Die Energiewende wird in den Kommunen gemacht
Die Energiewende wird in den Kommunen gemacht

Kommunen als Vorreiter

Wie die Energiewende gelingen kann

Die Stromversorgung über Erneuerbare Energien funktioniert dezentral. Daher kommt den Kommunen eine wichtige Rolle zu. Viele von ihnen gehen bereits als Vorreiter voran.

Nicht erst seit den Fridays for Future-Demos, der Extinction Rebellion und den großflächigen Bränden in Australien warnen Forscher vor den Auswirkungen unseres wenig nachhaltigen Energieverbrauchs auf die Umwelt und der Endlichkeit fossiler Energieträger. Das Problem der globalen Erderwärmung ist seit den 1980er Jahren regelmäßiges Thema in umweltpolitischen Debatten. Zu dieser Zeit begann auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Trotzdem kommt die Energiewende langsam. Während sich die Bundesebene in Deutschland mit einer progressiven Gesetzgebung und Fördermaßnahmen schwertut, gibt es unter den Kommunen schon einige Vorreiter, die Nachhaltigkeit in Energiegewinnung und -versorgung konsequent umsetzen. Die Wende hin zu Erneuerbaren Energien lässt eine dezentrale Versorgung zu, bei der die Städte und Gemeinden zu wichtigen Akteuren werden. 

Was ist die Energiewende?

Die Energiewende gilt als zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Sie bezeichnet den Übergang von der nicht-nachhaltigen Nutzung fossiler Rohstoffe und Kernkraft hin zur Energiegewinnung aus Erneuerbaren Energien. Für Deutschland stellen Windkraft, Solarthermie und Photovoltaik die wichtigsten Erneuerbaren Energien dar. Bioenergie, Wasserkraft, Erdwärme und Meeresenergie spielen hierzulande eine untergeordnete Rolle. Die wichtigsten Energiesektoren sind Strom, Wärme und Mobilität. Aufgrund der Erderwärmung steht in allen drei Sektoren die Einsparung von Kohlenstoffdioxid im Zentrum der Energiewende. Es hat mit 85 Prozent den größten Anteil an den Treibhausgasemissionen Deutschlands. Doch auch die Endlichkeit fossiler Energieträger und die Gefahren der Kernenergie sind Motivatoren der Wende. Zur Energiewende gehört jedoch nicht nur der Umstieg auf Erneuerbare Energien. Auch die Steigerung der Energieeffizienz und die Minderung des Energieverbrauchs sind wichtige Faktoren. 

Vor- und Nachteile der Energiewende

Zunächst einmal bedeutet der Umstieg auf Erneuerbare Energie ein politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Umdenken. Die Kosten der Energiewende und der drohende Verlust von Arbeitsplätzen - etwa in Kohlekraftwerken – werden häufig als Schattenseiten der Energiewende ins Feld geführt. Sorgen machen sich viele Spezialisten zudem über die Versorgungssicherheit. Wind und Sonne sind keine konstanten Stromlieferanten. Aus Erneuerbaren Energien gewonnenen Strom zu speichern ist teuer und derzeit mit hohen Energieverlusten verbunden. Der Aufbau geeigneter Stromspeicher steht erst an seinem Beginn. Demgegenüber steht nicht nur der Umweltschutz, den der Umstieg auf Erneuerbare Energien bedeutet, sondern auch eine größere Unabhängigkeit von Ölimporten. Kommunen können durch den Einsatz Erneuerbarer Energien autark werden. Die dezentrale Energieversorgung gibt den Kommunen mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Sorgt jedoch auch für neue Herausforderungen. Sie müssen etwa um die Akzeptanz von Windparks bei den Bürgern kämpfen und sich mit der Finanzierung der Anlagen auseinandersetzen. 

Energiewende: Welche Ziele wurden erreicht?

33 Prozent des Bedarfs im Stromsektor wurden 2018 bereits über die Erneuerbaren Energien gedeckt. (Echtzeitdaten zu Stromerzeugung und -verbrauch liefert das Agorameter von Agora Energiewende.) Insgesamt lag der Anteil der Erneuerbaren am Energieverbrauch allerdings nur bei knapp zehn Prozent. Das liegt daran, dass der Stromsektor in Deutschland nur 20 Prozent des Energiebedarfs ausmacht. Daher muss besonders im Wärme- und Mobilitätssektor der Anteil der Erneuerbaren Energie steigen, wenn der Anteil fossiler Energieträger gesenkt werden soll. Ein wichtiges Ziel der Energiewende ist die Klimaneutralität. Während Wissenschaftler davon ausgehen, dass es technologisch möglich ist, die ganze Welt bis zum Jahr 2030 klimaneutral mit Strom, Wärme und Mobilität zu versorgen, stehen wirtschaftliche und gesellschaftliche Hindernisse diesem zeitlichen Ziel entgegen. Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 wird hingegen von allen wichtigen Akteuren für möglich gehalten. Die dena-Leitstudie "Integrierte Energiewende" spielt beide Szenarien für Deutschland durch. Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt bis 2030 65 Prozent des Strombedarfs über Erneuerbare Energien zu decken.

