Der Kreis Soest hat ein Mittel gegen den Ärztemangel gefunden - der Arzt-Lotse hat sich bewährt
Der Kreis Soest hat ein Mittel gegen den Ärztemangel gefunden - der Arzt-Lotse hat sich bewährt

Gegen Ärztemangel hilft der "Arzt-Lotse"

Fr, 23.08.2019

Notstand in Sicht: Fast überall auf dem Land fehlen Hausärzte. Außer im Kreis Soest – und das hat mit der Wirtschaftsförderungsabteilung des westfälischen Kreises zu tun.

Text: Annette Lübbers 

Er ist einer, der dafür sorgt, dass der Ärztemangel nicht noch größer wird. Dr. med. Tobias Samusch ist gerne Arzt. Und das ist eigentlich noch eine Untertreibung. Der gebürtige Arnsberger ist Arzt aus Leidenschaft. Das kann man spüren, wenn man seine neuen Praxisräume im westfälischen Soest betritt. Der Boden ist mit hellem Parkett ausgelegt. Wände, Decken und Deko-Gegenstände sind entweder weiß oder lindgrün und bilden einen schönen Kontrast zum dunkelgrünen Blätterwerk vor den großen Fenstern seines Wartezimmers. Auf einem der Stühle im hellen Flur sitzt eine große rothaarige Bauchrednerpuppe. Tobias Samuschs ganz persönliche Eintrittskarte in die Herzen seiner kleinen Patienten. Für das „Gesamtkunstwerk Praxis“ hat der Westfale richtig viel Geld in die Hand genommen. Eher 300.000 Euro als die für eine Hausarztpraxis durchschnittlichen 150.000 Euro. Eine gewaltige Kreditsumme für den 41-jährigen Allgemeinmediziner und Psychiater. Trotzdem fühlt er sich wohl mit seiner Entscheidung. Weil er ein schönes Wohlfühl-Ambiente für seine Kundschaft geschaffen hat. Und weil die Größe der Praxis Platz lässt für angestellte Kollegen, die das Wagnis einer eigene Praxis eher scheuen.

 

Die Mär vom Landarzt, der "nur Bagatellen" behandelt 

 

Tobias Samusch gehört zu einer Minderheit in Deutschland: Er ist erst 41 Jahre alt. Annähernd 47 Prozent der Ärzteschaft waren im Jahr 2017 50 Jahre und älter. Besonders dramatisch ist die Zahl bei den niedergelassenen Allgemeinmedizinern Mehr als 70 Prozent dieser Berufsgruppe hat die 50 bereits überschritten. Tendenz: steigend. Besonders in den ländlichen Regionen. Tobias Samusch kennt die Gründe: „Während meines Studiums hörte ich einen Professor von den Wald-und-Wiesen-Medizinern reden. Gemeint waren die Allgemeinmediziner. Naturgemäß wollte ich damals auch eher Rheumatologe oder Dermatologe als so ein Arzt zweiter Klasse zu werden.“ Tobias Samusch lacht. „Damals dachte ich – wie viele Kollegen – das ein Landarzt nur Bagatellen behandelt und alle anderen Fälle zum Spezialisten schickt. Weit gefehlt: Der Facettenreichtum in der Allgemeinmedizin ist riesig und die Arbeit sehr anspruchsvoll. Die Gründungskosten sind auf dem Land niedriger und die Konkurrenz um die Patienten geringer. Und ich bin nah dran an den Menschen.“ Und dann fügt er schmunzelnd an: „Hier auf dem Land ist der Arzt ja noch eine Institution. Und gebraucht zu werden: Das ist fühlt sich für mich richtig gut an.“

 

Ärztemangel? Im Kreis Soest dank diesem Mann kein Thema mehr 

 

Weniger als zehn Autominuten von seiner Praxis entfernt sitzt ein junger Mann an seinem Schreibtisch im Büro einer Villa im Bauhausstil und blickt hinaus auf einen kleinen, grünen Park. Marcel Frischkorn hat einen Abschluss als „Master of Science“ und im Kopf jede Menge Ideen. Als Projektleiter der Wirtschaftsförderung des Kreises Soest ist er nicht ganz unschuldig daran, dass der neue „Landarzt“ seine Zelte ausgerechnet in der kleinen westfälischen Stadt aufgeschlagen hat. Marcel Frischkorn ist der Mann, der als „Arzt-Lotse“ die so dringend benötigten Mediziner in den ländlich geprägten Raum holen soll. Das macht er seit Sommer 2018 und ist ähnlich begeistert von seinem Einsatzgebiet wie der neue Hausarzt. „Man nennt mich auch den Ärzte-Kümmerer“, sagt er und lächelt. „Ich sehe mich eher als Wegbereiter und Wegbegleiter der Mediziner.“ Seinen Job verdankt er jenen politischen Akteuren vor Ort, die wie er erkannt haben: „Es braucht unkonventionelle Wege, um Ärzte von der Berufung Landarzt zu überzeugen. Andere Kreise schreiben Stipendien für angehende Mediziner aus. Das wollten wir nicht. Stattdessen leistet sich dieser Kreis eine Vollzeitstelle im Rahmen der Wirtschaftsförderung nur für diesen Zweck“, sagt der Betriebswirt.

