Ko-Dorf: Das Dorf gewinnt neue Einwohner
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Eine Idee soll den ländlichen Raum zukunftsfit machen

Dorf der Zukunft

Mit einem neuen Konzept will eine ländliche Kommune attraktiver für gestresste Städter werden – und so zum Vorbild für andere Landstriche werden.

Durch die Berichterstattung von KOMMUNAL haben wir unser erstes Ko-Dorf gefunden“, freut sich Frederik Fischer und ein Grinsen huscht über sein Gesicht.

Fast ein Jahr ist es her, dass der Journalist einen Gastbeitrag für unser Magazin geschrieben hat. Darin hat er nach einem Grundstück gesucht, auf dem er das erste Ko-Dorf gründen kann. Direkt nach der Veröffentlichung haben sich viele Bürgermeister bei Fischer gemeldet. So auch Marco Beckendorf aus der Gemeinde Wiesenburg/ Mark. Und genau hier, im Ortsteil Wiesenburg, in der brandenburgischen Peripherie, nur eine Stunde entfernt von Berlin, soll nun der Traum von Fischer und seinen Mitstreitern in Erfüllung gehen. Das erste Ko-Dorf soll entstehen. Doch: Was ist ein Ko-Dorf eigentlich?

 

Frederik Fischer hat mit KOMMUNAL das erste Ko-Dorf gefunden
Mithilfe von KOMMUNAL hat der Journalist Frederik Fischer das erste Ko-Dorf gefunden

Man kann auf dem Land leben - ohne auf die Vorteile einer Stadt verzichten zu müssen

 

Hierbei handelt es sich um ein neues Konzept des Lebens und Arbeitens. Es soll ländliches Leben und städtische Infrastruktur miteinander verbinden und ein grüneres, ruhigeres Leben ermöglichen - ohne dass dabei auf die Vorteile einer Stadt verzichtet werden muss. Das Ko-Dorf soll sozusagen Arbeitsplätze, Kultur und Gemeinschaft aufs Land bringen. Dafür will Fischer gemeinsam mit einem Architektenteam auf einem ein bis zwei Hektar großen Gelände 30 bis 50 Wohnhäuser und mehrere Gemeinschaftsgebäude bauen.

 

Ko-Dorf: Mehr Einwohner für das Dorf gewinnen
Im Ko-Dorf kann jeder in seinem eigenen Haus wohnen, teilt sich aber die Gemeinschaftsflächen und Räume mit seinen Nachbarn

 

In diese können CoWorking Spaces, Gemeinschaftsküchen, Kinos, Seminarräume, Bars oder Restaurants ziehen – und somit das im Dorf etablieren, was eigentlich eine Stadt attraktiv macht. „Nicht jeder, der in einer Großstadt lebt, fühlt sich wohl hier. Vielen ist die Stadt zu groß, zu dreckig, zu laut. Der Wunsch nach Natur und Entschleunigung wächst. Und obwohl man genau diese beiden Attribute auf dem Land finden würde, ziehen nicht alle dorthin. Und Umfragen zeigen auch den Grund dafür: "Einige Menschen haben Angst davor, auf dem Land keinen Anschluss zu finden“, weiß Fischer.

Mit dem Ko-Dorf will er Städtern diese Angst nehmen. Denn hier kann zwar jeder in seinem eigenen Haus wohnen. Dennoch kommt man im Coworking Space, in der Gemeinschaftsküche, dem Yoga-Raum, dem Selbstversorgergarten oder anderen Einrichtungen mit seinen Nachbarn in Kontakt. „Ich glaube, dass wir mit unserer Idee den Nerv der Zeit treffen, weil sich viele Menschen nach Gemeinschaft sehnen. Denn durch die sozialen Medien erleben wir eine Art Entfremdung – auch im unmittelbaren Freundeskreis. Etwa, wenn Bekannte plötzlich durch radikale Äußerungen auffallen“, spricht Fischer aus eigenen Erfahrungen. Im Ko-Dorf steht deshalb nicht so sehr der Einzelne im Vordergrund, sondern das Wir: Gemeinden stellen die Fläche zur Verfügung und schaffen Planungsrecht. Künftige Einwohner bezahlen den Bau der Häuser und entscheiden gemeinsam, was mit der Fläche passiert. In Wiesenburg soll das Konzept vor allem eine Zielgruppe anlocken. Nämlich Digitalarbeiter, die von überall aus arbeiten können und dafür lediglich einen Laptop und Internet brauchen.

 

Das Ko-Dorf in Wiesenburg soll neue Einwohner aufs Land bringen

 

Anstatt klassischer Einfamilienhäuser finden die Arbeiter hier kleinere Einheiten, die zwischen 24 und 71 Quadratmeter groß sind. Der günstigste Preis eines Hauses liegt bei rund 100.000 Euro. „Das ist natürlich nicht ganz billig, aber wir achten beim Bau auf ökologische Standards und arbeiten mit lokalen Handwerksbetrieben, die wir fair bezahlen wollen“, erklärt Fischer. „Für unser Vorhaben ist Wiesenburg wirklich perfekt. Wir können kaum glauben, dass wir dieses Grundstück gefunden haben. Es liegt am Bahnhof und ist nur eine Stunde Zugfahrt von Berlin entfernt“, sagt Fischer glücklich.

