Praxisbeispiel Braunschweig
Digitale Jugendbeteiligung - wie junge Menschen Kommunen mitgestalten
Digitale Teilhabe durch digitale Kanäle
Der Wunsch nach digitaler Teilhabe kam dort von den Jugendlichen selbst, berichtet Rebecca Schlißke, Referentin für digitale Beteiligung beim Jugendbüro in Braunschweig. Das gibt es seit November letzten Jahres: „Bevor das Jugendbüro eröffnet wurde, gab es verschiedene Workshops mit den jungen Menschen, aber auch mit Politik und Verwaltung“, erzählt sie. Es war ein Prozess, in dem die Beteiligten geklärt haben, was das Jugendbüro werden soll. Ein Wunsch: sich über digitale Kanäle aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubringen.
Dass Braunschweig eine halbe Stelle allein für die digitale Jugendbeteiligung geschaffen hat, ist ebenfalls das Ergebnis dieses Prozesses – und ein Novum. Die Sozialarbeiterin macht gerade eine Weiterbildung in der Moderation von Kinder- und Jugendbeteiligungsprozessen mit digitalem Schwerpunkt. Eine Stelle, die sich allein auf die digitale Beteiligung konzentriert, habe niemand der anderen 20 Teilnehmenden inne.
Was heißt digitale Jugendbeteiligung?
Zur digitalen Jugendbeteiligung zählen verschiedene Formen, die die klassische Jugendbeteiligung, wie parlamentarisch-repräsentative, offene und projektbezogene Beteiligung mit digitalen Methoden ergänzt oder ersetzt. Das kann eine Umfrage über einen Social-Media-Kanal sein, ein Handy-Wettbewerb zur Neugestaltung eines öffentlichen Platzes oder eine Online-Plattform, um Themen für das Jugendparlament einzureichen.
Insbesondere seit der Covid-19-Pandemie haben digitale Jugendbeteiligungsangebote in Kombination mit analogen Angeboten zugenommen, wie die Studie „Kommunale Kinder- und Jugendbeteiligung in Baden-Württemberg 2023“ herausfand. Die Vorteile liegen auf der Hand: Digital sind junge Menschen unabhängig von Zeit und Ort erreichbar. Informationen sind rund um die Uhr zugänglich. Projekte und gemeinsam Entscheidungen über digitale Plattformen voranzutreiben, ist im besten Falle barrierefrei möglich.
Die Rolle der sozialen Medien
Neben Online-Wahlen von Jugendgremien, Online-Umfragen oder Jugendbeteiligungs-Apps, spielen soziale Medien eine wichtige Rolle. So auch in Braunschweig: „Ein großer Wunsch war vor allem Social Media Präsenz und die Anwendung verschiedener digitaler Tools“, berichtet Schlißke. Einen Instagram-Kanal des Jugendbüros gibt es bereits. Der zählt aktuell etwas über 300 Follower. „Seit November letzten Jahres bekommen wir über Social Media vereinzelt Reaktionen und es etabliert sich langsam, dass dort auch Fragen gestellt werden, beispielsweise zu Veranstaltungen“, so die Sozialarbeiterin. Da das Jugendbüro neu ist, müssen die jungen Menschen den Raum und auch den digitalen Raum noch kennenlernen. Bisher sei die Interaktion noch nicht so groß, aber eine positive Entwicklung erkennbar.
Ein weiteres Tool, das Kinder- und Jugendliche in Braunschweig nutzen, um sich aktiv einzubringen, ist die App PLACEm, etwa, bevor ein Spiel- oder Jugendplatz gebaut wird. Über die App bringen sie ihre Wünsche und Ideen ein oder laden Skizzen hoch. Geplant sei außerdem eine digitale Stadtkarte, auf der Orte für Jugendbeteiligung zu finden sind. Außerdem sollen weitere Social Media Plattformen dazukommen.
Voraussetzungen für digitale Jugendbeteiligung
Doch was ist nötig, um digitale Jugendbeteiligung in Kommunen umzusetzen? Neben qualifizierten Fachkräften, einer finanziellen und technischen Ausstattung, müssen auch Themen wie Datenschutz geklärt werden. Für Online-Konferenzen oder -Abstimmungen sind ein sicheres Internet und eine datenschutzkonforme technische Infrastruktur notwendig. Auch wenn die Nutzung von Social Media Plattformen kostenlos ist, sind verschiedene Grafik- und Bildbearbeitungs-Tools notwendig, um gute Inhalte zu erstellen. Eine Grundvoraussetzung sei jedoch der Austausch mit den jungen Menschen, so Schlißke. Was wünschen sie sich? Wie stellen sie sich digitale Teilhabe in ihrer Kommune vor?
Herausforderungen auf dem Land
Damit auch kleine Kommunen möglichst viele junge Menschen erreichen, ist die Verknüpfung analoger und digitaler Formate eine Chance. Speziell die Herausforderungen im ländlichen Raum und in Kleinstädten ließen sich damit gezielt aufgreifen und ausgleichen, schreibt die Erziehungswissenschaftlerin Vanessa Blödorn in „Digitale Teilhabe junger Menschen in der Kommune“ in dem Online-Dossier Teilhaben! Kinderrechtliche Potenziale der Digitalisierung, herausgegeben vom Deutschen Kinderhilfswerk. Auf dem Land sei zwar kein signifikanter Unterschied in der Internetnutzung festzustellen, allerdings eine leicht schlechtere persönliche technische Infrastruktur. Wichtig sei hier, beispielsweise Vereine oder Jugendhäuser mit der erforderlichen Technik auszustatten, um sie Kindern und Jugendlichen für eine digitale und analoge Vernetzung zugänglich zu machen.
Ein digitales Angebot ist niedrigschwelliger, als beispielsweise zu Präsenzveranstaltungen zu gehen. Darin sieht auch Schlißke den größten Mehrwert digitaler Jugendbeteiligung. Es sei viel einfacher mit der Stadt oder der Verwaltung digital in Kontakt zu kommen. „Generell kann über Angebote der digitalen Jugendbeteiligung eine größere Masse erreicht werden“, betont die Sozialarbeiterin. „Wenn sich unser Instagram-Kanal etabliert hat, können wir Umfragen direkt über die Plattform machen. Das liefert unmittelbare Ergebnisse.“ Natürlich spiele auch die Barrierefreiheit eine Rolle: Junge Menschen mit Behinderung können möglicherweise digital leichter an Diskussionen oder Abstimmungen teilnehmen. „Mit digitalen Angeboten kann man junge Menschen einfacher erreichen – unabhängig von Bildung oder der wirtschaftlichen Situation“, betont sie. Denn online seien ja eigentlich fast alle jungen Menschen.
Tipps, um digitale Teilhabe junger Menschen zu fördern:
- Binden Sie Kinder und Jugendliche in Digitalisierungsprozesse Ihrer Kommune ein. Indem sie zukünftige Beteiligungsformate mitbestimmen, erfahren sie Selbstwirksamkeit und verankern digitale Jugendbeteiligung in der kommunalen Arbeit.
- Qualifizieren und sensibilisieren Sie Akteure der Jugendarbeit durch Weiterbildungen in digitaler Teilhabe für Kinder und Jugendliche. Schaffen Sie (digitale) Räume, wo diese stattfinden kann.
- Greifen Sie kommunale Themen kinder- und jugendgerecht in digitalen Medien auf. Erste Berührungspunkte können über analoge Veranstaltungen geschaffen werden, etwa über QR-Codes, die auf kommunale Social-Media-Kanäle verweisen.


