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Brückeneinstürze sind auch in Deutschland nicht völlig ausgeschlossen
© 123rf

Brückeneinsturz: Ist die Tragödie von Genua auch in Deutschland denkbar?

von Christian Erhardt-Maciejewski
Geschäftsführer, Chefredakteur | KOMMUNAL
15. August 2018
Wir wollen hier keine Panik verbreiten - noch kennen wir den genauen Grund für den Brückeneinsturz von Genua nicht. Vermutlich war es die Verkettung einer ganzen Reihe von extrem unglücklichen Umständen. Trotzdem darf auch der Blick auf die Situation in Deutschland erschrecken. Aber mehr noch: Er muss endlich wachrütteln, fordert Christian Erhardt.

11 Milliarden Euro - so viel Geld wird benötigt, um nur die Straßenbrücken zu ersetzen, die von Experten aktuell als "dringend zu ersetzen" eingestuft werden. Wir sprechen über mehr als 10.000 kommunale Brücken, die laut Institut für Urbanistik in den kommenden Jahren ersetzt werden müssen. Das ist jede siebte Brücke in kommunaler Trägerschaft. Jede zweite Brücke ist der Studie zufolge in einem schlechten Zustand. Hier müssen zumindest Brückenteile ersetzt werden. Investitionsbedarf: Noch einmal rund 5 Milliarden Euro - konservativ geschätzt. Zahlen, die auch schon weit vor dem Brückeneinsturz von Genua bekannt waren...aber offenbar in der großen Politik nicht angekommen sind!

Brückeneinstürze auf Fernstraßen denkbar?  

Denn wie läuft die Diskussion heute auf Bundesebene an? Gesprochen wird "nur" aber erstmals "immerhin" über die rund 40.000 Brücken auf Deutschlands Fernstraßen. Nicht, dass die Situation hier besser wäre. Von den Brücken auf Fernstraßen ist gar nur jede Vierte Brücke in einem guten Zustand. Zahlen übrigens, die die Deutsche Bauindustrie erst vor Kurzem veröffentlicht hat, die zu dem Zeitpunkt aber in den meisten Medien nur eine Randnotiz wert waren. Immerhin das hat sich heute geändert.

Politisch läuft die Diskussion übrigens in Italien seit Jahren ganz ähnlich wie in Deutschland. Anstatt sich an die Sanierung überalterter Brücken zu machen, zeigten die verschiedenen Regierungen in Italien lieber mit dem Finger auf die leeren Staatskassen. Brüssel wurde herangezogen, um das eigene Nichtstun zu vertuschen. Irgendwie erinnert auch das sehr an die Politik in Deutschland. Infrastruktur wird abgebaut, der Wert der Brücken buchhalterisch immer weniger. Eine Zahl der Bauindustrie dazu: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Bestand an Brückenflächen mit "gutem Zustand" mehr als halbiert, der Anteil an Brücken, die als "gerade noch in ausreichendem Zustand" definiert ist, hat sich verdoppelt. Und was tut der Bund? Er rühmt sich, dass er pro Jahr eine Milliarde Euro für Brücken und Sanierungen zur Verfügung stellt. Ein Bruchteil der Summe, die benötigt wird! 

Christian Erhardt fordert: Der Brückeneinsturz von Genua muss uns auch in Deutschland wachrütteln!
Der Brückeneinsturz von Genua muss Deutschland wachrütteln, fordert Christian Erhardt

Deutschland verdrängt Infrastrukturkrise zu Lasten der ländlichen Räume 

Ja, sie wirken einschüchternd, die Milliardensummen, die endlich investiert werden müssten. Und dann ist da noch der Wähler, der keine Lust auf neue Baustellen und somit noch mehr Staus hat. Aber Deutschland lebt seit Jahrzehnten vom Bestand einer Infrastruktur, die aus den 60er Jahren stammt. Damals gab es kaum 40 Tonnen LKW. Und ein 40 Tonner belastet eine Straße statistisch so stark, wie 60.000 PKW.

Doch was ist in Deutschland passiert? Infrastruktur wurde von den maroden Schienen auf die Straße verlagert, die zunehmenden schweren Lasten somit zusätzlich verlagert. Weil zu wenig Geld in die Schiene, zu wenig Geld in die Brücken auch auf den Kanälen und Schiffswegen investiert wurde. Bei der Gelgenheit wurden ganze Regionen von der Schiene abgetrennt, die ländlichen Räume somit ausgedörrt. 

Brückeneinsturz von Genua muss uns wachrütteln

Wer jetzt noch nicht verstanden hat, was die Auswirkungen einer solchen Politik sind, der will es wohl nicht verstehen. Es ist schier Unsinn, maroden Brücken mit Tempolimits, Mindestabstandsregeln oder LKW-Fahrverboten zu begegnen. 
Wenn die Kommunen weiterhin nicht genügend Geld haben, um endlich den Sanierungsstau aufzulösen, dann kann niemand wirklich ausschließen, dass die Geschichtsbücher neben dem Ort "Genua" bald um eine der rund 11.000 deutschen Städtenamen ergänzt werden muss. Nein, Panikmache ist nicht angesagt! Aber stattdessen ist dringendes Handeln angesagt! Lösen wir den Sanierungsstau endlich auf. Das kostet Milliarden (die der Bund aber hat) und verursacht vielleicht auch  neue Staus, kann aber Tragödien verhindern! 

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