Flüchtlingsklassen stellen Schulen vor Chancen und Herausforderungen. ©Wavebreak Media Ltd/123rf

Flüchtlingsklassen machen Schule

Ob in Berufsschule, Grundschule oder weiterführenden Schulen - neue Klassen für Flüchtlinge müssen allerorts eingerichtet werden. Wie Schulen sich selbst organisieren, um die Aufgabe zu stemmen zeigt KOMMUNAL in einem Beispiel aus Passau.

In der Deutschstunde der Sprachintensivierungsklasse an der Staatlichen Berufsschule 2 in Passau sind gerade die Adjektive an der Reihe. „Die Frau ist klein“, „Die Jacke ist grün“ sprechen die Schüler nach. Noch hapert es bei den Umlauten. Und doch ist es ein kleines Wunder, was hier geschieht. Wenige Monate erst gehen die Jugendlichen zur Schule. Sie kommen aus Afghanistan, dem Senegal oder aus Syrien. Die wenigsten konnten zuvor Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache und nun üben sie bereits ganze deutsche Sätze.

Robert Lindner, Schulleiter in Passau, musste seine Flüchtlingsklassen selbst organisieren. ©Staatliche Berufsschule 2 Passau

Die Sprachintensivierungsklasse ist eine von insgesamt fünf Flüchtlingsklassen an der Passauer Berufsschule, die im Laufe des vergangenen Schuljahrs 2015/16 eingerichtet wurden. Als Schulleiter Robert Lindner im Juli 2015 erfuhr, dass seiner Schule Großes bevorsteht, nahten bereits die Sommerferien. Da kam ein Anruf von der Regierung von Niederbayern mit der Bitte um Einrichtung einer Flüchtlingsklasse. Eine Woche später war bereits von zwei Klassen die Rede und Lindners Ferien standen fortan unter neuen Vorzeichen.

Flüchtlingsklassen sind dringend gebraucht

Was an Deutschlands Schulen seit geraumer Zeit passiert, ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge waren 31,1 Prozent aller Asylbewerber im Jahr 2015 jünger als 18 Jahre. Seit mittlerweile zwei Jahren schießen daher die Flüchtlingsklassen wie Pilze aus dem Boden und stellen das deutsche Schulsystem aber auch die Kommunen vor Ort vor große Herausforderungen. Von Bundesland zu Bundesland, selbst von Schule zu Schule bietet sich ein unterschiedliches Bild und werden die Flüchtlingsklassen anders organisiert. Mal heißen sie Übergangs-, mal Auffang- mal Vorbereitungsklassen. Je nach Träger unterscheidet sich die Anstellungsform der Lehrer und die Detailgestaltung. Was alle eint, sind die gewaltigen Anforderungen, die mit der Etablierung der Flüchtlingsklassen an Regelschulen verbunden sind und die allerorten ein enormes Engagement der Lehrer und nicht zuletzt eine ordentliche Portion Optimismus erfordern. Gleichzeitig gibt es kaum einen Ort, an dem man die jungen Menschen besser erreichen kann. Das sieht auch Heinz Grunwald so, der als Regierungspräsident in Niederbayern die Unterbringung von Asylbewerbern verantwortet. „Bildung ist ein entscheidender Schlüssel zur Integration und die Schulen sind daher ganz zentral. Hier haben wir die Chance, Kinder in einer wichtigen Lebensphase zu prägen.“ Konkret geschieht dies an Grund- und Mittelschulen ebenso wie an den Berufsschulen, wobei der Anteil von 39.222 Schülern an Berufsschulen im Vergleich zu 22.740 an Grund- und Mittelschulen in Niederbayern fast doppelt so hoch ist.