In der Nähe des künftigen Ko-Dorfes gibt es einen Natur-Golfplatz, auf dem man Zeit mit der Familie und Freunden verbringen kann sowie einen Schlosspark, um in der Natur abzuschalten. Und auch Marco Beckendorf, der Bürgermeister von Wiesenburg/Mark freut sich auf das Projekt: „Früher hatten wir hier viele Arbeitsplätze im Ort. Nach der Wende hat sich das geändert. Großbetriebe haben dicht gemacht´und heute liegen viele Areale brach.“ Die ungenutzten Flächen bezeichnet er als „Narben der Wende“. Er glaubt, dass die Brachen die Menschen ständig an die negativen Folgen der Wende erinnern und deshalb viele von ihnen die deutsche Wiedervereinigung sehr kritisch betrachten. „Aber wir wollen nicht, dass die Menschen auf Kriegsfuß mit dem Westen stehen und die Wiedervereinigung nur mit der Abwanderung von Familien, Freunden oder Betrieben verbinden. Sondern wir wollen, dass sie positiv denken. Das Ko-Dorf gibt uns die Chance, die Brachen zu reaktiveren und junge Menschen aufs Land zu holen, die Lust auf einen Mix aus städtischem und ländlichem Leben haben. Ich hoffe, dass wir mit unserem Projekt ein positives Beispiel für Kommunen mit ähnlichen Problemen werden“, sagt Marco Beckendorf. Doch damit nicht genug. In und um Wiesenburg wird zeitgleich an weiteren Projekten gearbeitet.

 

Probewohnen und CoWorking Spaces sollen den Ort attraktiv für neue Einwohner machen

 

In der Stadt Wittenberge, die zwei Stunden mit dem Auto entfernt liegt, können sich Digitalarbeiter ein halbes Jahr lang in eine Wohnung einmieten und zahlen dafür nur einen Obolus. Zudem sollen in der Region mehrere CoWorking Spaces entstehen. In diese können sich Firmen einmieten, Workshops halten und in einer Tageswanderung durch die Natur den nächsten CoWorking Space erreichen. Zudem will die Gemeinde Wiesenburg/Mark auf einer alten Brache mehr Sozialwohnungen und günstige Häuser bauen. „Hierbei hoffen wir auf eine andere Zielgruppe: Nämlich Menschen, die gerne im Grünen leben wollen, aber denen das Leben in den Nachbarregionen zu teuer ist“, erklärt Beckendorf.

 

"Wir glauben nicht, dass wir mit unserer Idee scheitern werden"

 

Der Bürgermeister von Wiesenburg stellt das Ko-Dorf vor
Auf einer Veranstaltung zeigt der Bürgermeister, wie Wiesenburg mithilfe des Ko-Dorfes und CoWorking Spaces zum Trendort werden will

 

Die Resonanz auf die vorgestellten Projekte ist gut. Auch unter den Einwohnern. Doch auf einer Veranstaltung, auf der Marco Beckendorf anderen brandenburgischen Kommunalpolitikern das Konzept vorstellt, erfährt er Kritik: „Uns wurde ans Herz gelegt, dass wir uns als Gemeinde stärker um familienfreundliche Strukturen bemühen müssen. Zum Beispiel, indem wir mehr Kitas und Schulen bauen. Weil wir nur so zum attraktiven Wohnort für junge Familien werden.“ Dass das Projekt Ko-Dorf scheitern könnte, glauben er und Fischer aber nicht: „Wir haben bereits über 300 Anmeldungen für unsere erste Info-Veranstaltung in Wiesenburg und knapp 1.000 Newsletter-Registrierungen und es berichten zahlreiche Medien über uns“, zählt Fischer auf.

 

Ko-Dorf in Wiesenburg
Die ersten Interessenten gibt es bereits. Foto von: Mathias Klenke

 

Mittlerweile erreichen ihn auch viele Nachrichten von anderen Bürgermeistern. Sie alle haben Interesse daran, auch in ihrer Kommune ein Ko-Dorf zu gründen. Allein aus Südwestfalen haben sich mehr als 10 Städte und Gemeinden gemeldet. „Ich denke, dass Kommunen nicht nur von einem besseren Image sondern auch wirtschaftlich vom Ko-Dorf profitieren werden. Erstens können sie die Grundstücke über Erbpachtverträge vergeben und damit Geld einnehmen und zweitens ermöglicht die wirtschaftliche Nutzung ja ebenfalls Steuereinnahmen, gerade in Südwestfalen spielt zudem die höhere Attraktivität für Rückkehrer und Fachkräfte eine große Rolle“, erklärt Fischer die Vorteile.

Haben wir bald in ganz Deutschland Ko-Dörfer?

 

Doch: Welche Bedingungen muss man als Kommune erfüllen, um das Konzept erfolgreich umsetzen zu können? Für Fischer ist zum einen die Lage des Grundstückes und dessen Nähe zu einem Bahnhof, aber auch der Charakter des Bürgermeisters entscheidend: „Wir ziehen alle an einem Strang und da muss die Chemie zwischen uns und den Verantwortlichen vor Ort einfach passen. Marco Beckendorf ist jung, offen und dynamisch und das ist für so ein Projekt elementar“, erklärt er. Er hofft, dass das Ko-Dorf in drei Jahren fertig ist und er dann mit seiner Familie einziehen kann. Wann die nächsten Ko-Dörfer folgen werden, weiß Fischer nicht. Aber er freut sich schon.

 

Lesen Sie hier den Gastartikel, den Frederik Fischer vor einem Jahr bei uns publiziert hat

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