Konsum
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Coronakrise

Weniger Konsum - Fragilität des Wohlstands

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Ausbreitung des Coronavirus haben uns schmerzlich vor Augen geführt, wie fragil der materielle Wohlstand tatsächlich ist, in dem die meisten von uns leben dürfen, meint KOMMUNAL-Gastautorin Ilona Benz.

Wie so oft gibt es dafür zwar nicht die eine Ursache, aber doch einen Begriff, der sich geradezu aufdrängt: Abhängigkeit. Weil unser Wohlstand materieller Art ist, ist er abhängig von stetig steigendem Wirtschaftswachstum. Gewinne und Einkommen füllen unseren persönlichen Geldbeutel und die Abgaben darauf das Staatssäckel und ermöglichen so immer mehr Investitionen und Konsum. Ein Kreislauf setzte ein, dessen Funktionieren auf einer gegenseitigen Abhängigkeit von Input- und Output-Faktoren basiert.

Die Angst etwas zu verpassen ist symptomatisch für unsere Zeit

Konsum wurde zur Bedingung für mehr Konsum. Und so hat das Konsumieren über Jahre und Jahrzehnte jeden Winkel unseres Lebens erobert. Konsumfreie Zeit und Orte sind nahezu verschwunden. Mit der Digitalisierung wurde der Konsumismus noch auf ein neues Level gehoben. Das Smartphone ermöglicht uns ortsunabhängigen Konsum rund um die Uhr. Wenn wir nicht digital einkaufen, konsumieren wir Musik, Videos, Nachrichten, Bilder, Informationen und Erlebnisse. Aus Menschen wurden Konsumenten. Das Phänomen „Fear of missing out (FOMO)“, es beschreibt die Sorge, etwas zu verpassen, ist symptomatisch für die omnipräsenten, überfordernden Konsummöglichkeiten.

Eingeschränkter Konsum wirkt sich auf Ökonomie und Gesellschaft aus

Wenn Maßnahmen zur Eindämmung eines Virus (analogen) Konsum einschränken, wird nicht nur dem ökonomischen System die Funktionsgrundlage entzogen. Auch die Konsumenten verlieren die Orientierung. Wo soll man sich treffen, wenn Kneipen, Clubs, Bars, Restaurants, Cafés und Bistros geschlossen sind? Und welchen Inhalt soll überhaupt ein Treffen haben, bei dem keine Lebensmittel, keine Musik, keine Bilder und kein Erlebnis konsumiert werden können? Der Mangel an Konsummöglichkeiten hinterlässt auch eine große Leere. Leere Terminkalender, leere Plätze und Straßen und leere Innenstädte.

Sähe so die Alternative aus?

Man kann diese Entwicklungen nun bedauern, oder als Handlungsfreiheit begreifen. Wie wäre es beispielsweise mit einem konsumfreien öffentlichen Platz im Ortskern, der nicht nur durch seine optische Gestaltung zum Verweilen einlädt, sondern auch durch seine Atmosphäre? Ein Ort, an dem sich Menschen allen Alters und quer durch die sozialen Schichten begegnen, sich Geschichten erzählen und gegenseitig Dinge beibringen, aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen, ihre Fotoalben und -bücher zeigen, gemeinsam musizieren oder sich bewegen. Ein moderner Platz am Lagerfeuer sozusagen.

Ideen abseits des Konsums gibt und gab es schon immer viele, jetzt gibt es zum ersten Mal in zahlreichen Städten und Gemeinden auch den zur Realisierung erforderlichen Gestaltungsraum. Machen wir etwas daraus.

Ilona Benz ist Leiterin der Stabsstelle Digitalisierung beim Gemeindetag Baden-Württemberg. Die Autorin ist per E-Mail an ilona.benz@gemeindetag-bw.de zu erreichen.