Einzelhandel retten - Future City Langenfeld machts es vor
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Wie kann der Einzelhandel bestehen?

Mo, 20.05.2019

Im westfälischen Langenfeld erforscht ein privates Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Kommune, wie Innenstädte zukunftsfähig werden. Die Gretchenfrage: Wie können traditionelle Einzelhändler in Konkurrenz zum Onlinehandel bestehen.

Text: Annette Lübbers

Frank Rehme aus Düsseldorf nennt sich selbst einen „Strukturwandel auf zwei Beinen“. Der 57-Jährige stammt eigentlich aus dem Ruhrgebiet und malochte als junger Steppke noch unter Tage. Schon früh erkannte der Bergmann, dass die Zeit der Kohle zu Ende ging – und sah sich in anderen Branchen um.

Heute ist er Inhaber der Manufaktur „gmvteam GmbH“, deren Mitarbeitende sich mit neuen Innovationen und Zukunftsprojekten beschäftigen. Die Abkürzung „gmv“ steht für „gesunder Menschenverstand“. Aktuell arbeitet er daran, in Langenfeld Ideen für die Zukunft deutscher Innenstädte zu entwickeln. Die kleine Stadt mit ihren etwa 57.000 Einwohnern soll eine „Future City“ werden. Die Idee für das Projekt hatte Frank Rehme, als er noch beim Metrokonzern beschäftigt war. „Für die Metro habe ich damals an der Frage gearbeitet, wie ein future store, ein Handelsplatz der Zukunft, aussehen müsste. Damals ist mir aufgefallen, dass es in Deutschland für den Handel nur wenige ,living laps‘ gab, also Forschungslabore, in denen Prototypen neuer Produkte entwickelt und marktreife Artikel von Konsumenten getestet werden können. In der Zusammenarbeit mit der Stadt Langenfeld habe ich vor einigen Jahren diese Überlegungen wieder aufgegriffen – und bei unserem Bürgermeister Frank Schneider auch gleich ein offenes Ohr dafür gefunden. Denn der Mann denkt weniger wie ein Politiker, sondern mehr wie ein Unternehmer“, erklärt Frank Rehme.

 

Einzelhandel retten
Frank Rehme erklär in KOMMUNAL, wie Innenstädte zukunftsfähig gemacht werden können

 

Schwierige Zeiten für den Einzelhandel

 

Schon jetzt hat der digitale Handel weite Teile des Einzelhandelsumsatzes früherer Tage auf sich gezogen. Betrug der Warenumsatz im E-Commerce 2014 noch 42,8 Mio., waren es drei Jahre später schon 58,5 Mio. Tendenz steigend. Die Folgen des Online-Shoppings sind gerade in kleineren Städten wie Langenfeld gut zu besichtigen: Die Innenstädte ziehen immer weniger Menschen an. Einzelhändler schließen ihre Tore und die ehemals turbulenten Fußgängerzonen veröden zusehends. Mit fatalen Folgen: Die Kaufkraft der Konsumenten wird abgezogen, die urbane Lebensqualität nimmt ab, die Immobilienpreise sinken und damit auch die Einnahmen der Städte. Frank Rehme hält diesen Wandel zwar für unumkehrbar, trotzdem glaubt er nicht, dass der klassische Einzelhandel zum Aussterben verurteilt ist.

 

Worum es den Kunden geht

 

„Wir Menschen sind noch immer soziale Wesen und brauchen einen Ort, mit dem wir uns verbunden fühlen. Das ist normalerweise aber nicht die Stadt als Ganzes betrachtet, sondern der Kiez, in dem wir leben. Die Stadt der Zukunft sollte deshalb den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Heutzutage muss Shopping nicht nur Bedürfnisse befriedigen, sondern auch einen Erlebniswert haben. Und deshalb ist es so immens wichtig, dass sich Einzelhändler aktiv mit ihrer Zukunft beschäftigen “, unterstreicht Frank Rehme. Wie eine Stadt ihren Bürgern zukünftig beides bieten kann, daran arbeitet Frank Rehme unter dem Motto „Future City Langenfeld“ bereits seit dem Jahr 2016.