Die Staatliche Berufsschule 2 hat mittlerweile fünf Flüchtlingsklassen. ©Dorothea Walchshäusl

An der Staatlichen Berufsschule 2 in Passau hat sich innerhalb von nur einem Schuljahr viel verändert: Im September 2015 wurde mit zwei Flüchtlingsklassen mit 19 und 17 Schülern gestartet, im Februar kam eine dritte mit 18 Schülern hinzu, außerdem im April die zwei Sprachintensivierungsklassen. Um das zu stemmen, wurden etliche neue Lehrkräfte eingestellt, darunter fünf Deutschlehrer und ein Sozialpädagoge über den Berufsschulverband, außerdem zwei Lehrkräfte in Teilzeit über die Regierung. Die restlichen Stunden werden vom Stammpersonal mitgetragen. Mit dem Berufsschulverband in Passau war als Sachaufwandsträger von Beginn an ein kommunaler Zweckverband involviert, der umlagenfinanziert vom Landkreis und der Stadt Passau getragen wird. Er übernimmt die Gebäudeunterhaltskosten, hat die Fördergelder beim Freistaat Bayern beantragt und war für die Suche nach Kooperationspartnern zuständig. Ein enormer Verwaltungsaufwand, wie Mitarbeiterin Andrea Schmid berichtet, dem ein pädagogischer Kraftakt folgte. So gab es zu Beginn kaum Material, auf das die Lehrkräfte zurückgreifen konnten - zu frisch war noch die politische Situation, zu unübersichtlich die Lage. „Wir mussten anfangs im luftleeren Raum agieren. Das war wirklich eine Trial-and-Error-Situation. Die Lehrer sind reingegangen in die Klassenräume und haben geschaut, was passiert“, so Schulleiter Robert Lindner. An Abenden und an Wochenenden haben sich die Lehrer dann im Team getroffen, Unterrichtskonzepte entwickelt und Altersgrenzen, Regularien und Ziele definiert.

Das Konzept der Staatlichen Berufsschule 2

Das Konzept: Für insgesamt zwei Jahre sollen Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren speziell geschult und vorbereitet werden. Das erste Jahr davon in einer Vorklasse, in der die Schüler 20 Stunden Deutschunterricht durch den Kooperationspartner, die Eyq-Now gGmbH, bekommen und außerdem 17 Stunden Unterricht in verschiedenen Fachbereichen wie Datenverarbeitung, Landeskunde oder Sport. Das zweite Jahr sollen sie dann bereits eine Praktikumsklasse besuchen, wobei drei Tage an der Schule und zwei Tage im Praktikum verbracht werden. Im Idealfall sollten die Schüler danach in der Lage sein, sich auf dem Ausbildungsmarkt zu bewerben und das reguläre Berufsschulangebot zu nutzen. Für die Pädagogen gehen damit enorme Anforderungen einher. Wer als Lehrer in einer Flüchtlingsklasse arbeitet, ist nie nur Lehrer. Er wird nach Handyverträgen, Wohnungsangeboten und Praktikumsplätzen gefragt; ist Erzieher und Psychologe, Lebensberater und Manager, Vertrauensperson und Elternersatz. „Man muss die Schüler mögen“, sagt Ulrich Bauer, der die Sprachintensivierungsklasse unterrichtet, und es sei für ihn selbstverständlich, dass er auch nach der Schule immer ein offenes Ohr für seine Schützlinge habe. Besonders schwierig ist die extreme Heterogenität innerhalb der Schülerschaft. Da sitzt der Analphabet neben dem Hochbegabten und der leistungsschwache Dauerschwänzer neben dem hochmotivierten Überflieger. Um diesem Problem Herr zu werden, haben die Lehrer an der Berufsschule 2 in Passau Einstufungstests erarbeitet, mit denen sie versuchen, zu Beginn stärkere und schwächere Klassen zusammen zu stellen. Für Schüler, die – wenn überhaupt – nur eine lückenhafte Schulbildung mitbringen und oft nicht einmal das Alphabet beherrschen, wurden im Februar zwei spezielle Sprachintensivklassen mit jeweils 16 Schülern eingerichtet, die in enger Kooperation mit der Universität Passau und engagierten Sprachpaten erfolgreich angelaufen sind.