Marcel Frischkorn ist tatsächlich so etwas wie ein „Mädchen für alles“: Er bringt ältere Ärzte, die einen Nachfolger für ihre Praxis suchen mit jungen Nachwuchskräften zusammen. Er steht in Kontakt mit Krankenhäusern und angehenden Medizinern. Er weiß, wo welche Fördertöpfe „stehen“ und wie man entsprechende Anträge formuliert. Er kennt geeignete Immobilien – für die Praxisräume und das private Domizil. Er baut den Allgemeinmedizinern Brücken, vernetzt sie mit ihrer neuen Umgebung, hält den Kontakt zur kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer, hilft bei der Erstellung eines Businessplans und assistiert bei den ersten Schritten in die Selbstständigkeit. Oder er vermittelt Ärzte, die diesen Schritt dann doch nicht gehen wollen, in ein angestelltes Beschäftigungsverhältnis. 

 

Hier auf dem Land ist der Arzt ja noch eine Institution. Und gebraucht zu werden, fühlt sich richtig gut an!“

 

Tobias Sarmusch, Allgemeinmediziner

 

Wir müssen mit den Vorurteilen über Ärzte im ländlichen Raum aufräumen

 

Marcel Frischkorn: „Es gibt immer noch viele Vorurteile gegen das Leben eines Arztes im ländlichen Raum. Oft stellt man sich einen älteren Mann vor, der ständig nachts rausgeklingelt wird und einen nicht enden wollenden Bereitschaftsdienst hat. In ganz persönlichen Gesprächen versuche ich, diese Bilder im Kopf gegen neue Bilder auszutauschen. Manchmal reicht es schon, dem angehenden Landarzt Fotos einer wunderschönen Praxis in einem alten Fachwerkhaus zu zeigen.“ Marcel Frischkorn versucht, jeden Interessenten möglichst individuell zu betrachten und entsprechend passgenaue Angebots-Pakete zu schnüren. „Meine These lautet: Schön ist es überall. Viel wichtiger ist die Frage: Was macht meine Region gerade für diesen Arzt oder diese Ärztin besonders interessant? Für den einen ist das die tolle Kita, für den anderen die vielfältigen Freizeitaktivitäten. Je kreativer ich agiere, desto erfolgreicher bin ich in meinem Job.“ Derzeit versucht er, Medizinstudenten in seinen Landkreis zu holen. Mit einem Famulaturprogramm in einer Hausarztpraxis mit garantiert hohen Betreuungs- und Qualitätsstandards. Dazu kommen Medizinworkshops in den Krankenhäusern der Region. Natürlich inklusive: Freizeitangebote wie Segeln auf dem Möhnesee, Ballonfahrten über Warstein und Reiten in der Soester Börde. Marcel Frischkorn ist sich sicher, dass der „Klebe-Effekt“ solcher Maßnahmen groß sein kann und möglichst groß sein sollte. „Noch sind wir – generell betrachtet – in Sachen Versorgung ganz gut dran. Aber wir müssen perspektivisch in die Zukunft denken und uns zu einem innovativen Gesundheitsstandort entwickeln. Denn schon jetzt ziehen ältere Menschen vom Land in die Stadt, weil sie sich um ihre medizinische Versorgung im hohen Alter Sorgen machen. Wenn wir dieses Thema jetzt liegen lassen, wird es uns in einigen Jahren umso heftiger auf die Füße fallen“, bilanziert der Fachmann.  

In Tobias Samusch hat Marcel Frischkorn nicht nur einen jungen Arzt für seine Stadt gefunden, sondern auch einen engagierten Mitstreiter. Er will sich weiterentwickeln, Freiräume im System entdecken und sich auch an der Gestaltung der medizinischen Landschaft in seiner Umgebung beteiligen: „Demnächst wollen wir gemeinsam ausloten, wie ich meine medizinische Expertise auch in Pflegeheimen in der Umgebung einbringen kann. Außerdem wollen wir eine Art Gemeinschaft engagierter Hausärzte und einen Qualitätszirkel gründen. Marcel Frischkorn und ich wollen dasselbe: Dass sich hier in der Region die medizinische Versorgung bestmöglich weiterentwickelt.“   

 

 

  

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