Flüchtende Menschen von hinten
Eine Herausforderung für die deutschen Kommunen - die Betreuung und Beherbergung ukrainischer Flüchtlinge
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Logistik in Flüchtlingskrise

Flüchtlinge - Stadt und Ehrenamtliche bis an die Grenzen gefordert

Tag für Tag kommen kommen zahlreiche ukrainische Flüchtlinge in den deutschen Kommunen an. Um diese Herausforderung zu meistern, arbeiten in der Stadt Celle städtische Mitarbeiter und Ehrenamtliche beispielhaft und mit großem Einsatz Hand in Hand. Dennoch bringt die Logistik so manche Verwaltung und die Ehrenamtlichen an die Grenzen.

Steigende Energiepreise, weniger Wachstum und mehr Inflation - die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf unser Land und jeden einzelnen Bürger sind vielfältig. Mit am konkretesten aber zeigen sich die Folgen auf kommunaler Ebene durch die ukrainischen Flüchtlinge, die von Tag zu Tag mehr werden und hier Schutz und Hilfe suchen.

Unterstützung durch Ehrenamtliche

Um den Strom der Menschen zu bewältigen, kommt gerade den Ehrenamtlichen eine entscheidende Rolle zu. Wie intensiv und fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Ehrenamtlichen gelingen kann, ist in Celle zu beobachten, wo seit Anbeginn des Krieges viele Ukrainer auf der Flucht ein neues Zuhause auf Zeit gefunden haben. „Wir können nur diejenigen zählen, die sich entweder beim Sozialamt und oder auch bei der Ausländerstelle melden“, sagt Jonas Westermann, der als Mitarbeiter in der Celler Zuwanderungsagentur arbeitet. Zudem seien viele aufgrund der fehlenden Meldepflicht auch ohne Registrierung bei Privatpersonen untergekommen. Doch auch wenn exakte Zahlen nicht möglich sind, seien allein in den letzten Wochen etliche Hundert Flüchtlinge nach Celle gekommen; meist sind sie über Polen eingereist.

Flüchtlingszahlen bringen Verwaltung an Grenzen

Für die Verwaltungsmitarbeiter in Celle ist das eine enorme Aufgabe: „Die größte Herausforderung ist die pure Menge an Menschen, die nun bei den Ämtern anfragt, die registriert werden muss und für die wir Unterbringungen finden müssen. Wir sind alle sehr engagiert, aber wir kommen logistisch hier immer wieder an die Grenzen“, so Westermann. Letztlich seien es schlicht „zu viele Menschen für zu wenig Sachbearbeiter“, wie Westermann sagt, wobei die Stadt Celle intensiv daran arbeite, hier aufzustocken.

Einsatzbereiche der Ehrenamtlichen

Umso wichtiger sind die Ehrenamtlichen, die in Celle „extrem engagiert und vielseitig“ helfen, wie der städtische Mitarbeiter sagt. „Die Ehrenamtlichen unterstützen uns enorm“, so Westermann. Dabei sind ihre Einsatzfelder ganz unterschiedlich. Mal begleiten sie die ukrainischen Flüchtlinge zum Sozialamt und helfen beim Ausfüllen von Formularen, mal helfen Sprachkundige bei Übersetzungen und geben Sprachunterricht in Deutsch, mal bieten sie Unterkünfte an, organisieren Kinderbetreuung oder kümmern sich um die Ausstattung leerstehender Wohnungen.

Enge Städtepartnerschaft zwischen Celle und Sumy

Die Stadt Celle verbindet mit der Ukraine bereits seit 1990 eine Städtepartnerschaft mit Sumy, einer Stadt im Nordosten der Ukraine, die bei den Bürgern in Celle durch verschiedene gemeinsame Aktivitäten sehr präsent ist. Umso mehr bemühen sich die Celler nun darum, den Bürgern ihrer Partnerstadt zu helfen. So ist aktuell ein Transporter mit Hilfsgütern nach Sumy unterwegs, außerdem wurde ein Spendenkonto eingerichtet.

