Gründerförderung

Gründerförderung auf dem Dorf? – Aber unbedingt!

Diese Beispiele findet man überall: 25 Jahre lang arbeitete er als Ofenbauer in Anstellung. Doch im Kopf hatte Andreas Veit immer den Wunsch seinen eigenen Betrieb zu leiten - moderne Gaskamine, rustikale Kachelherde und praktische Warmluftöfen. So ging er vom alteingesessenen Betrieb in Rottweil rüber nach Niedereschach, um sich selbstständig zu machen. Warum gerade dorthin? Nicht zuletzt, weil die kleine Gemeinde ihre Gründer mit aller Kraft unterstützt.

Mit einer guten Gründerförderung können Kommunen ihre Arbeitslosenquoten verringern, ihren Altersdurchschnitt senken und Familien anziehen. Ein gutes Gründerklima in der Kommune kann auch für ein gutes soziales Klima sorgen. „Gründerbetreuung ist wichtig, um neuen Unternehmen in der eigenen Kommune zu Erfolg zu verhelfen“, sagt auch Werner Geerißen, Vorstand des Deutschen Verbands der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften. "Wenn man Leuten die Chance gibt sich durch die Gründung zu verwirklichen, ist das für die Gemeinschaft immer ein Gewinn.“ Nun sind Großstädte bei Gründern deutlich beliebter als kleine Kommunen. Doch auch als kleine Gemeinde, kann man für Start-Ups attraktiv sein. Geringere Mieten und Lebenshaltungskosten, sowie eine persönliche Beratung können kleine Kommunen positiv von der Großstadt abheben.

Best-Practice: Gründerförderung in Niedereschach

Darauf setzt auch die 6.000-Einwohner-Gemeinde Niedereschach im Schwarzwald. Sie zeigt wie eine Gründerförderung mit kleinem Budget in einer kleinen Kommune große Wirkung erzielen kann. Für ihr Gründerförderungsprogramm „EGON“ (Existenzgründungsoffensive Niedereschach) wurde die Kommune bereits beim Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ geehrt. In viereinhalb Jahren haben hier neben dem Ofenbauer noch 50 weitere Unternehmer gegründet. Warum die Gemeinde sich so um die Gründerförderung bemüht, erklärt Bürgermeister Martin Ragg so: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen, die heute viele Mitarbeiter beschäftigen, in zehn Jahren mit einem Bruchteil der Arbeitskräfte auskommen können. Als Stadt will man für genügend Arbeitsplätze sorgen und dafür muss man den Gründergeist wecken. Wer Arbeitsplätze schafft, der zieht junge Menschen und Familien an.“

So rief die Kommune 2013 EGON ins Leben. Das Programm funktioniert mit Akteuren in der Kommune, in verschiedenen Unternehmen sowie mit Ehrenamtlichen. Erster Ansprechpartner für Gründungsinteressierte ist immer der Bürgermeister. „Manche Leute kommen zu mir mit einer groben Geschäftsidee, andere mit einem fertigen Businessplan“, erzählt Ragg. „Je nachdem vermittle ich die potentiellen Gründer an einen unserer Lotsen oder direkt an externe Partner wie die Industrie- und Handelskammer." Die Lotsen sind – größtenteils verrentete – Geschäftsleute, die Gründer ehrenamtlich unterstützen. Sie helfen bei Bankgesprächen, Businessplänen und in vielen weiteren Situationen. So habe ein Gründer kürzlich zwei Tage vor Eröffnung seines Geschäfts noch immer keinen Telefonanschluss bekommen können. Die Lotsen haben viele Kontakte und können bei solchen Problemen helfen. 

Stadt unterstützt bei Immobilien

Die Stadt sucht währenddessen nach geeigneten Räumlichkeiten für die neuen Unternehmen. „Wir überlegten ein Gründerzentrum einzurichten“, erzählt Ragg. „Aber stattdessen haben wir die Chance genutzt durch eine sinnvolle Vermittlung die Leerstände in der Gemeinde zu verringern.“ Bei der Stadtverwaltung kennt man alle leerstehenden Hallen, Garagen und Ladengeschäfte und kann sie an Gründer vermitteln. „So haben wir seit EGON keinerlei langfristig leerstehende Immobilien mehr“, sagt Ragg. Das EGON-Programm sorgt in der Kommune zunächst für keinerlei Mehrkosten. Die Gemeinde bietet jedoch einen Gründertag an, bei dem sich neugegründete Unternehmen sowohl aus Niedereschach als auch aus anderen Kommunen vorstellen. Dieser wird unter anderem vom Land Baden-Württemberg finanziell gefördert. „Der Tag gibt immer wieder einen neuen Schub“, erzählt Ragg. „Viele Leute, die mit dem Gedanken spielen zu gründen, trauen sich dann auf uns zuzukommen.“ Deshalb lohne es sich hier in Redner und Pressearbeit zu investieren. 

