Katastrophenschutz beim Stromausfall
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Ergebnisse der Expertenkommission

Berliner Blackout: Lehren für jede Kommune

Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz legt eine Expertenkommission 150 Maßnahmen vor. Viele taugen als Blaupause für Kommunen jeder Größe: Warum 95 Prozent der Solaranlagen im Blackout keinen Strom lieferten, wieso 20 Watt über warme Wohnungen entschieden hätten – und wie Diesel-Logistik, Leuchttürme und Übungskalender funktionieren.

Fünf Monate nach dem schwersten Stromausfall der Berliner Nachkriegsgeschichte hat die Expertenkommission des Regierenden Bürgermeisters nun ihren Bericht vorgelegt. Die vier Fachleute um Ex-THW-Präsident Albrecht Broemme (der im August in der Webinarreihe "Sicherheit um 6" zu Gast sein wird) formulieren sieben Kernempfehlungen und rund 150 Einzelmaßnahmen. Ihre Zielmarke: Alle Akteure sollen bis 2029 ihre Kernfunktionen zehn Tage lang autonom betreiben können.

Auslöser war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde Anfang Januar. Über 100.000 Menschen in Steglitz-Zehlendorf waren tagelang ohne Strom – bei Frost und Schneefall. "Dieser Stromausfall war ein Weckruf", sagte Broemme bei der Vorstellung. Regierungschef Kai Wegner äußert sich so zu den Vorschlägen der Kommission: „Mein Ziel ist es, Berlin zur Modellstadt der Krisenfestigkeit zu machen." Viele Befunde des Berichts gelten dabei weit über die Hauptstadt hinaus. Die wichtigsten Lehren im Einzelnen.

Solaranlagen im Blackout: Ohne Inselbetrieb kein Notstrom

Rund 95 Prozent der Photovoltaikanlagen im Schadensgebiet lieferten trotz intakter Module keinen Strom. Der Grund: Netzgekoppelte Anlagen schalten sich bei einem Netzausfall automatisch ab. Ihnen fehlt die Inselbetriebsfähigkeit – also ein Wechselrichter mit Speicher, der ein eigenes Hausnetz aufbauen kann. Der Bericht nennt das ein "bis dahin kaum bekanntes Versorgungsdefizit". Die Kommission empfiehlt: Neuanlagen zur Insel- und Schwarzstartfähigkeit verpflichten, Bestandsanlagen auf Nachrüstung prüfen und PV-Inselstromlösungen mit Speicher gezielt fördern. Bei Neubau und Sanierung soll die Notstromfähigkeit der Gebäudetechnik zur Vorschrift werden.

Ähnlich ernüchternd der Befund bei der Wärme: Fernwärme und Gas lagen physisch an fast allen Häusern an. Es fehlte nur der Zündfunke der Heizung beziehungsweise 20 bis 30 Watt für die Umwälzpumpe. Kleinstnotstrom hätte gereicht – war aber nirgends vorbereitet.

Diesel-Logistik: Rahmenverträge vor der Krise schließen

Notstromaggregate nützen wenig ohne Treibstoff. In einer Klinik reichten 1.800 Liter Diesel nur rund 20 Stunden. Anfangs versorgte sich jede Organisation selbst, erst später half die Bundeswehr. Verfügbare THW-Aggregate ab 50 kVA blieben zugleich ungenutzt. Die Empfehlungen: eine Bestandsaufnahme aller Netzersatzanlagen als Planungsgrundlage, eine konsolidierte Diesel- und AdBlue-Logistik, Rahmenverträge mit Tankstellen und Logistikern sowie transparente Dieselreserven der kommunalen Unternehmen. Die Zuständigkeiten dafür sind vor der Krise verbindlich zu klären. Ein direkt übertragbarer Hebel für jede Kommune: Mindestautarkiepflichten gehören in Konzessionen, Betriebsgenehmigungen und Verträge mit Versorgern – sofort 72 Stunden, bis 2029 zehn Tage.

Anlaufstellen im Stromausfall: Vom Leuchtturm bis zur Kiezbox

Die Kommission schlägt ein dreistufiges Netz physischer Anlaufstellen vor. Resilienzhubs sind autarke Versorgungsknoten: Sie lagern knappe Güter wie Medikamente, erzeugen möglichst eigene Energie und versorgen Menschen wie Einsatzkräfte. Katastrophenschutz-Leuchttürme sind wohnortnahe Anlaufstellen – nach einheitlichem Standard und mit Notstrom ausgebaut. Kiezboxen ergänzen sie als stromautarke Kommunikationsknoten mit Zwei-Wege-Kommunikation zwischen Verwaltung und Bevölkerung. Die Boxen können schon im Alltag laufen, etwa für mehrsprachige Information und Umweltdaten – das macht sie bekannt, bevor die Krise kommt. Als Standorte eignen sich laut Bericht Schulen mit Großküchen, kommunale Kulturhäuser oder Bahnhöfe. Gastronomie, Suppenküchen und soziale Träger sollen als Notverpflegungspunkte eingebunden, je Bezirk verbindliche Supermarkt-Filialen mit Notstrom festgelegt werden.