Flüchtlingskrise und große Hilfsbereitschaft

„Die Flüchtlingskrise wird bei uns in Celle als gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen – da helfen alle zusammen“, so Westermann, „und wir sind als Team von der Stadt sehr dankbar, die Last nicht alleine tragen zu müssen“. Neben verschiedenen Privatinitiativen gibt es in Celle zahlreiche Einzelpersonen, die sich für die ukrainischen Flüchtlinge einsetzen und die dabei federführend von den Mitarbeitern der Zuwanderungsagentur koordiniert werden. „Die Ehrenamtlichen und die Mitarbeiter der Verwaltung arbeiten Hand in Hand“, sagt Westermann, da brauche es eine durchdachte Kommunikation und Organisation. Als Team von der Zuwanderungsagentur hätten sie einen guten Überblick, wo Hilfe gebraucht würde.

Stadt begleitet Ehrenamtliche

Bei ihrem Einsatz werden die Ehrenamtlichen von den städtischen Sozialarbeitern intensiv begleitet. „Wir versuchen, dass die Ehrenamtlichen nicht alleine sind, professionell begleitet werden und immer Ansprechpartner bei uns finden“, sagt Westermann. Entsprechend wichtig sei der regelmäßige Austausch zwischen den städtischen Mitarbeitern und den engagierten Bürgern. Erst am 24. März fand ein von der Stadt koordiniertes Treffen der Ehrenamtlichen statt, bei dem sich bereits Engagierte austauschen und neue Interessierte melden konnten. „Das war sehr ergiebig“, so Westermann, und zahlreiche weitere Menschen hätten ihre Hilfsbereitschaft bekundet.

Informationsveranstaltung für Ehrenamtlich in Celle
Austausch und Information beim Ehrenamtlichen-Treffen im Celler Schloss

Erfahrungen von 2015 und 2016 helfen

Die Zuwanderungsagentur in Celle wurde 2016 im Kontext der damaligen Flüchtlingskrise ins Leben gerufen. Nachdem sie den Betrieb zwischenzeitlich heruntergefahren hatte, wird sie nun personell wieder deutlich aufgestockt. Zudem sind durch die Erfahrungen mit der Bewältigung der Flüchtlingskrise vor sechs Jahren laut Westermann schon viele Strukturen und Erkenntnisse vorhanden, von denen die Mitarbeiter nun sehr zehren könnten.

Unterschiede zur letzten Flüchtlingskrise

Doch auch wenn die Erfahrungen von 2015 und 2016 helfen: Die Unterschiede zwischen den Flüchtlingskrisen sind aus Sicht von Westermann groß. Waren es damals vor allem Familienverbände und männliche Einzelpersonen, kämen nun vor allem alleinerziehende Frauen und Kinder, für die eine schnelle Beschulung und Betreuung extrem wichtig sei. Gerade erst haben die städtischen Mitarbeiter eine Kinderbetreuung ins Leben gerufen und organisiert, bei der neben dem pädagogischen Fachpersonal wiederum etliche Ehrenamtliche mithelfen werden.

Was die Lage noch unterscheidet: „Wirklich alle Ukrainer, mit denen ich bisher zu tun hatte, wollen unbedingt zurück in ihre Heimat, sobald der Krieg vorbei ist“, sagt Westermann. Die Perspektive sei hier eine vollkommen andere: „Die Flüchtlinge sind ganz eng mit ihrem Land verbunden und wollen es unbedingt wieder aufbauen, sobald das möglich ist. Bis dahin machen wir bestmöglich unsere Arbeit und helfen ihnen zusammen mit den Ehrenamtlichen dabei, hier wieder zur Ruhe zu finden“

Umfrage unter deutschen Kommunen

Eine aktuelle Umfrage bei den 100 größten Städten Deutschlands von Report Mainz ergab, sehen sich knapp 41 Prozent der Antwortenden durch den Andrang von Geflüchteten aus der Ukraine belastet bis überlastet. Die Städte gaben an, dass vor allem personelle Engpässe und die Frage der Unterkunftsbereitstellung die größten Herausforderungen seien. An der Befragung nahmen 66 Städte teil.Auf Anfrage von Report Mainz teilte etwa die Stadt Wiesbaden mit: "Ohne die vielen privaten Unterbringungen wären wir schon längst über der Kapazitätsgrenze unserer Gemeinschaftsunterkünfte. So sind wir am Limit und stehen jede Woche vor der Entscheidung, Turnhallen nutzen zu müssen."