in einer Hausarztpraxis. Die Ärzte in Bödefeld versuchen das Nachwuchsproblem zu lösen, indem sie ihren angestellten Ärzten Flexibilität anbieten. Ohne in eine eigene Praxis investieren zu müssen, können diese in den Praxen von Röhl und Haas arbeiten. Die angestellten Ärzte müssen sich nicht langfristig binden und können später auf eine andere Arbeitsstelle wechseln. Außerdem helfen sogenannte „entlastende Versorgungsassistentinnen“ den Ärzten, indem sie Blut abnehmen, den Blutdruck messen oder Hausbesuche abstatten. Röhl empfiehlt jungen Ärzten, auf dem Land zu arbeiten. „Ich glaube, kein Arzt in der Stadt sieht so viele Krankheitsbilder wie wir. Ein Landarzt darf die Menschen als Ganzes wahrnehmen, darf sie über längere Zeit begleiten.“ Es mache großen Spaß, sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen diese abwechslungsreiche Arbeit auszuüben. Auch in Büsum in Schleswig-Holstein drohte der Ärztemangel. Doch die Gemeinde reagierte früh und gründete eine gemeinnützige GmbH. Vier ältere Ärzte, die bisher in einem Ärztehaus selbstständig arbeiteten, wurden dort angestellt. Die Ärzte werden innerhalb von zehn Jahren alle in den Ruhestand gehen. Nun ist mit Büsum erstmals in Deutschland eine Gemeinde Betreiber eines Ärztezentrums. Der Geschäftsführer des Zentrums, Thomas Rampoldt, sagt: „Ärzte wollen heute regelmäßige Arbeitszeiten haben, viele Frauen in Teilzeit arbeiten. Wir können in der kommunalen Praxis diese Arbeitsbedingungen anbieten.“ So wurde einer der Ärzte, der inzwischen in Rente ist, bereits durch zwei jüngere Ärztinnen ersetzt. Beide arbeiten in Teilzeit. Möglich wurde das Projekt durch rund eine Viertelmillion Euro Fördermittel. „Das Ziel ist, dass sich das Ärztehaus selbst finanziert“, sagt Rampoldt. In Bödefeld steht der Gemeinschaftspraxis im Herbst die nächste Prüfung bevor: Falls der Standort dann noch keine schwarzen Zahlen schreibt, müssten die Ärzte entweder die Verluste mit einer anderen Praxis ausgleichen. Oder aber die Kassenärztliche Vereinigung verlängert die bisher für ein Jahr geplante finanzielle Förderung der Praxis. Bisher garantiert die Kassenärztliche Vereinigung 48.000 Euro Umsatz im Quartal. Auch da bleibt nach Abzug der Personalkosten nicht viel Geld übrig. Auch die Stadt Schmallenberg hat viel Geld investiert. Für 300.000 Euro hat sie ein Gebäude gekauft und renovieren lassen. Bürgermeister Bernhard Halbe sagt: „Es war notwendig, uns stärker in der medizinischen Versorgung zu engagieren.“ Denn die ärztliche Versorgung sei den Bürgern außerordentlich wichtig. Durch die geringe Verschuldung der Stadt mit nur etwa 400 Euro pro Kopf konnte Schmallenberg die Investition gut stemmen. Nun vermietet die Stadt die Praxisräume an die Ärzte. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) begrüßt, wie sich Schmallenberg, Büsum und andere Kommunen beispielhaft für eine gute medizinische Versorgung einsetzen. „Ortsnahe medizinische Versorgung ist ein entscheidender Standortfaktor für die Städte und Gemeinden“, teilt der DStGB mit. In erster Linie müssten jedoch die Kassenärztlichen Vereinigungen sicherstellen, dass jede eigenständige Gemeinde durch einen Hausarzt versorgt wird. „Soweit dies nicht erfüllt wird, sollte der Gesetzgeber einen entsprechenden Rechtsanspruch zugunsten der Kommunen einführen“, fordert der DStGB. Die Ärzte in der Bödefelder Graf-Gottfried-Straße 27 haben noch viel Zeit, um neue Patienten dazuzugewinnen. 