Vulnerable Menschen: Register statt Zufall

Im Schadensgebiet lagen über 70 Pflegeeinrichtungen – doch es fehlten eine Datenbank vulnerabler Personen, Vorräte und eine aufsuchende Erreichbarkeit. Viele Betroffene lebten zudem allein. Die Kommission empfiehlt ein freiwilliges Register, in das sich stromabhängige Pflegebedürftige eintragen, definierte Tagesrationen für vulnerable Gruppen und feste bezirkliche Meldestrukturen. Berlin hat dafür bereits sein Datenschutzgesetz angepasst.

Kommunikation im Blackout: Radio schlägt App

Mobilfunkmasten hielten nur rund 30 Minuten durch. Die Kommission fordert 72 Stunden Pufferkapazität. Bis dahin gilt: UKW und DAB+ sind die verlässlichsten Kanäle, ein Batterie- oder Kurbelradio gehört in jeden Haushalt. Lautsprecherdurchsagen der Polizei erfolgten nur auf Deutsch – künftig soll die Ansprache mehrsprachig und in einfacher Sprache erfolgen, ergänzt um physische Aushänge an den Leuchttürmen. Organisatorisch wichtig: Die Pressearbeit gehört in eine Hand. Parallele Pressekonferenzen einzelner Stäbe konnten die Information im Januar nicht ersetzen. Auch Desinformation ist einzuplanen – etwa das Gerücht, THW-Aggregate seien in die Ukraine geliefert worden.

Katastrophenschutz üben – und die Großschadenslage früh feststellen

Der Bericht mahnt verbindliche Übungsrhythmen an: jährliche Übungen auf Landes-, halbjährliche auf Bezirksebene, dazu Funktionsübungen mit den Infrastruktur-Betreibern. Eine zentrale Lessons-Learned-Stelle soll jede größere Lage auswerten. Eine weitere Lehre: Erst die formale Feststellung der Großschadenslage machte Mittel frei und klärte Zuständigkeiten und Freistellungen. Kommunen sollten Auslöseschwellen daher vorab definieren – und im Ernstfall nicht zögern.

Eigenvorsorge: Drei Tage sofort, zehn Tage als Ziel

Die Eigenvorsorge der Bevölkerung erwies sich als mangelhaft. Die Kommission setzt auf eine Kampagne nach schwedischem Vorbild: zunächst drei Tage Bevorratung, perspektivisch zehn – mit Vorsorge als Thema in Kita und Schule, "Mikro-Vorrats-Sets" für Kleinstwohnungen und Kursen für ältere Menschen über soziale Träger. Medikamente sollen Haushalte für zehn Tage vorhalten, Fahrzeuge möglichst vollgetankt sein. 

KOMMUNAL bleibt am Thema dran

KOMMUNAL hat in diesem Jahr einen Fokus auf den kommunalen Katastrophenschutz gelegt – mit mehreren Formaten: Im Podcast KOMMUNAL.Perspektive sprechen wir mit Forscherinnen und Forschern, Praktikerinnen und Praktikern über Krisenvorsorge vor Ort – zuletzt in der Folge „Katastrophenschutz wird Chefsache" mit drei Gästen. Die Webinar-Reihe „Sicherheit um 6" liefert kompaktes Praxiswissen für Verwaltungen. Auf dem Forum KOMMUNAL entwickeln Teilnehmende beim Barcamp eigene Lösungen – und auf der Messe KOMMUNAL widmen wir dem Thema eine Stunde mit Diskussionsrunde.

Hintergrund: Die Expertenkommission zum Berliner Blackout

Der Kommission gehörten neben Broemme Charité-Chef Heyo K. Kroemer, Brigadegeneral a.D. Uwe Nerger und Ex-BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta an. Der Regierende Bürgermeister setzte sie nach seiner Regierungserklärung vom 15. Januar 2026 ein. Maßstab der Empfehlungen sind Krisen, die mehrere Bezirke betreffen und zehn Tage andauern. Die Umsetzung liegt nun bei Abgeordnetenhaus, Senat, Bezirken und Unternehmen. Der vollständige Bericht ist auf den Seiten der Senatskanzlei abrufbar.