In der Stadtbibliothek Köln können Nutzer mit dem Roboter NAO experimentieren.
Stadtbibliothek Köln
In der Stadtbibliothek Köln können Nutzer mit dem Roboter NAO experimentieren.

Bibliothek der Zukunft: Vom Bilderbuch bis zum Roboter

Bibliotheken werden immer mehr sozialer Treffpunkt, transmedialer Wissensspeicher und multithematischer Weiterbildungsort. Im ersten Teil der dreiteiligen KOMMUNAL-Serie „Bibliothek der Zukunft“ geht es um die Rolle, die Digitalisierung dabei spielt.

Morgens schließt er die Tür auf und hängt das Schild „geöffnet“ ins Fenster. Er geht an deckenhohen Bücherregalen vorbei, um sich hinter der Durchreiche niederzulassen. Dort dreht er den Datumsstempel einen Tag weiter, legt das Stempelkissen bereit und nimmt den Schubkasten mit den Karteikarten der entliehenen Bücher zur Hand. Mit einem Blick in den Kasten erkennt er, dass heute 15 Mahnungen geschrieben und zur Post gebracht werden müssen.

Junge in moderner Bibliothek

So wie diese kleine katholische-öffentliche Bücherei, funktioniert heute kaum noch eine Bibliothek. Bücherbestände sind digital katalogisiert, ausgeliehen wird über das Einscannen von Barcodes, Mahnungen erstellt der Computer automatisch. Doch das reicht längst nicht mehr aus, um die Bedürfnisse der Nutzer zu befriedigen. Wollen öffentliche Bibliotheken nicht ihre Relevanz verlieren, müssen sie sich neuen Medien öffnen. „Der Auftrag der Bibliothek hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert: Wir versammeln, verwalten und verbreiten Wissen“, sagt Claudia Lux, Vorstandsmitglied des Internationalen Bibliotheksverbandes. „Aber – und das ist der Knackpunkt – die Darreichungsform verändert sich. Und diesen Wandel müssen Bibliotheken aktiv mitgehen.“ Sie müssten nur den Mut haben die Möglichkeiten der Digitalisierung für sich zu nutzen. Und sollten dazu die nötige Unterstützung von Kommune und Land erhalten.

„Digitale Medien waren für uns lange Zeit schwer zugänglich“, erzählt Ingo Tschepe, Leiter der Stadtbücherei Norderstedt. „Wir konnten den Markt nicht bedienen und die Menschen haben begonnen die Bibliothek durch den häuslichen Internetzugang zu ersetzen.“ Die Anschaffung digitaler Medien, stellt viele Bibliotheken vor Probleme. Umfang und Konditionen der Verträge über digitale Datenbanken und eBook-Angebote sind oft schwer zu überblicken. „Teils versuchen Verlage sogar den Bibliotheken Digitalpakete zu verkauft, bei denen die Hälfte der Titel frei im Internet verfügbar sind“; sagt Lux. „Bibliothekare bräuchten deshalb regelmäßige Fortbildungen. Doch das ist schwer zu leisten, wenn die Bibliothek kaum genug Geld für die Medien hat.“ Daher schlägt Lux vor, die Bundesländer sollten Verträge über digitale Medien für ihre Bibliotheken aushandeln. Sie könnten Lizenzen kaufen, die dann von allen öffentlichen Bibliotheken des Landes genutzt werden können. In Norderstedt hat Tschepe sich in die Thematik reingearbeitet, als er das Wegbleiben der Nutzer bemerkte. Die Stadtbücherei hat viele PC-Arbeitsplätze eingerichtet, verfügt mittlerweile über ein großes Repertoire an digitalen Medien und hat sich auch räumlich und personell dem neuen Markt angepasst. Dazu gehört auch, dass eine der Stadtteilbibliotheken das Open Library-Prinzip aus Dänemark testet. Über RFID-Chips ist es möglich, den Nutzern auch außerhalb der Service-Zeiten Zugang zur Bibliothek zu gewähren. „Das Angebot wird rege genutzt“, freut sich Tschepe. „Etwa 15 Prozent der Ausleihen geschehen mittlerweile außerhalb unserer Service-Zeiten.“ Deshalb ist auch geplant eine weitere Stadtteilbücherei zur Open Library zu machen.

Digitalisierung der Bibliothek - lange nicht in jeder Kommune

Guckt man sich die öffentliche Bibliothekslandschaft in Deutschland an, erkennt man jedoch große Unterschiede bei der Modernisierung. Einige Bibliotheken bieten von eBooks über digitale Musik und Streaming-Angebote alles bis hin zu Virtual Reality-Brillen und Robotern. Auf der anderen Seite zeigt die Deutsche Bibliotheksstatistik, dass im Jahr 2017 erst 80 Prozent der öffentlichen Bibliotheken in Städten mit über 50.000 Einwohnern ihren Nutzern WLAN-Arbeitsplätze boten. Bei kleineren Kommunen ist die Quote noch geringer. „Digitale Bildung ist im 21. Jahrhundert unverzichtbar“, sagt Hannelore Vogt, Direktorin der Stadtbibliothek Köln. „Sie ist ein Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe, den die Bibliotheken jedem zur Verfügung stellen sollten. Wir müssen hier für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen.“ Die Stadtbibliothek Köln ist eine der modernsten Bibliotheken Deutschlands. Sie bietet Nutzern die Möglichkeit Roboter selbst zu programmieren, eine Lizenz zum 3D-drucken zu erwerben, per Virtual Reality-Brille etwa durch das Senckenberg Museum zu schlendern und die Zentral- und eine der Staddtteilbibliotheken sind Open Librarys. Es gibt verschiedenste Veranstaltungen rund um die digitalen Angebote bis hin zu einem Festival. Doch auch die Stadtbibliothek hat einmal klein angefangen: „Wir haben ein so großes Angebot, dass sich viele Bibliothekare erschlagen fühlen und fragen, wie sie das nachmachen sollen. Aber das was sie hier sehen, ist das Resultat eines langen Prozesses. Wir haben mit kleinen Projekten angefangen und uns immer weiter durchgearbeitet.“

Beim MINT-Festival der Bibliothek Köln, ist Roboter Pepper eine wichtige Attraktion.
Beim MINT-Festival der Stadtbibliothek Köln, ist Roboter Pepper eine wichtige Attraktion.

Als Hannelore Vogt vor zehn Jahren Direktorin wurde, hat die Bibliothek zunächst ein Strategiekonzept zur Weiterentwicklung erarbeitet. Die Technische Hochschule Köln hat eine Umfeldanalyse durchgeführt, man hat Entwicklungspläne mit der Stadt durchgesprochen und die Nutzer nach ihren Wünschen befragt. Durch die Umsetzung der daraus entstandenen Strategie, haben sich die Nutzer- und Ausleihzahlen verbessert und auch bibliotheksferne Gruppen wie Jugendliche konnten erreicht werden. „Wir halten die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen ständig im Auge, damit unser Angebot immer aktuell und relevant bleibt“, sagt Vogt. Damit alle öffentlichen Bibliotheken digitale Angebote bieten können, müssen neue Strukturen geschaffen werden, sind sich die Experten einig. Es braucht mehr Förderprogramme für die Weiterbildung von Bibliothekaren und die Modernisierung von Räumlichkeiten und Medien. Die Kommunen müssen die Bibliotheken stärker bei der Digitalisierung einbeziehen. Und die Länder müssen dort unterstützen, wo die Kapazitäten der Bibliotheken und Kommunen enden.

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