1.500 Patienten sollte die Praxis im Quartal haben, damit sie sich rechnet und nicht mehr gefördert werden muss. „Wir sind ungefähr bei der Hälfte, wo wir sein wollen“, sagt Röhl. Doch ausgerechnet die zugesagte Förderung für ein Jahr ist dabei gewissermaßen ein Hindernis. Viele Patienten haben in den eineinhalb Jahren ohne Dorfpraxis einen neuen Hausarzt im Umland gefunden. Nun scheuen sich einige, schon wieder den Hausarzt zu wechseln. Denn die Zahl von einem Jahr wirkt auf viele wie ein Unsicherheitsfaktor. ‚Wie geht es nach diesem Jahr weiter?‘, fragen sie sich. Keiner will den Arzt wechseln, um in einem Jahr erneut mit der Suche zu beginnen. Denn mancher fürchtet, sich dann nicht wieder so leicht einen Platz beim vorherigen Hausarzt erkämpfen zu können. „Manche scheuen sich noch, zum Hausarzt vor Ort zurückzukehren“, sagt Bürgermeister Halbe.

Röhl betont, ihr Plan in Bödefeld sei langfristig angelegt. Deshalb habe man viel in die Ausstattung investiert. „Wir wollen hier mit modernster Technik arbeiten und einen vollständigen Versorgungsauftrag erfüllen.“ Dadurch ist die Praxis von Röhl auch ein Beispiel dafür, dass Landpraxis und Technik keine Gegensätze sind. Das zeigt die Behandlung eines 73-jährigen Rentners an diesem Dienstagvormittag. Er hat eine Kalkschulter – Kalkeinlagerungen in den Schultersehnen lösen große Schmerzen aus. Eine Stoßwellentherapie soll helfen. Durch den Druckanstieg werden die Kalkdepots zertrümmert. Dafür richtet Röhl energiereiche Ultraschallwellen auf die linke Schulter des Patienten. 2.500 Impulse in acht Minuten. „Sie müssen das deutlich spüren“, sagt Röhl. Und fragt, ob sie die Stoßwellen steigern könne. „Sie können es mal versuchen. Ich werde schon schreien“, sagt der Mann, der sich keinen Schmerz anmerken lässt. Für die erfolgreiche Behandlung sind insgesamt drei Sitzungen nötig. Der Patient fragt, ob die Ärztin denn zufrieden sei mit dem Patientenstamm. „Der Stamm ist wunderbar“, antwortet sie. „Aber es müssen noch mehr werden.“ Die Resonanz bei den Dorfbewohnern sei gut, erwidert der Rentner. Doch die Zeit ohne Praxis im Ort sei etwas lang gewesen; die Leute hätten sich in der Zwischenzeit neue Hausärzte gesucht. Da stimmt Röhl zu. Der Fall Bödefeld illustriert also auch, wie wichtig es ist, schnell auf die Schließung von Arztpraxen auf dem Land zu reagieren. Der Rentner hofft, dass viele andere Dorfbewohner zur neuen Praxis wechseln. „Wenn wir es hier jetzt nicht annehmen, ist es nach einem Jahr wieder platt“, sagt er. Wenn es hingegen funktioniere, könnten andere Städte das Modell kopieren. An diesem regnerischen Dienstag ist das Wartezimmer jedenfalls voll. Mehrere Patienten sind zum ersten Mal gekommen. Auf einem Tisch liegen Malstifte und Kinderbücher, an der Seite steht ein Wasserspender. Eine Rentnerin sagt, sie sei erst gestern hier gewesen. Sie wäre schnell an die Reihe gekommen, doch sie hatte schon etwas anderes vor und wollte lieber heute kommen, um sich Medikamente verschreiben zu lassen. „Heute muss ich Zeit mitbringen.“ Ärgerlich für die Dame – aber gut für die Praxis.

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