Waldbrandbekämpfung
Wolkenfischen gegen Trockenheit - was ein Bürgermeister sich davon verspricht
Der Morgen beginnt für Bürgermeister Michael Engesser oft noch im Dunkeln. Mit dem Geländewagen fährt er die Wirtschaftswege hoch, durch den Wald, vorbei an Fichten und Tannen, hinauf auf über 1.200 Meter. Wo die Straße endet, steigt er aus und läuft den Rest zu Fuß. Oben, an einer Bergkante oder zwischen zwei Bäumen gespannt, wartet ein schlichtes Netz – ein Quadratmeter groß, an einem Gestell befestigt. Darunter eine Rinne, darunter ein Schlauch, darunter ein Kanister. Engesser kontrolliert, ob das Laub aus der Rinne entfernt ist, löst den Kanister, leert ihn, misst den Wasserstand, notiert ihn. Dann geht es weiter zum nächsten Standort.
Einzige Gemeinde in Deutschland mit Cloudfishing
Fröhnd hat 500 Einwohner, verteilt auf neun Ortsteile im Südschwarzwald und liegt im Landkreis Lörrach. Das klingt nicht unbedingt nach einem Ort, von dem Impulse für den bundesweiten Umgang mit dem Klimawandel ausgehen. Doch diese kleine Gemeinde ist die Einzige in ganz Deutschland, die ein System zum Wasserfischen aus Nebel und Wolken systematisch erprobt. An fünf Plätzen, auf dem Berg, zwischen 950 und 1.200 Metern Höhe.

Was die Gemeinde betreibt, nennt sich Cloudfishing – auf Deutsch: Wolkenfischen. Die Netze fangen Regen und Feuchtigkeit direkt aus dem Nebel und den vorbeiziehenden Wolken. Wenn die feuchte Luft gegen das Netz getrieben wird, kondensiert sie, tropft in die Rinne, fließt in den Kanister. Das Prinzip ist simpel, die Technik erprobt – aber bis Engesser sich darum bemühte, wurde es in Deutschland bisher noch nicht angewendet. Die Idee stammt von der Deutschen Wasserstiftung, die das patentierte System bislang ausschließlich in Regionen eingesetzt hat, in denen Wassermangel existenzbedrohend ist: im ostafrikanischen Eritrea, in Marokko und auch in Peru in Südamerika. Trockene, heiße Gegenden, in denen Nebel oft das einzige verfügbare Wasser ist.
Dass das Prinzip auch im Schwarzwald funktionieren könnte, hatte Engesser nicht selbst auf dem Schirm. Die Anregung kam von Eleonora Zickenheiner, einer Freundin. Die Forscherin machte ihn darauf aufmerksam. „Wir haben dann Kontakt zur Deutschen Wasserstiftung aufgenommen, um herauszufinden, ob das bei uns Sinn macht, dass man auf die Art und Weise Wasser sammelt, im Berg." Dort fand man die Idee gut und begleitet das Projekt seitdem. Schilder weisen vor Ort auf die Zusammenarbeit hin.
Wasserkollektoren an fünf Standorten in Fröhnd
Mit rund 6.000 bis 7.000 Euro Eigenanteil – die andere Hälfte wird gefördert, weil Fröhnd Teil eines Biosphärengebiets ist – startete die Gemeinde das Wolkenfischen. Im April vergangenen Jahres waren alle Wasserkollektoren an den fünf Standorten installiert, seitdem läuft das Monitoring. Engesser und seine Lebenspartnerin Sabine Strittmatter besuchen die Kollektoren abwechselnd, notieren Wassermengen und Niederschlag, tragen alles in Tabellen ein. Engesser kommt meist zweimal im Monat dort hoch, und das bei jedem Wetter. Im Oktober sollen belastbare Daten vorliegen. Dann wird klar sein, an welchen Standorten das Wolkenfischen lohnt – und an welchen nicht. Und ob das Wolkenfischen in einem deutschen Mittelgebirge überhaupt erfolgversprechend ist.