Daniela Moser ist Lehrerin in den Flüchtlingsklassen. ©Dorothea Walchshäusl

Die mangelnden Deutschkenntnisse waren zu Beginn bei allen ein großes Thema. „Da haben wir mit Hand, Fuß und Internet kommuniziert“, erzählt Daniela Moser, die in den Flüchtlingsklassen das Fach Landeskunde unterrichtet. Nach einem Schuljahr hat sich die Situation deutlich verbessert und die Lehrerin erlebt den Austausch über die verschiedenen Kulturen als sehr bereichernd. Allerdings werden auch kritische Themen sichtbar, die unterschiedliche Auffassung von Pünktlichkeit etwa, der Umgang mit Homosexualität oder die Rolle der Religion. „Glauben und Toleranz sind immer ein Thema und manchmal sehr schwierig“, so Moser. Derartige kulturelle Unterschiede bergen Konfliktpotential, zudem haben viele der Schüler traumatische Erfahrungen gemacht. Um auf die vielgestaltigen Herausforderungen weit über den Unterricht hinaus eingehen zu können, gibt es pro Klasse 10 bis 15 Stunden sozialpädagogische Betreuung pro Woche, die in Passau Matthias Heinze übernimmt. Er vermittelt bei Konflikten und besorgt im Krisenfall psychologische Hilfe. Er betreibt Netzwerkarbeit mit den Praktikumsstellen und hält Kontakt zu den Betreuungseinrichtungen. Seine wichtigste Aufgabe aber sieht er darin, „die Schüler an die Schule zu binden und ihnen zu zeigen, wie wichtig es für ihr weiteres Leben ist, zu lernen“.

Flüchtlingsklassen haben ihre eigenen Anforderungen

„Ohne Sozialpädagogen wären diese Klassen nicht durchführbar“, ist Andrea Schmid überzeugt und umso wichtiger ist die Personalakquise. Doch die Suche ist schwierig. „Es ist ein großes Problem, für diese Klassen geeignete und qualifizierte Fachkräfte zu finden, sowohl für die sozialpädagogische Betreuung als auch für den Deutschunterricht“, so Schmid. Noch gibt es zu wenig Lehrer, die auch eine Zusatzausbildung im Bereich „Deutsch als Fremdsprache“ haben. Erschwert wird die Suche dadurch, dass die Fördermittel zumeist zeitlich befristet sind, für jedes Schuljahr neu beantragt werden müssen und regelmäßig Ende Juli auslaufen. Die Folge: Die Lehrkräfte müssen sich für den August arbeitssuchend melden und bekommen insgesamt deutlich weniger Geld als in normalen Angestelltenverhältnissen. Ein Grund weniger, sich für diese besondere Aufgabe bereit zu erklären.

Selbst das Geld für Sportschuhe organisiert die Schule. ©Dorothea Walchshäusl

Neben der Gewinnung von ausreichend Fachpersonal stehen die kommunalen Einrichtungen und Schulen vor zahlreichen ganz praktischen Herausforderungen, im Kleinen ebenso wie im Großen. Da werden in Passau die Räume knapp und muss die Aula abgetrennt werden, um ein neues Klassenzimmer zu schaffen; oder es mühen sich Lehrer im Sponsoring, um den Schülern Turnschuhe für den Sportunterricht zu besorgen. Zudem mangelt es nach wie vor an genauen Vorgaben und Leitlinien für die Organisation der Flüchtlingsklassen, die eine deutschlandweite Vergleichbarkeit garantieren könnten. Außerdem ist die Fluktuation gerade in den Berufsschulklassen enorm hoch und kommt es regelmäßig vor, dass ein Schüler von heute auf morgen nicht mehr da ist, da er in eine andere Einrichtung gebracht wurde. Eine Vorausplanung ist vor diesem Hintergrund enorm schwierig, das Gleiche gilt für die Bedarfsplanung. „Es ist wahnsinnig schwer, eigentlich fast unmöglich zu planen“, sagt Heinz Grunwald, und aufgrund der unsicheren Prognosen werde auch die Schulverwaltung immer wieder überrascht. Und doch: Gerade angesichts aller Unwägbarkeiten ist es bemerkenswert, mit welchem Engagement und Improvisationstalent die neuen Anforderungen insbesondere in den Schulen vor Ort gemeistert wurden und werden. Es ist ein fordernder Weg, der hier gerade erst begonnen wurde und für sichere Prognosen ist es noch zu früh. Das stärkste Argument, um diesen weiter zu beschreiten, aber liefert Andrea Schmid: „Jeder einzelne Schüler, der es geschafft hat, ist die ganze Arbeit wert. Das ist das größte Erfolgserlebnis überhaupt und wir können da gar nicht genug investieren. Je mehr wir den Schülern jetzt beibringen können und mitgeben, desto weniger Probleme werden wir später haben.“

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