Wie gelingt Integration ? - Ein neuer Leitfaden gibt Hilfen vor Ort

Wie gelingt Integration?

Di, 01.11.2016

Seit Jahrzehnten war das ehrenamtliche Engagement in Deutschlands Kommunen nicht so groß, wie in der Flüchtlingspolitik. Doch wie wird Integration erfolgreich? Wie geht man überhaupt mit traumatisierten Menschen um? Ein Leitfaden für Helfer und interessierte Laien gibt konkrete Tipps.

Autoren: Anne-Kathrin Schmieg/ Ulrike Imm-Bazlen Stand vor einem Jahr noch verstärkt die Grundversorgung mit Essen, Kleidung und Unterbringung im Mittelpunkt, ist es jetzt die Diskussion über Integration und wie sie funktionieren soll und kann. Dabei wurde jedoch ein wichtiger Schritt übersprungen. Nämlich die Menschen überhaupt erst einmal da abzuholen, wo sie stehen, zu erkennen, welche Bedürfnisse jeder einzelne hat. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt: Etwa 40 Prozent der Flüchtlinge sind traumatisiert, bei den unbegleiteten Minderjährigen ist es sogar fast jeder Zweite.

Integration heißt auch: sich in die Kultur des anderen eindenken

Wichtig ist deshalb ganz besonders die persönliche Betreuung der Flüchtlinge. Doch die gibt es in den Gemeinschaftsunterkünften kaum, ein Sozialpädagoge ist oft für 300 Asylwerber zuständig. Für mehr als Hilfe beim Ausfüllen von Formularen ist da meistens keine Zeit, wieder müssen die Ehrenamtlichen einspringen – und sind damit häufig überfordert. In unserem Buch wollen wir daher die Laien an die Hand nehmen. Es enthält einen Überblick über das Asylrecht und interkulturelle Kompetenz – wer weiß schon, dass Langkornreis in Afghanistan Tierfutter ist, es leicht von Afghanen deshalb als Beleidigung empfunden werden kann, wenn sie diesen vorgesetzt bekommen – sowie eine gut verständliche Einführung in die Traumapädagogik. Ehrenamtliche brauchen genauso Supervision und Schulungen wie Fachkräfte.

Hat ein Buch zum Thema Integration verfasst: Anne-Kathrin Schmieg ist Fachbereichsleitung der Kinder- und Jugendhilfe beim Kreiscaritasverband Passau.

In diesem Bereich passiert noch viel zu wenig, stattdessen wird viel zu abstrakt über das Zauberwort Integration geredet. Es heißt immer, Integration beginnt beim Deutschunterricht. Doch traumatisierte Menschen sind nicht in der Lage zu lernen, können sich nicht konzentrieren, brauchen oft erst einmal ganz andere Hilfestellungen. Damit Integration von traumatisierten Flüchtlingen überhaupt beginnen kann, bedarf es also einen Schritt mehr: Zu erkennen, welche Bedürfnisse jeder einzelne Flüchtling hat. Nur wer sich sicher fühlt, kann sich öffnen und lernen. Dafür muss man mit statt über die Flüchtlinge reden.

Integration: Erwartungen und Regeln

Es ist zu einfach gesagt: Die müssen sich nach uns und unseren Regeln richten. Doch welche – oft unausgesprochene – Regeln sind das überhaupt? Woher sollen die Flüchtlinge wissen, was von ihnen in Deutschland erwartet wird? Wir haben Erwartungen und wir haben Regeln und sie müssen sich auch daran halten. Dafür braucht es Akzeptanz auf beiden Seiten und Aufklärung. Klarheit wiederum gibt den Asylwerbern Sicherheit. Eben diese ist ein wichtiger Bestandteil der Traumabegleitung, die jeder leisten kann, der sich dazu bewusst entschließt. Während Traumatherapie ganz klar in die Hände von Fachkräften gehört, braucht es für Traumabegleitung Menschen, die verlässlich und empathisch sind. Wer Bezugsperson für Flüchtlinge wird, dem sollte jedoch klar sein: Er sollte kontinuierlicher Ansprechpartner sein und seinen Schützling annehmen, wie er ist. Damit sich Flüchtlinge sicher fühlen, braucht es gewisse Rahmenbedingungen: Dazu gehören neben einem möglichst bald geklärten Aufenthaltsstatus klare Regeln und auch Konsequenzen bei Verstößen, Selbstwirksamkeit etwa sich selbst kochen können, sinnstiftende Freizeitbeschäftigungen wie Sport und Musik sowie eben Aufklärung über unsere gesellschaftlichen Regeln. Traumabegleitung ist deshalb so wichtig, weil die Betroffenen dadurch Stabilität in einem völlig fremden Land erfahren.

Hat den Leitfaden gemeinsam mit Anne-Kathrin Schmieg verfasst: Ulrike Imm-Bazlen arbeitet als Dozentin, Systemische Therapeutin (SG) und Traumabegleiterin.

Nötig ist ein Blick hinter die Fassade des Bildes vom arroganten, vielleicht leicht aggressiven, ausländischen Jugendlichen, der mit Smartphone durch die Straßen läuft: Jeder hat eine Geschichte, ein Schicksal im Gepäck. Es gilt den Menschen mit all seinen Bedürfnissen in den Flüchtlingen zu sehen und nicht die gesichtslose Masse, die integriert gehört. Wer versteht, was in den Flüchtlingen vorgeht, ist auch für Diskussionen mit verängstigten Bürgern besser gewappnet. Wichtig ist es für Ehrenamtliche aber auch, selbst die eigenen Grenzen zu wahren, die eigenen Beweggründe für die Arbeit zu hinterfragen, ebenso ihre Erwartungen. Nötig sind auch Präventionsmaßnahmen hinsichtlich Rassismus, denn sonst wächst die Unsicherheit und die Ablehnung beiderseits. Die deutsche Gesellschaft muss aufgeklärt werden. Denn: Integration ist kein Selbstläufer, sondern fordert Deutsche und Ausländer gleichermaßen.

 

zum Buch: 

Das Buch „Begleitung von Flüchtlingen mit traumatischen Erfahrungen“ will Grundlagenwissen zur Begleitung von traumatisierten Menschen sowie Methoden, wie dieses Wissen angewandt werden kann, vermitteln. Die Autoren widmen sich unter anderem der Frage, was eigentlich ein Trauma ist, wie es entsteht und erkannt werden kann. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine Begleitung dieser Menschen gestaltet werden kann.

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