Das wichtigste, das kleine Kommunen bei der Gründerförderung leisten können, ist laut Ragg die Beratung. „Finanzierungsmittel gibt es heute viele von Bund und Ländern“, sagt der Bürgermeister. „Aber die Beratung ist auch wichtig und die sollte man vor Ort bekommen.“ So hätten die Lotsen viele Tipps und Tricks, die Gründer nicht kennen. In Baden-Württemberg gibt es beispielsweise eine Förderung für Frauen, die sich im ländlichen Raum selbstständig machen. „Die Förderung wird vom Landwirtschaftsministerium vergeben“, sagt Ragg. „Würden Sie auf die Idee kommen, dort nachzufragen?“ Im vergangenen Monat wurde das Projekt zum ersten Mal bedeutend erweitert. Mit den Nachbargemeinden Deißlingen und Dauchingen zusammen, hat Niedereschach einen hauptamtlichen Wirtschafts- und Existenzgründerförderer eingestellt. Dieser wird in den drei Gemeinden einen Teil der Erstgespräche übernehmen und Seminare für Gründer anbieten. „Alleine hätten wir uns das nicht leisten können, aber zu dritt kann man die Kosten stemmen“, sagt Ragg. „So erhöhen wir unser Gründungspotential noch einmal.“ 

Positive Effekte zeigen sich bereits

Ragg zieht eine durchweg positive Bilanz des Programms. Während die neuen Unternehmen in Niedereschach am Anfang noch wenige Arbeitsplätze schaffen, braucht es meist nur ein bis zwei Jahre bis sie personell wachsen. Darüber hinaus gibt es einen positiven Nebeneffekt, den der Bürgermeister nicht erwartet hatte: „Mit den Gründern hat man Leute im Ort, die sich engagieren wollen. Viele Gründer helfen als Sponsoren bei Festen und Bauvorhaben.“ Aber auch darüber hinaus hätten sich einige der Jungunternehmer als hilfsbereit erwiesen. Andreas Veit hat beispielsweise geholfen das alte Backhaus zu sanieren. Und ein neu angesiedelter Steinmetz hat sich im Heimatmuseum und beim Mittelalterfest eingebracht. In Niedereschach ist man sich sicher, das Konzept ist in jeder Kommune umsetzbar. Bürgermeister Ragg ermutigt Gemeinden EGON zu übernehmen und bietet dafür auch seine Hilfe an. 

Aus dem boomenden IT-Bereich kommen nur einige wenige Gründungen in Niedereschach. Hier sieht Ragg eine Grenze der Möglichkeiten kleiner Kommunen. „Für technologisch ausgerichtete Start-Ups werden größere Städte immer interessanter sein“, sagt auch Werner Geerißen. Jedoch bedürfe es keiner Metropole, um neue Technologieunternehmen anzuziehen. „Ein Universitätsstandort eignet sich auch dann als Anziehungspunkt, wenn es sich nicht um eine Stadt wie Berlin oder Hamburg handelt.“ Das hat man sich in Paderborn zu Herzen genommen. Die Universitätsstadt will das „Silicon Valley von Ostwestfalen-Lippe“ werden. Schon länger bot die Universität der Stadt mit „TechUp“ Gründerhilfe speziell für den technologischen Bereich an. In diesem Jahr haben sich die Stadt und der Stadtmarketingverein „Paderborn überzeugt“ hier eingeklinkt und mit der Uni gemeinsam die „garage33“ gegründet. Es handelt sich um ein Gründerzentrum in Uninähe, das speziell auf technologieorientierte Start-Ups zugeschnitten ist. Die Gründerhilfe findet im gleichen Gebäude statt.  

„Durch TechUp war in der Stadt bereits ein Gründergeist vorhanden, den wir in der garage33 nutzen können“, sagt auch Jens Reinhardt, Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing der Stadt Paderborn. „In den letzten Jahren konnten wir so in Paderborn 170 Start-Ups mit 8.500 Arbeitsplätzen ansiedeln.“ Die garage33 ist nicht nur ein Coworking-Space, sie ist auch eine Plattform auf der sich Gründer und große Konzerne kennenlernen. „Als Stadt sind wir daran interessiert die Fachleute, die wir hier ausbilden, auch vor Ort zu halten“, sagt Reinhardt. „So bleibt Paderborn – obwohl es sich im ländlichen Raum befindet – weiterhin eine wachsende und junge Stadt.“ Man müsse nicht mit Berlin oder London mithalten, um interessant für Technologie-Start-Ups zu sein. Ohne die Universität wäre ein Konzept wie die garage33 jedoch deutlich weniger erfolgreich, gesteht Reinhardt.

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