Bürgermeister Jürgen Bohl
Lassiwe
Jürgen Bohl hat den Posten des Bürgermeisters übernommen, nachdem sich niemand zur Wahl gestellt hatte.

Bürgermeister wider Willen?

Jürgen Bohl ist als Gemeinderat angetreten und als Ortsbürgermeister aufgewacht. Seit Anfang Juli ist er – ohne Wahl durch die Bürger – Bürgermeister der kleinsten Gemeinde im Landkreis Kaiserslautern.

Eigentlich wollte Jürgen Bohl gar nicht Bürgermeister werden. Der Landwirt aus Gerhardsbrunn bei Landstuhl in Rheinland-Pfalz trat auch gar nicht an, als am 26. Mai 2019 die Kommunalwahlen stattfanden. Bohl kandidierte für den Gemeinderat der kleinsten Gemeinde im Landkreis Kaiserslautern. Das Gremium wurde per Mehrheitswahl gewählt, Bohl wurde Gemeinderatsmitglied. 

 

Kommunalwahl: Niemand wollte das Amt des Bürgermeisters übernehmen

 

Doch bei der Kommunalwahl fand sich niemand, der für das Amt des Bürgermeisters bereit war. Bohl wurde vom Gemeinderat gewählt – und für das kleine, beschauliche 170-Einwohner-Dorf endete eine dreijährige Zeit ohne Bürgermeister. „Ich habe die ersten Nächte schon schlecht geschlafen“, sagt Bohl, als ihn KOMMUNAL auf seinem Hof besucht. Seit 2004 engagiert sich der Landwirt schon in dem sechsköpfigen Gemeinderat, übernimmt Verantwortung für die Kommune. „Aber Bürgermeister ist schon noch etwas Anderes.“ Der vorherige Bürgermeister war Jurist, arbeitete in einer Kreisverwaltung. „In diese großen Fußstapfen wollte natürlich niemand so richtig einsteigen“, sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bruchmühlbach-Miesau, Erik Emich, der in den letzten Jahren die Amtsgeschäfte für Gerhardsbrunn geführt hatte. „Das war natürlich ein Grund“, sagt Bohl. Doch wenn er es nun nicht gemacht hätte? Im Ort fürchtete man um die Selbständigkeit der Kommune, schließlich hätte es nicht unbedingt von großem Interesse gezeugt, wenn das Dorf weiter ohne Bürgermeister geblieben wäre. Und erst vor kurzem gab es in Rheinland-Pfalz ein Gutachten zur Kreisreform, das den Bestand von kleinen und kleinsten Ortsgemeinden durchaus in Frage gestellt hatte. 

 

Erst mal muss er alles kennenlernen

 

Nun jedenfalls muss sich Bohl erst einmal in alles einarbeiten. „Die Rechnungen abzeichnen, die Abläufe in der Verwaltung kennenlernen“, sagt der Landwirt. „Es kommt schon einiges an E-Mails, was ich vorher so nicht gekannt habe.“ Immerhin ist Gerhardsbrunn ein guter Ort zum Lernen: Der Friedhof und das Dorfgemeinschaftshaus in der ehemaligen Schule sind die wichtigsten Einrichtungen des Ortes, die von der Kommune verwaltet werden. „Wir haben jetzt keinen Kindergarten, keine Schule, das ist alles überschaubar“, sagt Bohl, der im Gespräch immer wieder in den heimatlichen, gemütlich klingenden Pfälzer Dialekt wechselt. „Es schtehn a paar Reparature an, die da jetz komme.“ Zum Beispiel die Friedhofsmauern. „Das ist in der Vergangenheit so gewesen, und ich denke, das werden wir in Zukunft auch beibehalten, dass da ziemlich viel in Eigenleistung gemacht wird.“ In einem Ort, der so stark landwirtschaftlich geprägt ist, wie Gerhardsbrunn, sind die nötigen Maschinen ja vorhanden.  

 

Hier hilft man sich gegenseitig

 

Und man hilft sich gegenseitig: Eine Mitfahrbank steht mitten im Dorf, für Menschen, die in die nächste größere Ortschaft mitgenommen werden wollen.

Die Mitfahrbank
Die Mitfahrbank soll die Mobilität im Ort stärken

 

Denn ansonsten verkehrt in Gerhardsbrunn nur das Anruf-Sammeltaxi. Auch die Sitzungen des Gemeinderats sind von einem guten Umgang miteinander geprägt. „Vieles haben wir in der Vergangenheit einstimmig entschieden“, sagt Bohl über das Verhältnis der sechs Gemeinderäte untereinander. „Man kennt sich, man kommt miteinander aus.“ Parteien gibt es in Gerhardsbrunn ohnehin nicht, alle Ratsmitglieder sind als parteilose Bewerber angetreten. Und auch ein eigenes Dienstzimmer hat Bohl nicht. In den letzten Wochen waren es zwei, drei Stunden pro Woche, die das Bürgermeisteramt in Anspruch nahm. Als Landwirt hat der Ortsbürgermeister von Gerhardsbrunn dagegen deutlich mehr zu tun: Sein Betrieb ist auf Milchvieh spezialisiert, 150 Kühe stehen in einer modernen Stallanlage 400 Meter außerhalb von Gerhardsbrunn. „Ich bin 90 Prozent der Zeit im Ort auffindbar“, sagt Bohl. „Dadurch bin ich für jeden immer gut zu erreichen.“ 

Bürgermeister spricht über Windkraft

 

Ein größeres Thema für den Ort sei in den letzten Jahren die Windkraft gewesen. Auf der Gemarkung Gerhardsbrunn nämlich wurde vor einiger Zeit das erste Windrad errichte. Lange habe man darüber im Gemeinderat diskutiert, sagt Bohl. „Das war natürlich ein größeres Thema.“ Doch letztlich bringe das Windrad Gewerbesteuereinnahmen ins Gemeindesäckel. Eine weitere Windmühle steht zwar auf dem Gelände der Nachbargemeinde, aber auch für die Anfahrtswege zu diesem Windrad gab es eine Vergütung vom Betreiber. Dazu steht Gerhardsbrunn kurz vor der Glasfaseranbindung. „Bis zum Ortsrand liegt das Glasfaser schon.“ Und dann ist da noch die Dorfstraße. Ziemlich hinüber ist eine Zustandsbeschreibung, die eher noch untertrieben ist. „Die ist in einem sehr schlechten Zustand“, sagt Bohl. „Die Sanierung zu realisieren, wird eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre.“ 

 

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