„Zunächst haben wir in verschiedenen Workshops mit den Bewohnern der Stadt versucht herauszufinden, was die Menschen vorrangig von der Innenstadt fernhält. Das erste Problem war schnell erkannt: die Parksituation“, erzählt Frank Rehme. Daraufhin entwickelte der Unternehmer zusammen mit der Stadt das Projekt „Stadtschlüssel“. Bürgern wurden zwei Funk-Chipkarten ausgehändigt. Eine für das Auto, eine für den Schlüsselbund. Mit der einen Karte können die Teilnehmer berührungslos in die Parkhäuser der Stadt einfahren, mit der anderen werden pro getätigtem Einkauf Parkgebühren gutgeschrieben. Ein großer Erfolg: 87 % der Teilnehmenden benutzen den Stadtschlüssel regelmäßig. 93 % finden die Handhabung des Schlüssels zufriedenstellend. Ein weiterer Pluspunkt für den Einzelhandel: Noch immer gibt es viele Menschen, die sich zwar online ausführlich über Produkte und Preise informieren, dann aber doch lieber in einem Laden nahe ihres Wohnortes einkaufen. Jedenfalls dann, wenn der Artikel in kurzer Entfernung angeboten wird. Händler mit einem integrierten Warenwirtschaftssystem – etwa den großen Elektronikketten – fällt es leicht, ein umfangreiches Sortiment anzubieten. Für die kleineren Händler gilt das zumeist nicht. Mitarbeiter des gmvteams schafften Abhilfe.

Frank Rehme erklärt: „Ein Kreativhaus in Langenfeld verfügt zum Beispiel über eine große Auswahl an Wolle, Strick- und Häkelzubehör, Perlen und Bastelartikel. Dieser kleinere Laden war für uns ein idealer Partner. Wir haben den Laden an die Google Local Inventory Ads angeschlossen, eine Auswahl des Sortiments digitalisiert und ansprechendes Bildmaterial geschossen. In einem zweiten Schritt wurde der Warenbestand plus Preisinformationen mit dem Google-Service verbunden. Jetzt erscheint bei der Google-Suche der eher kleine Laden mit seinem Sortiment an vorderster Stelle und der Kunde hat die Wahl: Übers Internet bestellen oder gleich im Laden vorbeischauen. Eine Vorgehensweise, die die Performance kleinerer Einzelhändler stark verbessern hilft und neue Laufkundschaft in unsere Innenstadt zieht.“

„Heutzutage muss Shopping nicht nur Bedürfnisse befriedigen, sondern auch einen Erlebniswert haben.“ Frank Rehme, Projektleiter Future City Langenfeld

 

Nicht jede Idee für die Rettung des Einzelhandes funkioniert auf Anhieb!

 

Natürlich gab es auch Probedurchläufe, die von den Bürgern weniger gut angenommen wurden. „Da nicht alle kleineren Läden so lange geöffnet haben können wie die großen Märkte, wollten wir den Kunden die Möglichkeit geben, Produkte des Sortiments nach Feierabend zu scannen und sie damit animieren, zu den Öffnungszeiten wiederzukommen. In dem Fall mussten wir allerdings erkennen, dass das für die Kunden kein sehr bequemer Weg ist. Also haben wir dieses Projekt nicht weiterentwickelt“, resümiert Frank Rehme und kommt dann gleich auf eine weitere Erfolgsgeschichte zu sprechen: die sogenannte WhiteBox. Auf 300 Quadratmetern hat das Team eine Art Pop-Up-Future-Store eingerichtet. Hier werden neue Handelsformate getestet und interessierten Kunden und Händlern leicht anwendbare digitale Techniken und Konzepte erläutert, die den stationären Handel und die Gewohnheiten der Konsumenten verändern könnten.

Frank Rehme: „Wir wollen lernende Händler und technikbegeisterte Bürger in die WhiteBox ziehen. Und das gelingt bisher ganz prima.“ Ein Ende der Projekte im Dienste deutscher Städte ist nicht in Sicht. „Wir entwickeln – in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und einer Kölner Fachhochschule – ständig neue, praxisnahe und lösungsorientierte Ansätze, die wir dann hier in Langenfeld testen. Was gut ankommt, wird weiterentwickelt. Was nicht zieht, verschwindet in der Schublade.“ Die Arbeit seines Teams kostet Langenfeld – nichts. „Als Unternehmen haben wir selbst etwa 300.000 Euro investiert. Im Moment verdienen wir unser Geld damit, dass wir andere Städte in diesem Entwicklungsbereich beraten. Denn natürlich sollen die Ergebnisse unserer Langenfelder Laborversuche auch anderen Städten zugute kommen“, erläutert der Projektchef. Für die Stadt vor den Toren der Landeshauptstadt Düsseldorf hat sich das Engagement des ehemaligen Bergmanns jeden Fall schon gelohnt.

Die Jury des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ wählte Langengeld 2018 aus über 1.500 Bewerbungen als eine der innovativsten in Deutschland aus.

 

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