Im Oktober werden belastbare Daten vorliegen.“
„Das macht man auch in den Dritte-Welt-Ländern so, sie haben immer erstmal getestet", sagt Engesser. „Und wenn es Sinn gemacht hat, hat man an den entsprechenden Standorten auch größere Installationen vorgenommen." Wer ihm zuhört, merkt schnell: Das Projekt ist kein technisches Spielzeug, kein Alibi-Grünprojekt. Es ist die Antwort auf etwas, das er mit eigenen Augen beobachtet: Der Wald leidet. „Uns hat in den vergangenen Jahren der Borkenkäfer ziemlich zu kämpfen gemacht", sagt Engesser. Der Schädling, begünstigt durch Trockenheit und Wärme, verursacht im Schwarzwald zunehmend große Schäden. 51 Prozent des Landkreises Lörrach sind Waldfläche.
Wasser oben am Berg sammeln
Was Bürgermeister Engesser aber auch umtreibt, ist die Gefahr durch Waldbrände. „Voriges Jahr ist bei uns in der Gemeinde ein 430 Jahre alter Gasthof abgebrannt“, berichtet Engesser. Der Hochbehälter, der die zugehörige Ortschaft versorgt, war beim Löschen des Brandes nach anderthalb Stunden leer. „Ich weiß seither, dass 90 oder 100 Kubikmeter Wasser gar nichts sind, wenn es brennt." Nur die günstigen Umstände – Februar, Kälte, kein Wind – hätten Schlimmeres verhindert. „Die Feuerwehren hatten es gerade noch geschafft, Wasser aus Bächen aufzustauen und an den Brandherd zu befördern, als die Reserve des Hochbehälters aufgebraucht war.“ Ihm sei klargeworden: „Wenn der Berg oben brennt, dann brauchst du nicht mit fünf Kubikmeter in so einem Feuerwehrfahrzeug den Berg hochfahren. Dafür brauchst du zum Teil 20 bis 30 Minuten und in der Zeit brennt eine große Fläche." Löschflugzeuge gebe es im Landkreis Lörrach nicht. Was bleibt, ist die Prävention – und im besten Fall sammelt sich das Wasser schon oben auf dem Berg. „2018 war so schlimm – monatelang fiel kein Tropfen", erinnert sich der Bürgermeister. „Und das wird in Zukunft noch öfter passieren. Wir kommen von einem Rekord zum anderen."
Fröhnd mit steilstem Solarpark Deutschlands
Fröhnd ist keine Kommune, die abwartet. Engesser hat in den vergangenen Jahren Dinge angestoßen, die weit über das hinausgehen, was man von so kleiner Gemeinde erwartet: Der steilste Solarpark Deutschlands steht hier, geschaffen von den Elektrizitätswerken Schönau. „Die Kommunalabgabe von 0,2 Cent pro Kilowattstunde, die daraus entsteht, hat die Abwassergebühren um 50 Cent pro Kubikmeter gesenkt“, erzählt der Bürgermeister. „Als ich 2021 gestartet bin, lagen wir deutschlandweit an der Spitze.“
Zwei Windparks sind derzeit geplant, die Bürger und Bürgerinnen wurden dazu befragt. Engesser hat dazu eine neue Idee. Eine Fläche von einem halben bis dreiviertel Hektar muss offengehalten werden, um nötige Reparaturen am Windrad vornehmen zu können. Auf diesem Platz könnten aber Cloudfischer installiert werden. „Diese Bewirtschaftung ist möglich. Denn die Netze könnten im Bedarfsfall sehr schnell abgebaut werden“, erläutert er.
In Fröhnd fängt der Wald hinter dem letzten Haus an. „Die Natur hat bei uns einen ganz anderen Stellenwert", sagt Engesser. Er will ihr Potenzial auch auf ungewöhnlichem Weg nutzen – und sie damit schützen.

