Grundschulkinder gehen meist gern zur Schule.
Grundschulkinder gehen meist gern zur Schule.
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Schulkonzepte

Mehr Unterricht im Freien an Grundschulen

Mehr Unterricht draußen - das fordert die stellvertretende Vorsitzende des Grundschulverbandes, Ursula Carle. Die Schulträger sollten außerdem die Schulgebäude umgestalten, wünscht sich die Professorin für Elementar- und Grundschulpädagogik an der Universität Bremen.

KOMMUNAL  Frau Dr. Carle, Studien zufolge belastet die Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche stark. Wie dramatisch ist die Situation?

Ursula Carle:  Wie die gesamte Gesellschaft, waren und sind auch die Kinder in der Corona-Pandemie sehr stark isoliert. Doch es gibt Unterschiede: Bei uns auf dem Land, wo ich wohne, haben die Kinder draußen viel miteinander gespielt. Sie haben die Umgebung untersucht, neue Spielideen entwickelt – und Erwachsenen viele Fragen gestellt. In meinem Wohnumfeld haben die 5 - bis 7jährigen Mädchen alle Inlineskaten gelernt. Einige haben sich dazu Anleitungen auf Youtube angeschaut. Die Kinder haben so gelernt, wie man im Internet etwas findet, das einem hilft.

Es gibt aber doch durchaus auch gravierende  Probleme.

Manchen Kindern und Jugendlichen konnten die Eltern in der Pandemie nicht den notwendigen Halt geben - weil sie in einer sozial schwierigen Situation leben, von Arbeitslosigkeit bedroht sind oder gar beide Eltern ihre Arbeit verloren haben. Die Pandemie hat bestehende Probleme noch verstärkt.

Wie unterschiedlich gingen die Länder mit der Pandemie um?

Es gab Bundesländer, die gut vorbereitet waren, dazu gehörte Bremen. Die Schulen wurden hier schnell mit Notebooks ausgestattet. Niedersachsen hat in meiner Wahrnehmung die Schulen nicht in eine ständige Auf- und Zu-Situation geschickt. Sie waren kaum geschlossen. In Baden-Württemberg sah es anders aus. Die Situation war geprägt durch wenig Unterricht und ein ständiges Hin und Her mit kurzfristigen Ankündigungen.

Manche Schulanfänger in Deutschland hatten in diesem Schuljahr nur zweieinhalb Monate Unterricht. Wie können Kinder das aufholen?

Zweieinhalb Monate - das ist ein Extremfall. Die meisten Kinder hatten in der Pandemie mehr Unterricht. Kinder lernen nicht im Wochen- oder Monatstakt. Aus ganz offenem Unterricht wissen wir, dass Kinder, wenn sie ihren Interessen nachgehen können, oftmals lange Zeit ein Fach vernachlässigen und später das Liegengebliebene ganz schnell lernen, weil sie dann motiviert dazu sind. Es ist anzunehmen, dass alle Kinder – sofern die Schulschließungen nicht weitergehen – die Standards der Grundschule erreichen werden, insbesondere die jetzigen Erstklässler.

Was hätte anders laufen müssen?

Mich hat die ganze Zeit gewundert, warum gerade in der Pandemie Draußenunterricht kein Modell ist. Schließlich wird er schon lange erfolgreich praktiziert und mit der Uni Mainz und der Technischen Universität München auch weiterentwickelt. Dass die Kinder auch im Freien unterrichtet werden, ist in den nordischen Ländern wie Dänemark, Schweden, Norwegen längst Alltag. Man hätte hier zur personellen Unterstützung sicherlich die Sportvereine einbinden können. Für Impfzentren wurdendie Trainer und Trainerinnen angeworben, für die Unterstützung von Draußenunterricht aber nicht.

Was kann der Schulträger tun?

In der Pandemiezeit könnte viel mehr Unterricht stattfinden, wenn auch noch andere Gebäude genutzt werden. Die Sporthallen stehen oder standen leer, auch im Gemeindesaal könnte in solchen Zeiten unterrichtet werden. Das bedeutet aber, dass die Hausmeister zusätzliche Aufgaben übernehmen müssten. Deshalb brauchen wir zusätzliches Personal, am besten mit einer pädagogischen Zusatzausbildung.

Wie kann Schule noch besser organisiert werden?

Alle im Ort sollten sich stärker zusammentun: Schule und Kita sowie Kommune, Vereine, soziale Organisationen und Behörden. Ein solches Netzwerk kann in Pandemiezeiten eine wichtige Stütze sein. Der Bürgermeister  oder die Bürgermeisterin könnte alle an einen Tisch bringen und den Austausch unterstützen, der durch Notzeiten trägt. Auf diesem Weg könnte auch Unterstützungspersonal in die Schule geholt werden. Beispiele gibt es quartiersbezogen in Großstädten wie Bremen aber auch in kleineren Gemeinden wie Mengerskirchen in Hessen.

Ursula Carle Vorsitzende des Grundschulverbandes
Die Schulexpertin Ursula Carle

Was ist mit der Digitalisierung?

Der Schulträger sollte dafür sorgen, dass die digitale Ausstattung rasch umgesetzt wird. Das Problem ist, dass die über den Digitalpakt angeschafften Endgeräte auch gewartet werden müssen. Dafür müssen das Personal und das nötige Geld vorhanden sein. An dieser Stelle sollten die Kommunen das Land in die Pflicht nehmen.

Was können die Kommunen noch beitragen, um die Schule zu verbessern? Schule muss heute anders geplant werden, deutlich oberhalb der Schulbaurichtlinien. Kinder sollen nicht stundenlang sitzen. Der Schulbau muss sich ändern, die Einrichtungsgegenstände sollten für einen offenen, inklusiven Unterricht taugen.  Es sollte mehr Wert auf eine großzügige Gestaltung des Außengeländes gelegt werden. Wichtig sind auch Sporthallen und Schwimmbäder, damit Kita- und Schulkinder schwimmen lernen und an Sport Interesse gewinnen.

Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass ab August 2026 alle Kinder der 1. Klasse einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung erhalten. Ab August 2029 soll jedes Grundschulkind einen Anspruch haben. Für die Kommunen eine Herausforderung.

Die Verzögerung um ein Jahr ist schade. Problematisch ist, dass der Fokus auf Betreuung liegt. Besser wäre es, die Ganztagsschule unter Berücksichtigung einer Rhythmisierung über den ganzen Tag einzuführen. Nur so kann der Unterricht entzerrt werden. Deutschland ist eines der wenigen Länder, die keine Ganztagspflicht haben. Im Ganztagsfinanzierungsgesetz ist geregelt, wie die Mittel an die Länder vergeben werden. Die Kommunen müssen dafür sorgen, dass der Verwendung nichts im Wege steht. Zu wünschen wäre, dass sie bei den Baurichtlinien flexibel sind, wenn ein zusätzliches Raumangebot nötig ist.



Weitere Informationen zu Ursula Carle und zum Grundschulverband..

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