Energiewende im Stromsektor

Die Stromversorgung über Onshore- und Offshore-Windparks und Photovoltaikanlagen ist in den letzten Jahrzehnten sukzessive ausgebaut worden. Doch gerade der Ausbau der Windenergie an Land hat in den letzten Jahren einen Rückgang erlebt. Experten erklären den Rückgang über die vielen Bürgerproteste gegen Windparks, aber auch politische Hemmnisse, wie die zu geringen Flächenbereitstellung und strenge Regelungen bezüglich Windkraft und Flugsicherung, sowie Windkraft und Denkmal- und Artenschutz. Diese Regelungen können auf kommunaler Ebene nicht geändert werden. Den Städten und Gemeinden kommt jedoch eine Schlüsselfunktion zu, wenn es darum geht die Akzeptanz der Bürger zu steigern. Indem Kommunen möglichst früh die Öffentlichkeit an den Prozessen beteiligen und mit den Flächenbesitzern Eigentümergemeinschaften zu bilden, die an Entscheidung und Profit beteiligt wird, nehmen sie ihre Bürger mit. In Brandenburg sorgt derzeit der Windkraft-Euro für viel Diskussion. Ein Windbürgergeld soll die Einwohner von Windparks in ihrer Umgebung überzeugen. Das Brandenburger Wirtschaftsministerium steht den Plänen jedoch skeptisch gegenüber. Besonders der Verwaltungsaufwand sei dabei zu bedenken. Das Ministerium favorisiert die Lösung, Kommunen an den Profiten der Windparks zu beteiligen. Begünstigt werden sollen Städte und Gemeinde, die in einem Drei-Kilometer-Umkreis von Windkraftanlagen liegen. Sie sollen jährlich 10.000 Euro vom Betreiberunternehmen erhalten. Auch auf Bundesebene werden verschiedene Anreizsysteme diskutiert, die entweder die Kommunen oder die Bürger direkt finanziell beteiligen könnten. In der Photovoltaik hat Deutschland 2019 seine selbstdefinierten Ziele erreicht. Das liegt jedoch laut Fraunhofer Institut daran, dass die Ziele zu niedrig gesteckt sind. Um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen, müsse ein massiver Ausbau der Photovoltaikanlagen eingeleitet werden. Photovoltaikanlagen deckte 2019 8,2 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland. Die Erneuerbaren Energien insgesamt deckten 43 Prozent des Verbrauchs. 

Energiewende im Wärmesektor

Ein Drittel aller energiebedingten Klimagasemissionen verursacht in Deutschland die Wärmeerzeugung. Trotzdem ist es der Sektor, der bei der Energiewende bisher am wenigsten Aufmerksamkeit erhält. In den Städten und Gemeinden haben die Verantwortlichen die Dringlichkeit einer Wärmewende jedoch erkannt. Die deutschen Stadtwerke investieren hier bereits in den Ausbau alternativer Energiequellen. Bei der Energiewende im Wärmesektor sind sie weit fortgeschritten. Das belegt eine Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) aus dem Jahr 2018. 19 Prozent ihrer Projekte im Wärmesektor bezogen sich zu diesem Zeitpunkt auf Erneuerbare Energien. 80 Prozent auf Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung. In KWK-Anlagen wird die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme für das Heizen von Gebäuden oder industrielle Prozesse genutzt. Der Anteil der Erneuerbaren Energien im Erzeugungsmix der Stadtwerke ist laut VKU von 17,5 Prozent 2016 auf 21,3 Prozent 2017 gestiegen. Viele Stadtwerke haben ihr eigenes Wärmenetz. In dieses Netz können sie Wärme aus unterschiedlichen Quellen selbst einspeisen – Solar- und Geothermie, Biomasse oder auch Abwärme aus Industrieanlagen. Diesen Mix können sie direkt an die Endkunden weiterleiten. Auch das macht die Kommunen energieautarker.

Energiewende im Mobilitätssektor

Auch hier kommt den Kommunen eine wichtige Rolle zu. Die Ziele der Verkehrswende liegen zum einen im Umstieg auf Fahrzeuge mit nachhaltigen Antriebsarten und zum anderen in der Einschränkung des Individualverkehrs. Hier gibt es für die Kommunen viele Stellschrauben. Um die Nutzung von Fahrzeugen zu fördern, die nachhaltige Energieträger verwenden, können sie die Ladeinfrastruktur für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben verbessern, Carsharing mit umweltfreundlicheren Fahrzeugen anbieten und Parkplätze für Elektro- oder Wasserstoffbrennzellenfahrzeuge ausweisen. Auch der Fuhrpark der Kommunen hat Potential. Mit Abfallsammelfahrzeugen, Räumfahrzeugen und Bussen, betreiben Städte und Gemeinden viele große Fahrzeuge, die viel Energie benötigen. Diese auf Wasserstoff oder Strom umzustellen, ist ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende. Zudem können die Kommunen ihren Bürgern Anreize schaffen auf den Individualverkehr zu verzichten oder ihn einzuschränken. Sie können etwa den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen, indem sie ihn günstiger anbieten, die Verbindungen ausweiten oder engere Taktungen anbieten. Auch Apps, die alle verfügbaren Verkehrsmittel (ÖPNV, Fahrrad, Pkw u.a.) sinnvoll kombinieren, können die Bürger dazu motivieren, das Auto häufiger stehen zu lassen. Und die Priorisierung des Radverkehrs kann ebenfalls die Verkehrswende befördern – etwa eine fahrradoptimierte Ampelschaltung oder mehr und sicherere Fahrradwege. 

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