Maßnahmen gegen Periodenarmut
Gratis-Tampons: Was Kommunen wirklich zahlen
In verschiedenen Bundesländern haben sich einzelne Kommunen entschieden, sogenannte Frauenhygieneartikel - Tampons und Binden - kostenfrei auszugeben. Vor allen in Schulen, oft auch in Rathäusern und öffentlichen Toiletten. Eine dpa-Umfrage bei baden-württembergischen Kommunen, die sich zur Ausgabe von Gratis-Tampons entschieden haben, zeigt: Die Angebote werden gut angenommen. Zugleich zeigt die Umfrage: Als freiwillige Leistung stehen sie in der Finanzkrise auf dem Prüfstand.
Die Umsetzung unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Tübingen betreibt 26 Spender in Schulen, im Rathaus, in der Stadtbücherei, im Stadtmuseum und in öffentlichen Toiletten. In Mannheim haben zwölf Schulen Automaten aufgestellt. Karlsruhe verzichtet auf Automaten und gibt die Produkte über Schulsekretariate und Jugendhäuser aus. Pforzheim bestückt öffentliche Toiletten, den Wildpark und den Bahnhof. Die meisten Angebote sind jung: Stuttgart startete 2020, Heidelberg und Freiburg folgten 2022, Tübingen, Ulm und Ludwigsburg 2023, Pforzheim und Heilbronn 2024, Mannheim erst 2025.
Kosten kostenloser Menstruationsartikel: von 2.300 Euro bis sechsstellig
Die Ausgaben der Städte für kostenlose Menstruationsartikel gehen weit auseinander. Freiburg rechnet mit jährlichen Kosten im unteren sechsstelligen Bereich. Dafür stattet die Stadt alle weiterführenden Schulen, Sporthallen und öffentlichen Toiletten aus. Heidelberg nennt rund 38.000 Euro pro Jahr für Bereitstellung und Befüllung der Spender. Heilbronn gab 2024 rund 8.500 Euro für die Beschaffung aus. Mannheim plante für 2025 und 2026 je 10.000 Euro für die Erstausstattung der Schulen ein. Pforzheim kommt im Schnitt auf 2.300 Euro jährlich.
Die belastbarste Vollkostenrechnung liefert derzeit Potsdam. Dort bezifferte Stadtkämmerer Burkhard Exner die Kosten des Stadtverordnetenbeschlusses auf 70.000 Euro für die Aufstellung plus über 50.000 Euro jährlichen Betrieb. Im Frühjahr 2025 stattete der Kommunale Immobilien Service 167 Toiletten aus – in Schulen, Verwaltungsgebäuden, Bürgerhäusern, Kultureinrichtungen und Sportanlagen.
Der Dauerposten steckt im Nachfüllen
Für Kämmereien wichtig: Der Dauerposten ist nicht die Anschaffung. Ein Spender kostet einmalig einen niedrigen dreistelligen Betrag. Teuer ist das regelmäßige Nachfüllen. Zudem taucht der Posten nicht überall transparent im Haushalt auf. Mannheim deckt die Befüllung über die allgemeinen Betriebsmittel der Schulen. Heidelberg hat Finanzierung und Befüllung nach dem Pilotprojekt auf die jeweiligen Einrichtungen verlagert. Das erschwert den Kostenvergleich zwischen Kommunen.
Hohe Nachfrage, kaum Missbrauch
Die Kommunen berichten von guter bis sehr guter Annahme. In Konstanz waren Spender im Pilotprojekt 2024 teils nach zwei bis drei Tagen leer. Tübingen meldet keinen bekannten Fall von Vandalismus: "Die kostenlosen Menstruationsartikel werden verantwortungsvoll und bedarfsgerecht genutzt." Auch Potsdam registrierte in der Probephase seit 2022 keinen Vandalismus. Das in Ratsdebatten oft geäußerte Missbrauchs-Argument bestätigt sich damit in der Praxis kaum. Eine dokumentierte Ausnahme gibt es: In Magdeburg beendeten einzelne Schulen das Spender-Projekt wegen Vandalismus und Fehlnutzung. Sie geben die Produkte seither auf Nachfrage über Sekretariate und Schulsozialarbeit aus.
Periodenarmut: Gleichstellung, Gesundheit, Teilhabe
Die Städte begründen ihr Engagement mit Gleichstellung und Gesundheit. Freiburg will nach eigenen Angaben "Barrieren abbauen, die Gesundheit und Chancengleichheit fördern". In Mülheim an der Ruhr, wo seit 2022 alle weiterführenden Schulen Spender haben, sagt die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte Sabine Herrmann: "Wir fördern mit diesem Projekt die Chancengleichheit auf ganz praktischem Weg."
Empirische Grundlage der Debatte ist eine repräsentative Befragung von Plan International und WASH United aus dem Jahr 2021. Sie gilt als wichtigste Datenquelle zur sogenannten Periodenarmut – also dem Umstand, dass sich Menschen Menstruationsprodukte aus finanziellen Gründen nicht ausreichend leisten können. Danach empfinden 23 Prozent der Mädchen und Frauen die monatlichen Ausgaben als Belastung. 15 Prozent versuchen, möglichst wenige Produkte zu verbrauchen. 12 Prozent zögern den Wechsel aus Kostengründen hinaus – mit erhöhtem Infektionsrisiko. Pro Jahr geben menstruierende Personen im Schnitt 550 bis 650 Euro für Periodenprodukte aus. Eine amtliche Statistik zu Periodenarmut existiert nicht.
Freiwillige Leistung unter Haushaltsvorbehalt
Rechtlich handelt es sich um eine freiwillige Selbstverwaltungsaufgabe. Ein Ratsbeschluss genügt, eine gesetzliche Pflicht besteht nicht. Genau das macht die Angebote kostenloser Menstruationsartikel in der kommunalen Finanzkrise angreifbar. Konstanz hat sein Pilotprojekt trotz hoher Nachfrage bereits weitgehend eingestellt – als bislang einzige der befragten Städte. Der Gemeindetag Baden-Württemberg dämpft die Erwartungen grundsätzlich. "In nahezu allen Städten und Gemeinden müssen etablierte freiwillige Leistungen gestrichen werden", sagt Gesundheitsdezernentin Luisa Pauge. Für neue freiwillige Leistungen sieht der Verband faktisch keinen Spielraum. Es stelle sich nicht die Frage der Bedarfsbewertung, sondern der Machbarkeit.
Gratis-Tampons bundesweit: von Hamm bis Schottland
Bundesweit folgt die Entwicklung einem ähnlichen Muster: Fraktionsantrag, meist zweijähriges Pilotprojekt, gute Annahme, dann Verstetigung unter Haushaltsvorbehalt. Als Referenzprojekt gilt Hamm mit 150 vandalismussicheren Automaten an 46 Standorten seit 2021. "Es gab 2021 keine Blaupause für diese Fragestellung", berichtete die Hammer Dezernentin Dr. Britta Obszerninks im Fachgespräch des NRW-Landtags. Düsseldorf orientierte sich später am Hammer Modell. Auf Landesebene ist ein Antrag im NRW-Landtag von 2022 bislang ohne gesetzliche Folge geblieben. International setzt Schottland den Maßstab: Als weltweit erstes Land verpflichtet es seit 2022 Behörden und Bildungseinrichtungen gesetzlich zur kostenlosen Abgabe. In Deutschland bleibt die Entscheidung dagegen bei jedem einzelnen Gemeinderat – und damit bei jeder Haushaltsberatung aufs Neue.


